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Durchgebinget – „Das letzte Wort“ (Netflix)

In aller Kürze. „Das letzte Wort“ ist eine neue Kurzserie mit der deutschen Schauspielerin und Komikerin Anke Engelke. Kernthema der Serie sind der Tod von nahestehenden Personen und der Umgang der Hinterbliebenen mit diesen Schicksalsschlägen. Der nachfolgende Beitrag wird Spoiler enthalten, auch wenn diese dem Sehgenuss kaum abträglich sein dürften: viel mehr geht es bei dieser Serie um die Emotionalität, die über die Bilder transportiert wird.

Steckbrief

  • Erscheinungsdatum: 17. September 2020
  • Genre: Dramedy
  • Episoden: 6 (1 Staffel)

SchauspielerInnen:

  • Anke Engelke (Karla Fazius)
  • Thorsten Merten (Andreas Borowski)
  • Nina Gummich (Judith Fazius)
  • Aaron Hilmer (Ronnie Borowski)
  • Johannes Zeiler (Stephan Fazius)
  • Claudia Geisler-Bading (Frauke Borowski)
  • Gudrun Ritter (Mina Dahlbeck)
  • Juri Winkler (Tonio Fazius)
  • Dela Dabulamanzi (Dr. Zina Owusu)

Wovon handelt die Serie?

Die Serie beginnt mit einer Feierlichkeit zum 25. Hochzeitstag zwischen Karla und Stephan Fazius. Als die beiden Ehepartner sich nach der Feier noch einen gemütlichen Abend machen wollen, klappt Stephan Fazius am Esstisch tot zusammen.

Von Beerdigungen und Trauerreden

Zusammen mit dem Bestattungsunternehmen Borowski, bestehend aus Andreas und Frauke Borowski sowie Fraukes Sohn Ronnie, bemüht sich Familie Fazius um eine würdige Beerdigung für den verstorbenen Stephan. Erschwert wird das durch einen finanziellen Engpass. Nicht nur verliert die Familie mit Stephan den einzigen Verdiener des Haushalts. Dieser verdient auch schon seit zwei Jahren kein großes Geld mehr. An der Trauerfeier muss Andreas Borowski selbst als Trauerredner auftreten, da er niemanden mehr dafür auftreiben konnte. Weil das nicht gut klappt, übernimmt übernimmt Klara kurzerhand selbst die Abschiedsrede für ihren Mann, die demzufolge sehr persönlich, aber auch sehr außergewöhnlich wird. Für Klara ist aufgrund der positiven Resonanz klar: Trauerrednerin wäre ein Job, der für sie in Frage käme.

Für den Rest der Serie arbeitet Klara Fazius mit Andreas Borowski zusammen, bietet sich Hinterbliebenen als Trauerrednerin an und versucht, so stimmige Begräbnisse wie möglich zu organisieren. Ihr geht es dabei nie darum, dass die Beerdigung so würdevoll wie möglich für den Toten sein soll. Stattdessen sieht sie die Zusammenkunft als Event für die Verbliebenen, die auf ihre Weise Abschied nehmen sollen. Und die dort nötigenfalls dem Verstorbenen all das mit auf den Weg geben können, was sie sich zu Lebzeiten nicht von der Seele sprechen konnten. Es versteht sich von selbst, dass daraus einige obskure, bisweilen verstörende Momente entstehen.

Eine Frau, die Tochter der verstorbenen Mutter, steht am Sarg, schreit und zertrümmert einen weißen Stuhl am Holz des Sarges.
Eine Tochter nimmt auf ihre ganz eigene Art und Weise Abschied von ihrer Mutter. (Quelle: „Das letzte Wort“ / Netflix)

Vom Verlust

Ein weiterer großer Teil der Serie behandelt zugleich den Verlust der Familie Fazius selbst, mit dem die Familienmitglieder höchst unterschiedlich umgehen. Klara entdeckt auf Umwegen, dass ihr Mann schon seit geraumer Zeit nicht mehr hauptsächlich als Zahnarzt arbeitet. Stattdessen hat er sich ein geheimnes Atelier angemietet, in dem er sich der Kunst hingab. Sie versteht nicht, weshalb er ihr davon nie etwas erzählt hat. Doch gleichzeitig gibt auch sie ihr Wissen um diesen Rückzugsort ihres Mannes dem Rest der Familie nicht preis. Vielmehr hält sie dort regelmäßig Einkehr, um mit ihrem verstorbenen Mann Zwiesprache zu halten.

Judith, die Tochter, kehrt nach dem Tod ihres Vaters aus der Ferne einer anderen Stadt in die Heimat zurück. Sie bemüht sich um die Organisation der Familie, was bisweilen an den schwierigen Charakteren und Umständen scheitert. Zudem arbeitet sie an ihrem eigenen Privatleben, das gefangen ist zwischen einer verflossenen Liebe zu Clown Peer und der Faszination für den Sohn des Bestatters Ronnie. Der Sohn Tonio hingegen isoliert sich, lässt weder Freunde noch Familie an sich heran, bis er bei seiner Psychiaterin Dr. Owusu langsam aufblüht – vornehmlich, weil er glaubt, sich in sie verliebt zu haben.

Und dann ist da noch die Mutter von Karla, Mina, die aufgrund verschiedener Delikte, etwa Medikamentenhandels, bereits aus mehreren Heimen geflogen ist und nun bei den Fazius zuhause leben muss. Trotz Krebsdiagnose scheint sie noch einige Jahre vor sich zu haben und befasst sich nun zunehmend mit Wegen, ihrem Leben vorzeitig ein Ende zu bereiten. Aufgrund ihres schwierigen Charakters macht sie der Familie auch sonst das Leben nicht wesentlich leichter.

Funktioniert die Serie?

Anke Engelke als Trauernde?

Ich muss gestehen, dass ich anfangs skeptisch war: Anke Engelke ist mir vor allem als Komödiantin bekannt, beispielsweise aus „Ladykracher“. Kann sie eine trauernde, ernste Figur glaubhaft verkörpern? Die Antwort ist schlicht: Ja. Als Karla Fazius ist sie zweifelsohne die tragende Figur der gesamten Geschichte, die in ihrem Leid, ihrem Schmerz, aber auch in ihrem anschließenden Tatendrang die verschiedenen Stränge der Geschichte zusammenhält.

Im Gegenteil würde ich jetzt sogar behaupten wollen, die Wahl von Anke Engelke war nachgerade brillant. Das ganze Thema Trauer und Tod ist natürlich ein schwieriges. Doch die Serie schafft es an vielen Stellen, höchst emotional damit umzugehen. Da ist es nachgerade eine Erleichterung, dass Anke Engelke diese Emotionalität bisweilen durchbricht und die Stimmung so wieder auflockert. Selten habe ich eine Serie so als Achterbahn der Gefühle empfunden.

Ähnliches gilt für die Figur der Frauke Borowski: eigentlich ist sie von ihrem Mann und dessen Arbeit ermüdet und angewidert. Ganz offensichtlich will sie nichts mehr von ihm wissen. Trotzdem wird sie stark eifersüchtig, als Klara im Unternehmen zu arbeiten beginnt. Claudia Geisler-Bading verkörpert hier sehr schön eine Person, die man als ZuschauerIn einfach nur verabscheuen muss: Frauke läuft dem ganzen Handlungsaufbau zuwider und versucht, diesen zu zerstören. Das Auf und Ab an Trauer und Belustigung beim Zuschauer wird somit gelegentlich auch durch Momente des Unverständnisses oder des Zorns ergänzt, was das Zusehen sehr erleichtert.

Eine Serie des Obskuren

Ein gewisser Hang zum Obskuren ist den Autoren aber ohnehin nicht fremd. Was sind es nicht für merkwürdige Trauerfälle, die in den wenigen Episoden beim Unternehmen Borowski vorstellig werden? Eine Frau, die von ihrer Mutter drangsaliert und gepeinigt wurde. Eine Familie, deren Sohn Tiere quälte und als Vorstufe zum Serienmörder erachtet wurde. Ein Beziehungsgerüst aus künstlerischem Mann mit Exfrau und neuem Geliebten, die alle im gleichen Haus wohnen. Es braucht wohl solcher absurden Fälle, um die anschließenden Begräbnisse ähnlich obskur gestalten zu können.

Nicht weniger obskur ist auch eine Grundprämisse der Serie selbst: Was genau befleißigt Klara Fazius eigentlich, Trauerrednerin zu werden? Ich würde nicht behaupten, dass die Rede bei der Beerdigung ihres Mannes in irgendeiner Art und Weise besonders gewesen wäre. Dass diese Rede also so gut und positiv gewesen sein soll, das rührt nicht so sehr von mir selbst her. Vielmehr ist das das geskriptete Urteil der Begräbnisgäste. Auch im weiteren Verlauf der Serie sind es nicht so sehr die Reden, mit denen Klara glänzt. Es ist ihre Bereitschaft, auf die Hinterbliebenen zuzugehen und den echten Charakter des Verstorbenen zu erfahren. Woraus leitet Klara nun ab, dass sie für diesen Job besonders geeignet wäre? Ich weiß es nicht.

Schlussgedanken

Dennoch legt die Serie eine spannende Frage auf den Tisch: Für wen sind Beerdigungen eigentlich gedacht? Geht es darum, den Wunsch des verstorbenen Menschen zu erfüllen? Oder handelt es sich nicht viel eher um eine Begegnung der Hinterbliebenen, um einen gemeinsamen Abschied, um nach dem Verlust einen neuen Lebensabschnitt beginnen zu können? Ist es daher verwerflich, eine Beerdigung fröhlich und laut zu begehen, um der Trauer ein positives Momentum entgegen zu setzen? Oder geht es doch auch darum, die Verstorbene zu würdigen, zu respektieren und ihren Wünschen Folge zu leisten?

Mein Fazit: „Das letzte Wort“ überzeichnet viel und stark, spielt einerseits mit dem Unerwartbaren und andererseits mit klassisch traditionellen Serienelementen – man möchte fast sagen: „deutschen Serienelementen“. Die Produktion ist erkennbar und spürbar deutsch, und doch auf eine sehr interessante Art und Weise nicht beliebig. Geht die Serie angemessen mit dem Thema „Tod und Verlust“ um? Aus meiner Sicht ja, doch hängt diese Beurteilung äußerst maßgeblich von den Einstellungen und erlebten Verlusten des Einzelnen ab. Anke Engelke hat in einem Podcast („Das kleine Fernsehballett“) selbst preisgegeben, dass sie sowohl äußerst positives als auch äußerst negatives Feedback zu der Serie erhalten hat – und angesichts des Themas verwundert mich das gar nicht. Mir persönlich hat die Serie äußerst gut gefallen, ich habe sie in einem Rutsch durchgeschaut. Ich würde mich sehr freuen, gäbe es anschließend noch eine zweite Staffel.

Der 22jährige Ronnie Borowski in Arbeitskleidung und mit Kittel beugt sich über eine Leiche, um sie zu präparieren.
Ronnie Borowski präpariert einen Verstorbenen. (Quelle: „Das letzte Wort“ / Netflix)

PS: Besonders fasziniert hat mich die Rolle des Ronnie Borowski. Nicht nur, dass ich finde, dass Aaron Hilmer ein wirklich hübsches Kerlchen ist. 😉 Ich mag die Emotionslosigkeit, mit der er den auszubildenden Bestatter mimt, der sich seiner Arbeit schon fast in künstlerischer Manier hingibt und sich gleichzeitig weigert, Teil des Ehekriegs seiner beiden Eltern zu werden.

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Deutsch Videospiele

Angeblickt – Baldur’s Gate III im Early Access

In aller Kürze. Larian Studios entwickelt derzeit Baldur’s Gate III, den lange (!) ersehnten Nachfolger eines der größten Rollenspiele der Videospielgeschichte. Seit Kurzem ist das Spiel verfügbar – zum vollen Preis, aber als Early Access-Titel. Was das bedeutet, wieso ich das grundsätzlich nicht gutheiße, warum ich aber diesmal doch auf den fahrenden Zug aufgesprungen bin: all das im Artikel.

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Deutsch Politik & Zeitgeschichte

Sagen die Schotten leise „bye“?

Es sieht nicht gut aus für Boris „BoJo“ Johnson: Mit welch zuckersüßen Worten haben die Tories während des Brexit-Referendums oder auch später noch beim parlamentarischen Kampf um das Austrittsabkommen verkündet, dass ein Handelsvertrag mit der EU im Grunde nur eine Formsache sein, ein „ofenfertiger Deal“? Wir schreiben den 15. Oktober 2020 und von einem Verhandlungserfolg kann wenigstens Mediendarstellungen zufolge nicht im Ansatz die Rede sein. Während einerseits die EU starke inhaltliche Forderungen aufstellt, sieht sich Johnson gezwungen, vor dem eigenen Volk den starken Mann zu markieren und keinen Deut nachzugeben.

„Aber Stephan, wieso sollten die Briten auch nachgeben? Man hat sie immer nur ausgelacht und belogen! Wenn der Brexit kommt, dann geht alles den Bach runter, und? Was ist passiert? Nichts!“

Ach Walter! Derlei liest man insbesondere unter deutschen Medienmitteilungen recht häufig. Dabei ist das schon die aufgeklärtere Variante: Gert und Heide sind nämlich oftmals noch der Meinung, der Brexit solle „endlich umgesetzt“ werden – völlig verkennend die Tatsache, dass der Brexit schon lange passiert ist! Wir befinden uns gegenwärtig in einer einjährigen Übergangsfrist, in der vieles beim Alten bleibt, damit man genug Zeit für das Aushandeln eines Rahmenabkommens hat.

Dass es den Briten nicht gut ergehen wird, lässt sich schon jetzt erahnen. Der Handel mit dem wichtigsten Markt direkt vor der eigenen Haustür, dem EU-Binnenmarkt, wird stark erschwert und mit Zöllen gehemmt werden.1Das natürlich unter der Annahme, dass es kein Handelsabkommen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU geben wird. Davon kann allerdings, wie bereits beschrieben, zur Zeit nicht ausgegangen werden. Das eigene Land muss mit großen Parkplätzen für Lastwägen zugepflastert werden – die möglicherweise Ewigkeiten für die Bearbeitung von Zollunterlagen waren werden müssen. In Kent wurde dafür sogar ein Corona-Test-Center geschlossen. Für die Fahrt in besagtes Kent brauchen LKW-Fahrer künftig sogar eine spezielle Erlaubnis – die Grenze zwischen UK und EU wurde somit quasi ins eigene Land verschoben. Ob man das unter „take back control“ verstanden hatte?

Dazu kommt die allgegenwärtige Corona-Pandemie, von der Großbritannien maßgeblich betroffen ist. Schon jetzt sind „Shutdown“ und „Lockdown“ wieder absehbar – mit kaum zu erahnenden Konsequenzen für die Wirtschaft, wichtiger noch allerdings für die Bevölkerung und deren Verfasstheit. Gewiss, das ist kein alleinig britisches Problem, und doch könnte der Zeitpunkt angesichts der geopolitischen Verwerfungen schlechter kaum sein.

Als wäre all das nicht genug, darf sich Johnson nun auch noch verstärkt damit befassen, sein „Vereinigtes Königreich“ irgendwie zusammen zu halten. Ipsos Mori hat am gestrigen 14. Oktober eine Umfrage veröffentlicht, nach der inzwischen 58% der Schotten FÜR die Unabhängig Schottlands vom Vereinigten Königreich votieren würden.

„Ahahahaha, Stephan, die haben 2014 schon abgestimmt und sich für den Verbleib entschieden! Man kann nicht abstimmen, bis das Ergebnis passt! Was ist das für 1 Verständnis vong Demokratie her?!“

Auch das, mein lieber Walter, liest man unter deutschen Nachrichtenartikeln zuhauf. Vermutlich sind das Menschen, die auch nicht verstehen können, weshalb wir alle vier Jahre ein neues Parlament wählen. Wozu denn auch? Man hat doch schon für eines abgestimmt, wieso muss sich das ständig ändern?

Tatsächlich scheint mir eine neue Abstimmung über diese sehr grundsätzliche Frage sehr angemessen, berücksichtigt man, dass sich einige Fundamente massiv verschoben haben. „Stronger together“, so lautete damals das englische Flehen in den Norden, doch bitte nicht abtrünnig zu werden. Garniert mit einer leisen, aber deutlichen Drohung: Tretet ihr Schotten nur aus, ihr seid dann auch aus der EU raus, die ihr so liebt! Aber falls ihr wieder eintreten wollt – nicht mit unserer Stimme! Also bleibt bei uns, sonst war es das mit der Europäischen Union!

Nur zwei Jahre später votiert vornehmlich England für den Austritt aus der EU – und zeigt Schottland auf diese Weise den Mittelfinger. Die Schotten, die sich im Referendum mehrheitlich für den Verbleib in der EU ausgesprochen hatten, wurden – mal wieder – übergangen und ignoriert. Gewiss, in einem demokratischen Prozess, doch man muss schon sehr ideologisch borniert sein, um den Zusammenhang und den triefenden Zynismus dieser beiden Referenden in starker zeitlicher Nähe nicht zu begreifen.

Aus kontinentaleuropäischer Sicht ist es bemerkenswert, dass die Zustimmung zur schottischen Unabhängigkeit seither trotzdem eher verhalten blieb. Trotz Brexit. Trotz Johnson. Noch vor einigen Monaten lag die Zustimmung in Umfragen stabil unter 50%. Und doch ist das womöglich verständlich – wer sehnt sich nach Jahren des Brexit-Krieges umgehend nach einer neuen existenziellen Auseinandersetzung? Doch die Stimmung schlägt um. Was hat sich geändert?

Als Außenstehender kann ich natürlich nur mutmaßen. Boris Johnson erfreut sich im britischen Norden ohnehin keiner großen Beliebtheit – ähnlich wie die schottischen Tories. Seit jeher wird die Politik in Westminster skeptisch beäugt. Doch insbesondere in den letzten Monaten wird offenbar, wie unfähig Westminster zu sein scheint, die Geschicke des gesamten Landes zu lenken. Da wäre zum einen Boris Johnson, der seine Meinung frei mit dem Wind dreht und mal das Volk lobt und zu größeren Anstrengungen gegen das Virus aufruft, nur um ihm am nächsten Tag die Schuld für das Versagen der Pandemiemaßnahmen anzutragen. Dass der Premierminister sprachlich nicht einmal einen Satz gerade aussprechen kann, ist nicht unbedingt zuträglich.

Zum anderen hat Schottland mit Nicola Sturgeon eine Politikerin, die mit ehrlichen und sympathiebekundenden Worten versucht, das eigene Volk zusammen zu halten und auf einen harten Kampf gegen das Virus einzuschwören. Die das Virus und die daraus resultierende Bedrohung ernst nimmt – und dementsprechende Maßnahmen für Schottland verhängt. Und es sieht gut aus für Sturgeons Scottish National Party (SNP): Die Ipsos Miro Umfrage sieht derzeit 58% beim constituency vote und 47% beim regional vote – mit weitem Abstand vor den schottischen Tories, die in beiden Wahlen jeweils auf 19% kämen.

Aber auch die Regierungslinie in Sachen Brexit dürfte den Schotten über die letzten Monate hinweg sauer aufgestoßen haben. Beispielsweise das Vorhaben von Johnson, das im Januar unterzeichnete Austrittsabkommen mit der EU einseitig zu verändern – und somit internationales Recht zu brechen. Selbstverständlich zeichnen die Schotten nicht verantwortlich für den Irrsinn, der in London begangen wird. Und doch trifft sie der schlammige Schandfleck nicht minder – wer betreibt schon Handel, wer geht schon Verträge und Vereinbarungen ein mit einem Land, das dafür bekannt ist, sich nicht an geschlossene Verträge zu halten? Erneut müssen die Schotten auch an dieser Stelle hilflos zusehen, wie weit im Süden auch ihr Ruf nachhaltig beeinträchtigt wird.

Bislang zieht sich die britische Regierung mit einem Verweis auf das Referendum 2014 aus der Affäre. Für einen geordneten, legitimen Austritt Schottlands ist eine Volksabstimmung vonnöten – und die wiederum muss von Westminster aus genehmigt sein. Die Frage ist nur, wie lange diese Strategie des Wegduckens noch funktionieren wird. 2014 hatte sicherlich zum Zweck, die leidige Frage einer schottischen Separation nachhaltig zu klären. Doch dank Brexit ist die Frage wieder so aktuell wie eh und je. Und Johnsons Tage als Premierminister sind längst angezählt.

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Deutsch Politik & Zeitgeschichte

Frauen sind halt nicht ganz so lustig

Gestern wurde der Deutsche Comedypreis 2020 verliehen. Als beste Komikerin wurde Hazel Brugger ausgezeichnet, als besten Komiker hat man sich für Felix Lobrecht entschieden. Und beiden sei an dieser Stelle erst einmal eine Gratulation ausgesprochen – ganz offensichtlich wissen sie das Publikum von sich zu begeistern.

Daran anschließend kann man sich natürlich anschauen, wie beispielsweise Zeit Online über die Preisvergabe berichtet:

Quelle: Zeit Online

Auch die URL der Mitteilung spricht Bände: „[…]/kultur/2020-10/bester-komiker-comedypreis-felix-lobrecht“.

Sehr viel offensichtlicher kann man die Gewinnerin des Abends nicht degradieren. Während ein männlicher Gewinner sowohl die Titelzeile des Artikels als auch die Artikel-URL schmücken darf, findet die gleichrangige Gewinnerin gerade noch so Erwähnung in einem beigestellten Zusatz im Untertitel. Was soll ich daraus schließen? Ist der Preis für die Frau weniger wert? Mag Zeit Online die Schweizer LeserInnen einfach nicht? Ist die Frau für Zeit Online halt weniger witzig, wichtig, bedeutsam, erwähnenswert? Das Bewertungsgefälle allein in der Überschrift des Beitrags ist so offensichtlich, dass es einem 2020 fast die Kinnlade wegsprengt.

Dabei wäre es nicht schwierig gewesen, den Artikel neutral und fair zu gestalten: „Deutscher Comedypreis 2020 vergeben. Felix Lobrecht und Hazel Brugger sind Bester Komiker und Beste Komikerin des Jahres“ (oder ähnlich natürlich). Wenn man die Überschrift wirklich noch etwas aufhübschen muss, geschenkt, dann gebt eure Infos dazu, dass Lobrecht ein Stand-up Comedian und Hazel eine Schweizerin ist. Persönlich finde ich den Verweis auf die Herkunft zwar etwas absurd, zumal Hazel in Köln lebt und meines Wissens1Das klingt groß und wichtig, aber tatsächlich beschränkt sich mein Wissen auf irgendwelche Google-Überschriften. Kategorie „Dinge, die ich gar nicht wissen wollte und von denen ich auch gar nicht mehr weiß, wieso ich sie eigentlich weiß.“ auch gar nicht vor hat, in die Schweiz zurückzukehren. Man könnte aber auch argumentieren, dass ihr Schweizertum nun auch gerade ihr Erkennungszeichen ist, weswegen man sie in der Medienlandschaft leichter wieder zuordnen kann.

Trotzdem. Dass 2020 ein Online-Medium, das sich selbst ja doch vermutlich als qualitativ mehr oder weniger hochwertig bezeichnen würde, solche Hämmer abliefert – die Medienwelt hat wirklich noch viel aufzuholen.

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Deutsch Internet

Achtung, wir nutzen Kekse!

Datenschutz ist eine feine Sache. Insofern ist es durchaus gut und richtig, dass PolitikerInnen versuchen, mit gesetzlichen Maßnahmen unsere Daten, unsere Privatsphäre, unsere Integrität zu schützen. Für den Einzelnen ist manchmal gar nicht so recht einsehbar, wofür das alles gut sein soll: Wen soll es schon groß interessieren, dass ich am Freitag mit meiner Tante Martha beim Kaffeetrinken war? Warum soll es für Mark Zuckerberg und Donald Trump spannend sein, dass ich überlege, mir einen Staubsaugerroboter zu kaufen? Wer wird schon groß darauf achten, welche Beiträge auf Twitter und Facebook ich like, welchen Personen ich folge?

Die Gründe für einen ernstzunehmenden Datenschutz sind mannigfaltig und die Bedrohungsszenarien weitaus komplexer, als der gemeine Internetnutzer das vermutlich vor Augen hat. Aber darum soll es mir hier gar nicht gehen.

Denn der Datenschutz hat leider auch unangenehme Seiten. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass eine dieser Unbequemlichkeiten ausgerechnet mit Keksen assoziiert ist, „Cookies“, also einer prinzipiell sehr erfreulichen Errungenschaft menschlicher Zivilisation. Doch während sich mancher bereits nach Keksen und Plätzchen zur Weihnachtszeit sehnen mag, dienen diese Krümelmonster in der technischen Welt sehr viel umfänglicheren Aufgaben, um Flags zu setzen, Daten zu speichern und auszulesen.

Wie beim Weihnachtsgebäck gilt: Cookie ist nicht gleich Cookie. Und wo der eine Keks nachgerade essenziell ist, um einen Dienst im Internet technisch realisierbar zu machen, da lauern leider auch zwanzig weitere von denen, die vornehmlich den wirtschaftlichen und monetären Interessen der WebseitenbetreiberInnen dienen. Eine gute Sache also, dass es inzwischen härtere Regeln gibt, die zwingend verlangen, dass eine WebseitennutzerIn erst aktiv der Nutzung der Cookies zustimmen muss.

Den ganzen juristischen Schnickschnack lassen wir jetzt mal beiseite, denn damit kenne ich mich nicht aus. Das, was mich nun eigentlich STÖRT, ist die Art und Weise, wie diese Cookie-Meldungen das Internet zunehmend zu einer unbequemen Angelegenheit werden lassen. Jeder kennt das Szenario: Man ist auf der Suche nach einer Information, man tippt einige Suchbegriffe in Google ein und die ersten Webseiten klingen bereits nach vielversprechenden Treffern. Ein kurzer Klick, schon ist man am Ziel.

Aber Sekunden, nachdem sich die Webseite fertig aufgebaut hat – gerade so weit, dass ich sehen konnte, dass die gesuchte Informationen wirklich dort zu finden ist – wird alles von einer großen Nutzerwarnung überlagert. „Wir nutzen Cookies!“, gefolgt von einer schier endlosen Auflistung der unterschiedlichsten Cookies und ihrer Funktionalitäten.

Ich will gar nicht ins Detail gehen, das machen die Webseiten ja von allein. Klar ist: Es gibt offenbar Cookies, ohne die läuft gar nichts. Essenzielle Cookies, die immer aktiviert sein müssen. Keine Chance für mich als Nutzer, deren Aktivierung zu verweigern. Alles andere dient vorgeblich dazu, mein Nutzungserlebnis zu verbessern. Beispielsweise durch personalisierte Werbung.

Das an sich finde ich ja schon krude – mein Nutzungserlebnis würde höchstens massiv verbessert, wenn gar keine Werbung eingeblendet würde, aber das hätte natürlich zur Folge, dass viele Dienste sich ernsthafte Gedanken darüber machen müssten, wie sie sich eigentlich finanziell tragen wollen. Weshalb ich einem Eingriff in meine datentechnische Privatsphäre zustimmen sollte, nur um dann Werbung genießen zu dürfen, die ein bisschen besser an mein Nutzungsverhalten angepasst ist, erschließt sich mir nicht. Wählt das wirklich irgendjemand je aktiv an?

Offenbar nicht, denn die WebseitenbetreiberInnen arbeiten durchaus auch mit Designkniffen. Besonders verlogen und widerlich ist es freilich, wenn alle oder nur Teile der nicht-essenziellen Cookies per default auf „aktiviert“ gestellt sind. Eine lästige Sache, denn als Nutzer muss ich nun erst einmal durch all die endlosen Listen scrollen und sicherstellen, dass wirklich alle Cookies abgewählt sind. So funktioniert ein Opt-In eigentlich nicht!

Aber nur, weil die NutzerIn sich aktiv gegen die Cookies entschieden hat, muss man ja noch nicht aufgeben. Sie muss ihre Auswahl ja auch noch bestätigen. Also packen wir einfach zwei Buttons auf das Overlay: „Auswahl akzeptieren“ und „Alles akzeptieren“. Der Designkniff: Jener Button, der automatisch alle vorher mühsam abgewählten Cookies wieder aktiviert, wird farblich hinterlegt und etwas größer dargestellt. Der andere Link hingegen, mit dem meine Auswahl registriert werden müsste? Kaum als Button zu erkennen, lediglich ein Link in Textform. Oft wirken diese Links mehr wie ein Zusatzlabel, nicht so sehr wie die echte Bestätigung auf das ganze Formular.

Die Anordnung hilft ebenfalls, Stichwort „Konsistenzprinzip“. Wir erwarten normalerweise bei derlei Formularen, dass die Bestätigung rechts unten und eine Absage an selbige links unten zu finden ist.1Natürlich gibt es hier zahlreiche Ausnahmen von der Regel, was nicht selten dazu führt, dass ich Dialogboxen im Übereifer falsch beantworte. Es gibt bestimmt auch kulturelle Unterschiede. Wie es meistens so ist – keine Regel ohne mannigfaltige Ausnahmen. Ratet mal, welcher Button groß und farbig zumeist ganz rechts unten platziert wird?

In anderen Worten: Ja, man muss sich nun an Datenschutz halten, aber eigentlich geht das nur mit heftigen Einschränkungen für mich als NutzerIn einher. ICH muss nun plötzlich aktiv entscheiden, dass ich nicht datentechnisch tangiert werden möchte, ICH muss dafür Sorge tragen, dass nicht doch irgendein dummes Werbecookie per default auf „an“ gesetzt war, und ICH muss höllisch aufpassen, dass ich nicht versehentlich auf den falschen Knopf drücke. Dass die Webseitenbetreiber gleichzeitig alle Register ziehen, um mir das Leben so schwer wie möglich zu machen und mich doch in die Falle zu locken, das interessiert niemanden. Ich bin ja der mündige Nutzer, ich habe ja die Wahlfreiheit.

Es ist unbequem geworden im Internet. „Schnell mal was suchen“ wird durch Overlays, Werbeeinblendungen, Cookiebenachrichtigungen, spontane Nutzerbefragungen unterbrochen. Aber so ist das wohl, wenn aus dem Lieblingsprojekt der Geeks und Nerds plötzlich der Mainstream wird – und somit auch der Mammon und die Kriminalität Einzug halten. Als NutzerIn muss man halt mehr Zeit einplanen. Mehr Nerven. Und immer wachsam bleiben.

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Politik & Zeitgeschichte

Friedrich Merz – ein Fenster in die Vergangenheit

Also, ich sage mal so über die Frage der sexuellen Orientierung: Das geht die Öffentlichkeit nichts an. Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft – an der Stelle ist allerdings für mich eine absolute Grenze erreicht –, ist das kein Thema für die öffentliche Diskussion.

Friedrich Merz, 2020 (Quelle: Zeit Online)

Das einführende Zitat ist die Antwort von Friedrich Merz auf die Frage, ob er ein Problem habe mit einem schwulen Bundeskanzler. Friedrich Merz ist Anwärter auf den CDU-Vorsitz, und somit auch auf die Kanzlerkandidatur bei der nächstjährigen Bundestagswahl. Es handelt sich also nicht um eine salopp formulierte Antwort, der man keine weitere Bedeutung beimessen sollte. Ganz im Gegenteil: Derlei Äußerungen offenbaren die Weltanschauung und das Gedankenbild eines Mannes, der sich anschickt, unser aller Zukunft lenken zu wollen.

Inzwischen gibt es zahlreiche konservative Haudegen, die ihrem Traumkandidaten hilfreich zur Seite springen. „Was ist denn verkehrt an der Aussage?“, so rufen sie, „Das stimmt doch alles, oder wolltest du dem nicht beipflichten?“. Aufgeregt gackern sie durcheinander, unterstellen „Bösartigkeit“ jedem, der darin Homophobie erkennen möchte. Und in der Tat – auf den ersten Blick lässt sich wenig gegen die Aussage von Merz sagen. Sexuelle Orientierung? Privatsache. Kindesmissbrauch? Straftat und unverzeihbar. Wer sollte damit nicht d’accord gehen?

Es ist aber doch ein Problem, was Friedrich Merz hier von sich gibt. Wenn Friedrich Merz, gefragt nach der potentiellen Homosexualität eines Kanzlers, nachgerade zwanghaft direkt auf Kindesmissbrauch und Pädophilie zu sprechen kommt, so offenbart dies zweifelsfrei, wie eng er beide Themenkomplexe miteinander verwoben sieht. Und das, obgleich sie ferner nicht sein könnten!

Er ist im Übrigen nicht der erste CDU-Politiker, der diese historische Verbindung zieht, und garantiert auch nicht der letzte. Man denke nur an Annegret Kramp-Karrenbauer, in sozialen Fragen sowie Themenkomplexen intimer zwischenmenschlicher Beziehungen so unbedarft wie man nur sein kann, die sich nachdrücklich gegen die Einführung einer gleichgeschlechtlichen Ehe aussprach, denn man wisse ja nicht: Wo solle man dann die Grenze ziehen? Polyamorösität? Ehe mit Kindern? Mit Tieren?

Es ist, diese Zwischenbemerkung sei mir gestattet, bemerkenswert, wie absurd konservative PolitikerInnen zu argumentieren beginnen, kaum dass sie sich in unangenehmes Territorium bewegen. Ein kritisches Thema, die Möglichkeit, auf dem Rücken einer Minorität Wählergunst zu gewinnen, dann sind auch der deutschen PolitikerIn Argumente genehm, die man sonst nur aus dem Weißen Haus oder Downing 10 zu hören gewohnt ist.

Dem einen ist vielleicht nicht klar, wie falsch, wie absurd und wie verletzend diese Verbindung zwischen völlig legitimen zwischenmenschlichen Verbindungen und Straftatbeständen eigentlich ist. Die anderen nutzen das womöglich ganz gezielt, um ihr Weltbild zu propagieren, ein Weltbild, in dem es ganz normal erscheint, dass man liebende Menschen mit Verbrechern gleichsetzt und sie zwingt, sich gesellschaftlich unterzuordnen.

Friedrich Merz kolportiert genau diese Denkweise. Sie sitzt nicht in der Semantik, er spricht sie nicht offen aus. Das ist gar nicht nötig. Er stellt die Verbindung alleine dadurch her, dass er das objektiv völlig unverwandte Thema plötzlich zur Sprache bringt. Jeder, der seine Aussage hört oder liest, der sieht diesen Zusammenhang und nimmt ihn wahr. Von der Homosexualität wandert er zur sexuellen Orientierung hin zum Kindesmissbrauch. Es ist verzweifelt oder unnötig dumm, sich dieser trivialen Erkenntnis entziehen zu wollen, indem man sich auf semantische Spitzfindigkeiten zurückzieht.

Wurde Friedrich Merz von der Reaktion auf seine unfassbar dumme Aussage überrascht? Oder handelte es sich um eine ganz gezielte Provokation, um – so kurz vor der alles entscheidenden Wahl – wieder ins Gespräch zu kommen, die konservative Wählerschaft ins Boot zu holen?

Offenkundig sah er sich genötigt, seine Einstellung in einem folgenden Tweet klarzustellen. Und wie es sich für einen Politiker ziemt, der sich für etwas entschuldigen muss, von dem er eigentlich gar nicht abrücken möchte, weil es seiner Grundüberzeugung entspricht, torpediert er seine eigene Rehabilitation durch noch mehr Dummheit.

In einer liberalen Gesellschaft gibt es unterschiedliche Lebensentwürfe.“ Die Homosexualität als Lebensentwurf. Wie stellt sich Friedrich Merz die Lebenswirklichkeit eigentlich vor? Glaubt er, dass ich mich irgendwann, vielleicht zu Schulzeiten, an meinen Schreibtisch gesetzt, mir auf meinem Blatt Papier mein zukünftiges Leben ausgemalt habe und mir dachte „Puh, das sieht alles unnatürlich gut aus, ich werde jetzt einfach mal noch schwul, ein bisschen Herausforderung muss sein!„. Hat sich Friedrich Merz in seinem Leben in Frauen verliebt, weil das seinem Lebensentwurf entsprach?

Auch diese Formulierung ist entlarvend. Sie offenbart, welche Qualität Friedrich Merz – Kandidat für den CDU-Vorsitz – der Homosexualität zuspricht. Sexuelle Orientierung ist für ihn ein Entwurf, eine bewusste Entscheidung, der man sich schließlich jederzeit entziehen könne indem man sich umentscheidet. Es ist eine Parallele zu seiner Haltung gegenüber Armut und Arbeitslosigkeit. Wer arm ist, soll halt arbeiten gehen. Wer wegen Corona zuhause bleibt, der gewöhnt sich an Faulheit. Wer schwul ist, wer lesbisch ist, sollte sich halt umentscheiden.

All das ist nicht ausgesprochen, nicht ausformuliert. Das ist nicht nötig. Es trieft aus den Worten, aus den Zeilen hervor, und es zeichnet ein Bild. Es zeichnet die Weltanschauung, das Weltbild eines Mannes, der sich anschickt, Kanzler eines Landes zu werden, dessen Gesellschaft ihn schon vor Jahren geistig überholt hat. Dort, wo ein Kanzler Vorbild, Perspektive, Anführer sein sollte, droht er dem Land ein sozialer Bremsklotz zu werden. Und darüber vermag der Hinweis auf die Semantik des Gesagten nicht hinwegzutäuschen.

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Von der Marginalisierung der eigenen Position

Im politischen Diskurs ist es Mode geworden, die Gegenseite mit Lächerlichkeiten in Verruf bringen zu wollen. Es ist eben erheblich leichter, jemanden für ein Stottern, eine körperliche Unzulänglichkeit oder einen Versprecher zu diffamieren, als sich inhaltlich konsequent mit einer Position auseinandersetzen zu müssen.

Erstaunlicherweise gilt das selbst für Persönlichkeiten, deren politische Agenda so viel Angriffsfläche bieten wie nur irgend möglich. Betrachten wir beispielsweise Donald Trump, den gegenwärtigen US-Präsidenten. Es fällt schwer, seiner Präsidentschaft viele Erfolge zuzuschreiben – mit einem seiner größten Wahlkampfversprechen, der Abschaffung des Affordable Care Acts („Obamacare“) ist er teils am Widerstand selbst der eigenen Partei gescheitert, seine protektionistische und isolationistische Agenda hat die USA viele globale Freundschaften gekostet, ohne nennenswerte geopolitische Erfolge zu zeitigen (Stichwort: Nordkorea). Gleichzeitig reißt das Coronavirus, seinerseits vollständig immun gegen die republikanische Propaganda, den Schleier vom Weißen Haus und enthüllt schonungslos die Schwächen und Hilflosigkeit der US-amerikanischen Administration.

Umso erstaunlicher daher, zu welchen Mitteln die politischen Gegner in sozialen Netzwerken greifen. Was wird nicht gespottet, wahlweise über die winzigen Hände des Präsidenten, seine etwas ungesunde Hautfarbe. Neulich wurden Videoausschnitte mit Fokus auf seine wilden Handbewegungen so manipuliert, dass er dabei ständig ein Akkordeon bedient. Doch hilft all das? Oder sagt es nicht viel mehr über diejenigen aus, die sich solcher Angriffe bedienen?

Nicht, dass ich Donald Trump auch nur ansatzweise in Schutz nehmen wollen würde. Erstens bedient er sich durchaus selbst solcher Maßnahmen und spottet über den vermeintlich schütteren Geisteszustand seines Herausforderers, was aus seinem Munde reichlich absurd klingt. Wer die Latte so niedrig legt, muss sich nicht wundern, wenn auch andere dieses Niveau erreichen können. Donald Trump sucht ganz bewusst die Konfrontation auf dieser Ebene – er ist auf dieser Ebene zuhause, und er weiß, dass ihm diese Ebene in die Hände spielt.

Zweitens gibt es gar keinen guten Grund, einem Mann in der Debatte helfend beizuspringen, der offen und ungeniert lügt sobald er nur den Mund aufmacht. Wer in derlei Dreistigkeit sämtliche Konventionen des politischen und gesellschaftlichen Zusammenlebens torpediert und sich selbst zum Propheten der alternativen Realität erhebt, der bedarf ganz sicherlich keiner äußeren Differenzierung.

Anstelle dessen sollte man sich fragen: Was sagt es über seine KritikerInnen aus, wenn sie ihn auf die oben beschriebene Weise verächtlich zu machen versuchen? Was sagt es über ein – zumindest für die USA – linkes Klientel aus, das dem Vernehmen nach für Freiheit, für eine gerechte Behandlung aller Menschen, für gleiche Rechte für gleiche Menschen eintritt, wenn es anschließend den politischen Gegner nicht für dessen unmoralische und unmenschliche Politik, sondern für körperliche Unzulänglichkeiten attackiert?

Wenn das Schlimmste, was es an der Politik von Donald Trump zu bemängeln gibt, die Größe seiner Hände ist, dann scheinen selbst seine Gegner mit der politischen Dimension seines Handelns vollauf zufrieden zu sein. Oder aber, sie sind maßlos überfordert damit.

Die Quintessenz, der Kern, zu dem ich mit diesem Text eigentlich möchte: Man sollte aufpassen, sich nicht im süßlich lockenden Kleinklein der Lächerlichkeiten zu verlieren, wenn man einen Krieg austragen möchte. Es ist schwer, jemanden von der Ungerechtigkeit und bodenlosen Unzulänglichkeit eines politischen Gesamtgeschehens zu überzeugen, wenn diese Botschaft ertrinkt in einer Welle hämischer Lacher über einen Tippfehler. Wenn am Ende covfefe in allen Hirnwindungen eingerastet ist, doch niemand mehr weiß, in welch problematischen Kontext dieser Schreibfehler veröffentlicht wurde, dann wurde erfolgreich ein dicker Schleier über eine wunde Stelle gezogen. Ein gefährliches Spiel.

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Filme

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In aller Kürze. Seit Kurzem hat ARD one ein noch gar nicht so altes Format in neuer Besetzung im Angebot. Vier Personen mit mehr oder weniger engem Bezug zur Film- und Fernsehbranche, vier mitgebrachte Serien und mindestens tausend Meinungen pro Beitrag. Wie gut funktioniert das Format?

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Deutsch Politik & Zeitgeschichte

Ausschließeritis und Negativwahlkampf

In aller Kürze. In Deutschland wird 2021 wieder gewählt – die nächste Legislaturperiode steht an und die „erste Regierung nach Kanzlerin Merkel“ will bestimmt werden. Doch schon jetzt zeichnet sich ab, dass meine Hoffnung auf einen positiven Wahlkampf sich nicht erfüllen wird. Warum ich es für Unsinn halte, wenn Parteien vor einer Wahl Koalitionsoptionen ausschließen – und warum ich mir mehr positiven Wahlkampf und echte Zukunftsvisionen wünschen würde.

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Freie Zeit Rollenspiel

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In aller Kürze. Vampire: The Masquerade ist ein Rollenspielwerk von White Wolf Publishing. In einer alternativen Realität, der „Welt der Dunkelheit“, verbergen sich Geschöpfe wie Vampire oder Werwölfe zwischen den Sterblichen und bilden Parallelgesellschaften. Finstere Intrigen, Politik und der nackte Kampf ums Über(un)leben prägen die Nacht. Und die Geschichten sind durchzogen mit Zweifeln, Angst, schwarzen Themen und noch finstereren Absichten.