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Mindmaps

Liebes Tagebuch!

Bestimmt weißt du, was eine Mindmap ist, oder? Alles fängt mit einem Begriff, einer Idee, einem Gedanken an, den man in die Mitte eines Blattes Papier schreibt. Von hier aus entwickelt sich alles Weitere hoffentlich wie von selbst: neue Ideen, Assoziationen, Schlagwörter werden um den zentralen Kerngedanken herum angeordnet. Anschließend verbindet man diese Begriffe durch Linien, so dass ein hierarchisches Netzwerk aus Überlegungen entsteht. Von den neuen Begriffen aus lässt sich wieder in ganz neue Richtungen denken. Der Kreativität sind so keine Grenzen gesetzt – abgesehen von der Ausdehnung des Papiers natürlich.

Das erste Mal bin ich mit der Technik des Mindmappings zu Schulzeiten in Berührung gekommen. Wohl in dem Versuch, uns mit neuen und alternativen Strukturierungsmethoden vertraut zu machen, wurde uns aufgetragen, Mindmaps zu verschiedenen Themen zu organisieren. Eine Arbeit, die ich damals selten dämlich fand – so viel Schreibarbeit für Dinge, die ich doch sowieso weiß?! Welche Dinge verbinde ich am besten mit welchen? Plötzlich stelle ich fest, hier hätte noch ein Begriff reingepasst, aber da ist gar kein Platz mehr – was jetzt? Von Vorne anfangen?

Exemplarische Mindmap

Du siehst schon, worauf das hinausläuft. Mindmaps haben mich nicht überzeugt. Zu unflexibel, zu unbeherrschbar und aus meiner Sicht vollkommen überflüssig für überschaubare Problemstellungen. Ach, was vermisse ich die Schulzeiten, in denen man sich im schlimmsten Falle mit Schulstoff eines halben Jahres befassen musste? Schon komisch, wie man sich selbst damals manchmal überwältigt fühlte, wo eigentlich doch gar nicht viel von einem verlangt wurde.

Mindmaps und ich? Das wird nichts mehr.

Dachte ich.

Vor einigen Wochen – inzwischen fast schon Monaten – wurde die Idee der Mindmap schlagartig wieder in mein (berufliches) Leben katapultiert. Denn die Bürokollegin arbeitet sehr gerne mit Mindmaps. Und nutzt dafür eine Software, die sie mir glücklicherweise auch gleich weiterempfohlen hat.

Denn was mir gar nicht bewusst war, da ich mich mit Mindmaps seit meinem schulischen Ausflug dorthin nicht weiter befasst hatte: Mittlerweile gibt es selbstverständlich eine Vielzahl von digitalen Lösungen, Mindmaps zu erstellen, zu strukturieren, zu sortieren und zu teilen. Ein absoluter Gamechanger!

Das liegt zum einen an der digitalen Version der Mindmap. Denn plötzlich fallen viele Restriktionen, die mich an der analogen Fassung immer gestört hatten, einfach weg. Wo ein Blatt Papier physikalisch eine Grenze aufbietet, lässt sich die digitale Arbeitsoberfläche bis ins „Unendliche“ ausdehnen. Wo auf dem Papier ein Begriff aufnotiert ist und dort fixiert bleibt, kann ich im Digitalen meine Begriffe munter verschieben, neu verbinden, bearbeiten. Ich kann Bilder und Links, sogar Dateien mit verschiedenen Knotenpunkten in meinem gedanklichen Netzwerk verknüpfen. Die digitale Mindmap erlaubt mir, mit meinen Gedanken zu spielen. Das gefällt mir. Ich bin ein Spielkind. Ich liebe Spiele – und ich liebe Struktur. Perfekt!

Zum anderen bin ich heute älter, leider nicht viel weiser, aber dafür mit größeren Projekten konfrontiert. Eine Dissertation ist ein Forschungsprojekt, das sich nicht nur von einer Schulstunde bis zur nächsten erstreckt. Ein halbes Jahr, das zu Schulzeiten eine Ewigkeit zu sein schien, ist nun schnell vorüber. Aber Gedanken, Inhalte, Verknüpfungen, Verbindungen über drei bis vier Jahre mental aufrecht zu erhalten – es mag Menschen geben, die das können. Ich gehöre nicht mehr dazu. Es hilft sehr, liebes Tagebuch, Gedanken zu externalisieren. Wer wüsste das besser als du?

Selbst zum Einkaufen lassen sich Mindmaps nutzen! (Anmerkung: fiktiver Einkaufszettel)

Ein kleines Tränchen will ich abschließend trotzdem noch verdrücken – denn manchmal sind mir Mindmaps einfach nicht flexibel genug. Die Grundidee einer Mindmap ist hierarchisch. Alle Assoziationen, alle Gedanken sortieren sich rund um einen zentralen Begriff, weitere Gedanken werden diesen äußeren Begriffen wieder untergeordnet, so dass sich längere Pfade vom Kern der Map bis zu den Blättern ganz am Ende entwickeln.

Beispiel für ein Netzwerk aus Begriffen – wirklich hilfreich wird das natürlich erst mit deutlich mehr Knotenpunkten!

Manchmal habe ich aber eher das Bedürfnis, ein Netzwerk aufzubauen, ohne Hierarchie, ohne vorgefertigte Struktur, aber mit der Option, meine Gedankenknoten mit so vielen anderen Gedanken zu verbinden wie ich will. Es ist eine etwas andere Art, Struktur aufzubauen: Im Fokus liegt nicht mehr die Qualität einer Verbindung, also welche Gedanken wo untergeordnet sind. Stattdessen kann es manchmal hilfreich und interessant sein, zu sehen, welche Themenbereiche miteinander verknüpft sind – und in welcher Quantität. Eine Option, die von den meisten Mindmapping-Programmen nicht direkt unterstützt wird und deshalb nur mit Tricks umsetzbar ist.

Um ganz am Ende doch noch eine Empfehlung geben zu können: Derzeit nutze ich SimpleMind, eine Software der niederländischen Firma „ModelMaker Tools – SimpleApps“. Die Nutzeroberfläche ist nicht ganz zeitgemäß, aber übersichtlich und intuitiv zu bedienen. Sobald man die notwendigen Shortcuts auf der Tastatur kennt, lässt sich die Mindmap in ein wahres Produktivitätsmonster verwandeln – Knotenpunkte können mit Checkboxen oder Fortschrittsbalken ergänzt werden und solche, die ein Fälligkeitsdatum tragen, lassen sich sogar in einer „Fälligkeitsliste“ auflisten. Hilfreich, wenn die Map irgendwann sehr unübersichtlich groß geworden ist.

Glücklicherweise lassen sich bei SimpleMind auch Querverbindungen herstellen, also zusätzliche Links zwischen zwei Knoten, die eigentlich nicht direkt durch die hierarchische Map miteinander verbunden wären. Leider zeigt sich an einigen Stellen sehr deutlich, dass diese Option nicht für flächendeckende Netze entwickelt wurde: zum Einen hat SimpleMind einen spannenden Anzeigemodus, der beispielsweise erlaubt, nur einen Knoten und alle untergeordneten Knoten anzuzeigen, während alles andere abgedunkelt wird. Das macht bestimmte Bereiche einer Map sehr viel übersichtlicher. Schwierig, wenn Verbindungen nicht hierarchisch, sondern richtungsfrei gemeint sind, denn manche Beziehungen werden so nicht erfasst und dargestellt. Zudem bricht die Performance der Software ab einer bestimmten Anzahl Knoten und Verbindungen sehr merkbar ein. Und das ganz ohne die Darstellung von Bildern.

Wir merken uns, liebes Tagebuch: so ganz perfekt ist die bunte Welt des Mindmappings immer noch nicht. Aber wenigstens haben wir einen ersten Fuß in der Tür. Und wenn wir irgendwann wieder ganz viel Zeit haben, wer weiß? Vielleicht basteln wir dann einfach selbst an einer Mindmapping-Software.

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Next in Fashion

Liebes Tagebuch!

Du weißt so gut wie ich, wie gerne ich bestimmte Castingshows förmlich verschlinge. Vor allem, wenn sie mit einem interessanten Berufszweig oder einer handwerklichen Fertigkeit zusammenhängen. Das schließt nicht nur solch in Verruf gekommene Sendungen wie Germany’s Next Topmodel ein, an dem man sicherlich vieles ganz schlimm und ganz furchtbar finden kann, das aber trotzdem schafft, diesen Teilbereich der Fashionindustrie ins mediale Rampenlicht zu schieben. Vor einigen Jahren gab es auch eine deutsche handwerkliche Variante mit Guido Maria Kretschmer, Geschickt eingefädelt, bei der mehrere Hobbyschneider in Nähaufgaben gegeneinander antreten mussten – nicht minder spannend, wenn auch durch die deutsche Produktion etwas dröge. Kochsendungen sind da übrigens auch total spannend!

Wenn es um Design geht, dann war lange Zeit ebenfalls Heidi Klum unangefochtene Vertreterin der Castingshows, zusammen mit Tim Gunn bei Project Runway. Eine Sendung, die ich zeitweise verfolgt habe, aber nie sonderlich gut fand – vielleicht auch, weil Heidi Klum zwar sicherlich etwas vom Modeln versteht, aber ich beim Zusehen nie den Eindruck hatte, sie verstehe auch viel von Mode. Das ist keineswegs so bösartig gemeint, wie es vielleicht klingt! Natürlich versteht Heidi Klum etwas von Mode. Aber wenn es um Design geht, ganz gleich um in High Fashion oder Prêt-à-porter, dann zählen offensichtlich auch noch ganz andere Dinge, Material, Formen, Strukturen, Linien, klare Konzepte, Konventionen, Brüche mit Konventionen. Mode ist ein bisschen wie bildende Kunst: Auch als Laie kann man ein Bild ganz hübsch finden, aber die wahre Geschichte bleibt dem Unwissenden verborgen. Und Mode ist Kunst.

Worum geht’s?

Bei meiner alltäglichen auditiven Lektüre von Sarah Kuttners und Stefan Niggemeiers Podcast „Das kleine Fernsehballett“ bin ich dann auf „Next in Fashion“ gestoßen, eine schamlose Kopie von Project Runway, die inzwischen auf Netflix zu finden ist. Am Konzept hat sich nichts verändert: mehrere internationale Designer, die meisten von ihnen bereits mit eigenen Brands und Kollektionen, kämpfen um den Titel „Bester Designer“ sowie 250.000$ und die Möglichkeit, ihre Kleidung in einem Onlinestore zu vermarkten, von dem ich noch nie etwas gehört habe. Wird schon ein großes Ding sein.

Die erste erfrischende Änderung, liebes Tagebuch: Heidi Klum ist diesmal nicht mit dabei. Stattdessen wird die Show moderiert von Alexa Chung und Tan France. Von Alexa hatte ich bis dato noch nie gehört, aber offenbar ist sie als Model, Autorin und Presenterin unterwegs. Tan hingegen ist auch auf Netflix bei QueerEye so populär geworden, dass sogar ich ihn erkannt habe, obwohl ich QueerEye nie gesehen habe. Abgesehen davon kommt er wohl selbst ebenfalls aus der Modedesignecke, wenn ich es richtig verstanden habe.

Der Rest der Sendung ist simpel und schlicht erklärt. Jede Folge gibt es ein anderes Thema (Militär, Jeans, Unterwäsche, etc.), zu dem die Designer anfangs in Zweierpaarungen, später einzeln neue Mode entwerfen müssen. Dafür stehen ihnen in der Lagerhalle, in der die Produktion stattfindet, ein Vorrat an Stoffen und Beiwerk zur Verfügung, eigene Arbeitsplätze, die Möglichkeit, sowie die Möglichkeit, selbst Stoffe zu bedrucken, wenn ihnen das Vorhandene nicht gefällt. Für die neuen Designs haben die Teilnehmer jeweils einen vollen und einen halben Tag lang Zeit – doch während des zweiten Tages stehen auch die Models auf dem Plan, die dann eingekleidet, gestyled und instruiert werden wollen. Am Ende des zweiten Tages folgt ein Runway, auf dem die Produktionen präsentiert und anschließend von Alexa, Tan, einer Designerin aus dem Next in Fashion-Team sowie Gastjuroren bewertet werden.

Und wie ist es so?

Im Grunde ist Next in Fashion wirklich einfach nur ein äußerst dreister Klon. Man hat sich nur des ganzen Schickimicki-Gedöns entledigt, das Heidi Klum in ihre Produktionen immer einbauen muss, als würde das jemanden interessieren – dabei braucht eine Fashionshow nicht unbedingt teure Reisen nach Mailand und Paris, Modehauptstädte hin oder her. Eine Stoffschere schneidet in New York nicht anders als in Bejing. Der Fokus liegt bei der Netflix-Produktion also erfreulicherweise mehr auf den Designern.

Die Designer sind sehr unterschiedlich gecastet, und obwohl es zu Beginn ganze 18 von ihnen gibt, gelingt es den Showmachern, den meisten gleich zu Beginn viel Leben einzuhauchen. Da ist etwa Angelo, der Exilitaliener, der sich gerne im hautengen Leopardenlook auf der Interviewcouch räkelt und mehrfach betont, dass er aus einem italienischen Dorf kommt, von dem noch nie irgendwer gehört hat. Oder Ashton, der mit all seinen Tattoos und seinem Outfit eher bedrohlich daher kommt, in Wirklichkeit aber ein ziemlicher Softie mit einem Hang zur Natur ist. Was mir ganz grundsätzlich auffiel: Dafür, dass die TeilnehmerInnen alle ModedesignerInnen sind, laufen sie ziemlich merkwürdig gekleidet durch die Welt. Aber vielleicht muss das so sein.

Erfrischend, weil einfach realistisch: Nicht in allen Paarungen klappt es von Beginn an perfekt. Manche kennen sich schon seit Jahrzehnten und arbeiten sogar zusammen, andere prallen aufeinander und sich nicht in der Lage, gemeinsam ein Konzept zu entwerfen. Das gibt mir als Zuschauer zu Beginn der Show, wenn ich die Leute noch nicht so gut kenne, wenigstens einen Anhaltspunkt, die Arbeit ebenfalls zu bewerten.

Was mir auch sehr gut gefällt: Es gibt hier nicht nur female models. Ganz oft müssen die Designer einen Entwurf jeweils für eine Frauen- und ein Herrenmodel anfertigen, so dass endlich (!) auch einmal mehr Fokus auf moderne Herrenmode gelegt wird. Und obwohl die Models, ganz gleich ob weiblich oder männlich, durch die Bank herausragend gut aussehen, steht das bei Next in Fashion niemals im Zentrum, was mir ebenfalls sehr gut gefällt. Schließlich geht es hier um die Mode!

Ich weiß gar nicht, was ich sonst noch erzählen sollte, was mir gut gefällt, denn gefühlt gehört das Meiste ohnehin zum Standard der Castingshows. Es fällt mir also viel leichter, im Folgenden auf Dinge zu verweisen, die ich nicht so gelungen finde.

Fangen wir mit einem Grundproblem an, das mich mit Modesendungen verbindet: Ich habe keine Ahnung von Modedesign oder vom Schneidern. Für mich wäre es also durchaus spannend, mehr über die handwerklichen Kniffe und Überlegungen zu erfahren. Nicht, dass ich jedem Designer dabei zusehen möchte, wie er oder sie einen Faden in die Nähmaschine fädelt. Aber zur Bewertung einer Arbeit gehört sicherlich auch, wie kompliziert bestimmte Materialien zu verarbeiten sind, wo da die Tücken liegen, etwa beim Bügeln oder im Zusammenspiel mit anderen Werkstoffen. Bei Next in Fashion gelingt das alles auf magische Art und Weise: Nicht nur setzen die Designer in Rekordzeit tolle Entwürfe um, die Nähte machen sich alle scheinbar auch wie von Geisterhand. Würden die KandidatInnen nicht gelegentlich jammern, wie wenig Zeit sie noch haben, man würde die Arbeit, die in den Klamotten steckt, gar nicht bemerken.

Ähnliches gilt für den Designprozess. Schön, dass man einen Blick in das Zeichenbuch der jeweiligen Teilnehmer erhält und somit einen Ausblick auf das, was im Laufe der Sendung kreiert werden soll. Aber manchmal fände ich einige Erläuterungen auch ganz nett. Was macht ein bestimmtes Kleidungsstück aus? Was sind die Besonderheiten in genau diesem Design? Wo ist die klare Linie in diesem Werkstück, was hat der Designer sich dabei gedacht? Wohin soll das farbliche Konzept führen? Manchmal habe ich das Gefühl, dass mir viele so ganz basale Informationen fehlen, um nicht nur einen Bezug zu den TeilnehmerInnen, sondern auch zu ihren Machwerken zu bekommen. Denn die wirken ansonsten bisweilen etwas zu abgehoben und entrückt. Im späteren Verlauf der Sendung, wenn nicht mehr so viele KandidatInnen gleichzeitig zu zeigen sind, wird das allerdings etwas besser, das muss ich zugeben.

Manchmal ist mir auch nicht ganz klar, worauf die Show ihren Fokus legt. Modedesigner sind üblicherweise – Verzeihung! – keine Personen, die im Rampenlicht wahnsinnig viel „Ooooh!“ auslösen. Sie glänzen ja weniger durch eigene Optik, sondern mehr durch die Kleider, die sie entwerfen. Aber ausgerechnet die fertigen Kleidungsstücke werden auf dem Runway nur äußerst dürftig in Szene gesetzt. Die Models schleichen sich auf die Bühne, in der Entfernung noch kaum zu erkennen. Während des Walks wechselt gefühlt jede Sekunde die Kameraeinstellung, plötzlich wird das Model ganz ausgeblendet und wir sehen die Juroren, die sich über die Kleidung unterhalten. Was soll das denn? Wieso können wir uns nicht einfach den ganzen Walk in aller Ruhe anschauen und den Blick auf dem Model halten, während uns Stimmen aus dem Off erklären, was daran gut oder schlecht ist? Wieso muss ich alle zwei Sekunden die Perspektive wechseln, wenn ich so gar nicht in Ruhe beurteilen kann, wie mir das Stück gefällt? Ich würde mir eher wünschen, dass es einen Splitscreen gibt, der das Model aus zwei oder drei verschiedenen Perspektiven zeigt, aber dafür über den ganzen Walk hinweg. Denn es zählt doch nicht nur, wie die Mode am Model aussieht – sondern auch, wie es sich in der Bewegung verhält! Ausgerechnet der Hauptdarsteller der Show, die Mode, wird bei der Präsentation also vollkommen übergangen. Absurd.

Dafür gibt man sich viel Mühe dabei, zu erklären, warum bestimmte Looks nicht gehen und andere hingegen schon. Wenn etwa Tommy Hilfiger erklärt, dass es wichtig sei, als Designer einen Schritt weiter zu denken und Neues zu entwerfen, dann leuchtet mir das ein. Und wenn eine Designikone wie er anmerkt, dass er bestimmte Elemente bereits aus anderen Kollektionen kennt, dann akzeptiere ich das so und kann Entscheidungen nachvollziehen. Überhaupt gefällt mir das wiederum ganz gut an Next in Fashion – die Juroren sind sehr transparent, was ihre Vorlieben und Abneigungen angeht. Anders als bei Heidi Klum, die ihre Zuneigung manchmal eher nach Potential für die Showquote zu vergeben scheint, liegt der Fokus hier wirklich mehr auf den entstandenen Resultaten. Was Sinn ergibt, denn die dahinter stehenden Designerinnen eignen sich nicht für prätentiöses Rumgezicke.

Links die beiden Moderatoren der Show, Alexa Chung und Tan France

Was mich hingegen so gar nicht packt, liebes Tagebuch, sind die beiden Moderatoren der Show. Das fängt bereits beim Kleidungsstil an. Ich finde es faszinierend, wie furchtbar Alexa und Tan aussehen können – mindestens zweimal pro Folge wechseln sie ihre Kleidung und sehen dabei nicht selten einfach nur schrecklich aus. Ganz besonders gilt das für Tan, der auf diese Weise wohl einen ganz besonderen eigenen Look zu kreieren versucht. Wenn man gerade Tan dann auch noch häufiger dabei zusehen muss, wie er die eigene relativ langweilige Haartracht im Spiegel zurecht macht, kommen Zweifel an der grundsätzlichen Eignung zu einer solchen Show auf. Aber – Mode ist Geschmackssache, und dass ich keine Ahnung von Mode habe, das wissen wir beide.

Allerdings kommt dazu, dass ich beiden nicht abkaufe, tiefer gehende Ahnung von der Modebranche zu haben. Nicht, dass ich selbst große Ahnung hätte! Aber auf mich wirken die beiden dann eben doch wie zwei Moderatoren, die einfach nur vorgeschriebene Texte und Ideen präsentieren. Mit ihrem Moderationsstil könnten sie gleichermaßen durch eine Kochsendung führen und man wäre ähnlich gut unterhalten. Das ist schade, hier wird Potential verschenkt.

Alexa erklärt uns, was man alles in aufgekrempelten Hosenbeinen verstecken kann…

Ähnliches gilt für die Rubrik „Alexa’s tricks“ oder „Tan’s tips„, mit denen die zwei Moderatoren zwischen Tag 1 und 2 der jeweiligen Folge Modetipps unter das Volk bringen. Das alles in einem etwas kindlichen Humor, der bei mir so absolut nicht verfängt, und mit etwas absurden Ratschlägen, etwa: Wenn man einen Einteiler trägt und nicht wie ein Pilot aussehen möchte, dann krempelt man unten die Hose ein und macht bisschen was am Kragen. Oder man wird Pilot. Hahaha. An anderer Stelle erklärt uns Tan, dass ein Anzug gar nicht teuer sein muss – man muss sich nur sehr gut mit dem Schneider seiner Wahl verstehen! Wenn das mal nicht hilfreich ist…

Ein Design zum Thema „Military“

Mein letzter Kritikpunkt ist einer, den ich vor allem mit mir selbst ausmachen muss: Ich verstehe die Entscheidungen manchmal nicht. Besonders deutlich ist mir das in der Folge „Militär“ aufgefallen. Was hier von Moderatoren und Designern als „incredible take on military style“ mit klaren Formen in den Himmel gelobt wurde (siehe Abbildung), sah für mich aus wie ein unförmiger und schlecht sitzender goldener Schlafsack. Ausgerechnet das Sendungskonzept „Militär“ vermochte ich hier aber nicht zu lesen. Leider bleiben die Begründungen der Juroren hier auch oft vage, ganz nach dem Motto, wer begreifen will, was wir hier toll finden, muss sich schon selber auskennen. Nun, am Geschmack scheiden sich bekanntermaßen die Geister, und dass jemand wie ich, der von Mode gar keine Ahnung hat, high fashion nicht angemessen beurteilen kann, versteht sich von selbst.

Insgesamt, liebes Tagebuch, ist Next in Fashion sicherlich nicht die große neue Entdeckung am Castingshowhimmel. Es macht einige Dinge ganz gut, andere Dinge leider ähnlich falsch wie die Konkurrenten, und es fehlt das Alleinstellungsmerkmal. Ich bin gespannt, wie es sich in weiteren Staffeln (bislang gibt es nur eine) verhalten wird, ob man neue Elemente einbaut und ein paar Wagnisse eingehen wird. Wir werden es auf alle Fälle sehen!

Kandidat Daniel Fletcher – natürlich aus London, woher sonst?

PS: Aber wie cute ist Daniel Fletcher bitte? Tschuldigung. Mein Brit-Detector hat wieder angeschlagen. Ich lasse mich selbst raus, ja?

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The Cabin in the Woods

Vorbemerkung: Dieser Beitrag enthält SPOILER. Wer den Film „The Cabin in the Woods“ (2011) noch nicht gesehen hat und gerne unvorbereitet an Filme herangeht, der ist an dieser Stelle gewarnt.

Ein Hütterl im Walde

Liebes Tagebuch!

Du kennst bestimmt diese Nächte, in denen man sich schlaflos von links nach rechts wälzt, in Gedanken an Gott und die Welt, und einfach den Weg ins Reich der Träume nicht findet. Was macht man folgerichtig, wenn Schäfchenzählen und Milch mit Honig nicht funktionieren? Richtig: Man sucht sich auf Netflix einen Horrorfilm. So bin ich gestern Nacht über „The Cabin in the Woods“ gestolpert. Lass mich dir ein bisschen davon erzählen.

Worum gehts?

Die Geschichte ist ein klassischer Horrorplot: fünf einander mehr oder weniger bekannte junge Menschen beschließen, gemeinsam ein Wochenende in den Bergen zu verbringen, weil sie dort eine lässige kleine Waldhütte nutzen dürfen. Die Charaktere könnten klassischer nicht sein:

  • Dana, eine intelligente, strebsame und wohl auch etwas schüchterne, vorsichtige Frau, die beziehungstechnisch gerade von einem ihrer Professoren per Mail abserviert wurde;
  • Jules, eine Freundin, die sich frisch die Haare blondiert hat;
  • Curt, ein athletischer Collegestudent und Boyfriend von Jules;
  • Holden, ein Kumpel von Curt, den dieser mit Dana verkuppeln will – gutaussehend, klug, kann man machen;
  • und Marty, ein zugekiffter Typ, der die Realität das letzte Mal wohl vor sehr langer Zeit gesehen hat.

Im Grunde ist die Handlung nichts Neues: Die Fünf fahren in einem Wohnmobil zu besagter Hütte, richten sich dort ein und werden, je weiter es gen Abend geht, betrunkener und lässiger im Umgang miteinander.

Im Hintergrund beobachten Produzenten das Geschehen in der Hütte

Außergewöhnlich hingegen ist: Sie werden die ganze Zeit aus einer unterirdischen Bunkeranlage beobachtet. Dort sitzen zwei archetypische weiße alte Männer an einem gigantischen Schaltpult mit vielen Druck- und Drehreglern, um die Handlung nach ihren Vorstellungen zu beeinflussen. Denn die fünf Protagonisten sind, ohne es zu wissen, auch im Film Hauptdarsteller einer Horror-Reality-Show, und das ganze Setting mit der Waldhütte ist in Wirklichkeit ein verkabeltes und mit Kameras gespicktes Set. Sehr futuristisch übrigens, inklusive einer unsichtbaren Energiebarriere, die das Tal umgibt.

Dana liest aus einem alten Tagebuch vor

Der Spaß beginnt, als die fünf „Freunde“ in den Keller gelockt werden, ein kleines Auswahlspiel: je nachdem, mit welchem der dort befindlichen Gegenstände die Hausgäste als erstes interagieren, wird ein anderes Schrecken in der Nacht auf sie losgelassen, um sie zu töten. Das Rennen macht ein Tagebuch, aus dem Dana lateinische Worte rezitiert und somit im angrenzenden Wald eine Zombiefamilie zum Leben erweckt.

Nachfolgend werden die Collegestudenten der Reihe nach brutal Opfer der untoten Besucher: Jules wird beim Liebesspiel mit Curt im Wald erwischt. Marty wird aus dem Verkehr gezogen, als er durch einen Zwischenfall den Showcharakter des Settings erkennt. Besonders schön ist der tragische Tod von Curt, der die einzige Hoffnung auf Hilfe in einem heroischen Stunt über die Schlucht sieht, die das Tal umgibt. Mit dem Motorrad brettert er auf die Sprungschanze zu, fliegt durch die Luft – und zerschellt an der unsichtbaren Barriere. Gänzlich unspektakulär wird Holden dagegen von einem Zombie beim Autofahren aufgespießt.

Während das Grauen seinen Lauf nimmt, wird langsam klar, warum all das geschieht: Offenbar finden zur gleichen Zeit in mehreren Ländern vergleichbare Shows statt. Jede einzelne Show ist ein Ritual, dazu geeignet, die Alten Götter zu besänftigen, die unter der Erde ruhen und ansonsten drohen, die Menschheit zu vernichten. Jedes Land hat sein eigenes Ritual – doch dummerweise sind alle anderen fehlgeschlagen, inklusive der Variante in Japan, in der das bösartige Monster von neunjährigen Schulmädchen gebannt wurde. Es bleibt also nur noch der amerikanische Weg: Die Opferung von fünf typisch amerikanischen jungen Menschen. Eine Hure, ein Athlet, ein Streber, ein Verrückter und eine Jungfrau. Es ist nicht gänzlich schwer, die verschiedenen Charaktere auf ihre Rollen zuzuordnen. Nicht ganz unwesentlich ist hier auch die Reihenfolge der Tode: Die Hure muss zuerst getötet werden, die Jungfrau zuletzt, wobei sie nötigenfalls sogar überleben darf.

Der vermeintlich schon geglückte Plan scheitert, als klar wird, dass Marty gar nicht getötet wurde, der Verrückte ist also noch im Spiel. Und noch schlimmer: Per Zufall hat er einen Fahrstuhl gefunden, durch den vermutlich zuvor die Zombies in das Waldstück gebracht wurden. Zusammen mit Dana reist er also unter die Erde in die Produktionsanlage, wo die beiden zahllosen Monstern begegnen, die ihrerseits in Fahrstühlen darauf warten, eingesetzt zu werden. Unter Tage will die Sendeanstalt mit einem bewaffneten Trupp das Problem ein für alle Mal beseitigen – als Dana und Marty einfach alle Fahrstühle öffnen und somit alle Monster gleichzeitig auf die Bunkeranlage loslassen. Ab hier ist Rot die dominierende Farbe und sind Gedärme das bevorzugte Dekorationselement.

Lauter kleine Fahrstühle – in jedem wartet ein ganz besonderes höllisches Monster für die weltweiten Rituale

Der Film endet mit einer sehr grundlegenden Entscheidung – die Direktorin, die ganz zum Schluss erst auftaucht, verlangt von Dana, Marty zu töten, um auf diese Weise das Ritual erfolgreich zu beenden. Sie entscheidet sich dagegen, teilt sich – schwer angeschlagen durch einen Werwolfbiss – noch eine letzte Zigarette mit Marty, ehe eine riesige lavaartige Hand quer durch die Bunkeranlage bricht und die Hütte zerstört, sich dann auf die Welt niedersenkt. Das Ritual ist gescheitert.

Wer spielt mit?

  • Dana: Kristen Connolly
  • Jules: Anna Hutchinson
  • Curt: Chris Hemsworth
  • Holden: Jesse Williams
  • Marty: Fran Kranz
  • Steve Hadley (komischer alter weißer Mann 1): Bradley Whitford
  • Gary Sitters (komischer alter weißer Mann 2): Richard Jenkins

Und natürlich noch viele weitere, die aber insgesamt gesehen keine große Rolle spielen.

Und – wie wars?

The Cabin in the Woods“ ist eine interessante Mischung ganz unterschiedlicher Genres. Vielleicht will der Film aber auch ein bisschen zu viel. Mehrere Male wird im Laufe der Handlung versucht, einen kompletten Twist einzubauen: was als klassisches Horrormovie beginnt, verwandelt sich erst in eine Mysterysendung (was hat es mit dieser Energiebarriere auf sich?), anschließend in eine Komödie, gefolgt von einer kritischen Außensicht auf das Fernsehen und einen allumschließenden apokalyptischen satanischen Plot. Das macht einerseits einen gewissen Reiz aus. Andererseits lässt es mich etwas unbefriedigt zurück, weil ich mich vom Film manchmal stehen gelassen fühlte und mich erst wieder komplett neu auf die veränderten Rahmenbedingungen einstellen musste.

Als „der Athlet“ legt Chris Hemsworth den Rugbyball natürlich nicht aus der Hand

Schauspielerisch darf man hier vermutlich nicht allzu viel erwarten – die fünf Protagonisten sind schließlich schon als Charaktere als absolute Archetypen angelegt. Und die werden bestens erfüllt. Wo ich mir am Anfang noch dachte, wie platt und absolut brainless Chris Hemsworth diesen athletischen Kotzbrocken Curt spielt, wurde mir später natürlich klar, dass genau das gefordert war. Ansonsten bleibt er aber eher unspektakulär. Anna Hutchinson portraitiert wunderbar die schon viel zu oft gesehene dumme Blondine, die sich nur als Accessoire ihres nicht minder bescheuerten Freundes sieht. Kristen Connolly schafft es, als Identifikationsfigur zu dienen und die Sympathien des Zuschauers (wenigstens meine) auf sich zu vereinen, ohne sonst große Tiefe in den Charakter zu graben.

Marty gehört für mich zu der Kategorie Charaktere, die ich nicht sehr angenehm finde – insofern war ich fast schon unangenehm enttäuscht, als dieser verlotterte Typ aus dem zugekifften Auto stieg. Es ergibt auch nicht allzu viel Sinn, dass ausgerechnet der von Drogen zugedröhnte Dauerkiffer den größten Durchblick in der Gruppe hat. Filmisch wird das dadurch erklärt, dass er offenbar mit seinen Drogen sämtliche Rezeptoren weggeballert hat – und somit auf die Pheromone der Horrorproduktion nicht mehr reagiert. Aber wieso kommt er unten im Keller auf die Idee, einfach alles stehen und liegen zu lassen und nach oben zu gehen? Weshalb schließt er nur aus dem Fund einer versteckten Kamera bereits auf das gesamte Konzept einer Fernsehproduktion? Wäre es nicht nahe liegender gewesen, den Cousin von Curt (dem die Hütte vermeintlich gehörte) für einen sehr perversen Mann zu halten? Aber in einer Komödie sollte man nicht zu viel logische Konsequenz vermuten.

Dana erhascht durch den Spiegel einen Blick auf Holden

Etwas zwiegespalten bin ich mit Jesse Williams als Holden. Selbiger soll laut Ritualvorgabe die Rolle des Schlaumeiers besetzen. Dafür spricht aber äußerst wenig – er trägt im romantischen Stelldichein mit Dana plötzlich eine Brille, that’s it. Dem gegenüber stehen einige Szenen, mit denen er locker auch als Athlet hätte durchgehen können. Etwa gleich zu Beginn der tolle Fang des Balles, den Curt versehentlich aus dem Fenster wirft. Und dann ist da natürlich die Spiegelszene: In der Hütte findet Holden in seinem Zimmer hinter einem grässlichen Wandgemälde einen einseitigen Spiegel, der ihm einen Blick auf die nebenan wohnende Dana gewährt, die davon nichts ahnt. Sie zieht sich aus, er beobachtet das Geschehen hin und her gerissen – warnt sie dann jedoch. Ganz der Gentleman bietet er ihr einen Raumtausch an. Was dazu führt, dass Dana, ehe sie das Gemälde wieder aufhängen kann, noch einen wunderbaren Blick auf den durchtrainierten Körper Holdens werfen kann. Dagegen wirkte Curt doch eher schmächtig. Persönlich wäre ich aber gut damit klar gekommen, wenn sie das Bild nicht wieder über den Spiegel gehängt hätte.

Es gibt leider auch viele Elemente in „The Cabin in the Woods“, die irgendwann einmal eingeführt werden, dann aber keine größere Bedeutung mehr haben. Wozu braucht es den Tankstop inklusive gruseligem alten Mann, der den Fünfen zu Beginn des Filmes den Weg weist? Er ruft später zwar noch einmal im Bunker an und redet sehr merkwürdiges Zeug über den Lautsprecher, fügt der Handlung aber schlicht nichts hinzu. Wieso wird die neue Haarfarbe von Jules so betont? Insbesondere, da ihr abgetrennter Kopf später dunkle Haare trägt – was entgegen meiner Annahme jedoch offenbar keine Bewandtnis hat. Weshalb wird anfangs betont, dass Dana eine Beziehung zu ihrem Professor hatte, von diesem aber per Email abserviert wurde? Das bringt später sogar die Produktionsgesellschaft in Erklärungsnot, denn als Jungfrau kann man sie so ja kaum noch deklarieren.

Dass umgekehrt viele Zusammenhänge am Ende des Films gar nicht mehr erklärt werden, muss man wohl akzeptieren – spätestens ab der Reise in den Untergrund mittels Fahrstuhl verliert „The Cabin in the Woods“ endgültig die innere Kohärenz, verwandelt sich stattdessen in eine schrille, panische Pseudosplatter-Komödie, in der es eigentlich nur noch darum geht, möglichst viele Monster auf möglichst viele Soldaten und Mitarbeiter zu schicken, um möglichst viel Blut im Set verteilen zu können. Doch wie kommt es überhaupt, dass Alte Götter unter der Erde ruhen? Dass diese Götter ausgerechnet durch Fernsehproduktionen besänftigt werden? Wieso müssen es für das amerikanische Ritual immer junge Menschen sein? Warum spielt die Reihenfolge in diesem Ritual eine so essenzielle Rolle? Weshalb darf die Jungfrau am Ende entkommen? Wieso fällt niemandem auf, dass jedes Jahr eine Horrorshow im Wald gedreht wird und die Hauptdarsteller hinterher nicht mehr auftauchen?

Wie gesagt, ich würde bei diesem Film auch gar nicht auf eine Erklärung für all die Absonderlichkeiten hoffen, es handelt sich um eine Komödie und somit auch um eine inhaltliche Übertreibung der obligatorischen Handlungsmuster. Es ist trotzdem beeindruckend, wie tief der Handlungsbogen selbst in solchen Produktionen noch sinken kann.

Es gäbe sicherlich noch vieles über diverse Detailszenen zu sagen, ich möchte es hierbei aber belassen. Aller genannten Kritik zum Trotz fand ich den Film sehr unterhaltsam – er hat mir genau das geboten, wonach ich gesucht hatte: einerseits eine Spur Horror, die andererseits aber garniert wurde mit Komödie und einer absurden Zusatzhandlung, die den Horroreffekt wieder kaschiert. Chris Hemsworth und vor allem Jesse Williams runden das Paket optisch noch ab.

Wenn du mich also fragst, liebes Tagebuch, ob ich mir den Film noch einmal anschauen würde? Möglich. Vielleicht nicht in absehbarer Zeit. Aber unterhaltsam war er.

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Vom Klassen“streber“ im Corona-Zimmer

Auf bazonline habe ich heute eine interessante Leserfrage erspechtet. Schon überschrieben mit der provokanten Aussage „Warum sind wir so gehorsam?“ war an dieser Stelle natürlich bereits klar, in welche grundsätzliche Richtung die Leserin vorstoßen wollte. Und genau so liest sich anschließend auch der Text:

Die Corona-Verhaltensregeln wie Händewaschen, Abstandhalten und Masketragen sind wichtig und gut. Die meisten Senioren verstehen allerdings in vorauseilendem Gehorsam die Empfehlungen des BAG als Anordnungen und befolgen diese aufs Genaueste. Ich kenne eine ältere Frau, die es nicht einmal wagt, spazieren zu gehen. «Bleiben Sie zu Hause» nimmt sie wörtlich. Im Gegensatz dazu wird eine 69-Jährige, die selber einkaufen geht, von ihrer Kollegin als verantwortungslos bezeichnet. Warum sind viele derart obrigkeitsgläubig? G.S.

G.S., bazonline, „Warum sind wir so gehorsam?“, zuletzt abgerufen am 06.05.2020

Nun gehört diese „Frage“, die ja eigentlich keine ist, noch zu den netter formulierten Fassungen, was an ihrer Grundintention natürlich keinesfalls etwas ändert. Denn schließlich handelt es sich bei diesem Text von G.S. nicht um ein inhaltliches Unverständnis, also beispielsweise ein kontextuelles Problem mit virologischen Zahlen oder auch der Suche nach einem Ratschlag mit einer bestimmten Situation durch einen Psychologen, wie man das in manch anderen Tageszeitungen gerne findet. Stattdessen wird hier eine Theorie aufgestellt („Das BAG (Bundesamt für Gesundheit) hat nur Empfehlungen ausgegeben, aber viele halten sich sklavisch daran“) und mit einer nachgeschobenen Frage getarnt, obwohl diese derart suggestiv ist, dass sie eigentlich nur das Gesagte noch einmal unterstreichen soll.

Inhaltlich würde ich übrigens erwidern, dass man in der Schweiz glücklicherweise recht frei ist im Verlassen des eigenen Anwesens. Weder wird man auf der Straße von PolizistInnen angehalten noch muss man ständig Nachweispapiere mit sich führen, dass man sich auf einem sinnhaften Weg außerhalb der eigenen vier Wände befindet. Wer möchte, der darf spazieren, einkaufen, meines Wissens ist nicht einmal das Lesen eines Buches auf einer Parkbank verboten.

Da es sich größtenteils also wirklich um Empfehlungen des BAG handelt, das eigenem Bekunden zufolge ja auch ganz bewusst nur mit Empfehlungen und also nicht mit Anordnungen hantiert, um den BürgerInnen eine gewisse Selbstverantwortung zu lassen, ist es eben genau die Pflicht der BürgerInnen, dieser Verantwortung auch gewahr zu sein und gerecht zu werden. In der Frage ist von SeniorInnen die Rede, also von Personen, die gemeinhin als Hochrisikogruppe klassifiziert werden, da bei ihnen die Erkrankung in häufigerem Maße schwere Verläufe zeigt und tödlich endet. Folgt man nicht den etwas menschenverachtenden Vorstellungen wie beispielsweise der von Boris Palmer, dass Senioren ja vermutlich ohne bald stürben und es demnach besser sei, die eigenen Ressourcen anders zu bündeln, so muss man konstatieren: Genau diese Gruppe sollte sich, wenn sie es mit dem Überleben ernst meint, besonders gut überlegen, ob diese Empfehlungen nicht sinnvoll für sie sind.

Das ist in einer liberalen Demokratie natürlich bis zu einem gewissen Grad auch eine Frage der eigenen Einschätzung. Und diese Freiheit haben wir. Ich habe sowohl die Freiheit, mich wortwörtlich an die Aufforderung „stay at home“ zu halten, als auch die Freiheit, täglich dreimal einkaufen zu gehen. Mit allen daraus entstehenden Konsequenzen: einer möglichen eigenen Erkrankung oder der Ansteckung anderer Menschen, aber auch der eigenen sozialen Isolation und somit eines deutlich beschwerlicheren Lebens. Mir scheint hier die wichtige Botschaft, dass man als verantwortliche BürgerIn zwar Risiko und Maßnahmen abwägen muss – das, was den meisten dabei aber besonders schwer zu fallen scheint, ist, dass in diese Risikobewertung nicht nur die eigene Lage, sondern auch die Gemeinschaft der MitbürgerInnen einfließen muss. Ein Wert oder Faktor, der in diesen heutigen Zeiten immer weniger Bedeutung für den Einzelnen trägt.

Jedenfalls erscheint es mir ob dieser Überlegungen obskur, wenn die Fragestellerin hier grundlos zwei Beispiele herausgreift, seien sie real oder nicht, und ihre beiderfalls korrekten Handlungsweisen bewertend in den Raum stellt. Es steht G.S. gar nicht zu, von irgendjemandem zu verlangen, sich nicht an die BAG-Empfehlungen zu halten. Infolgedessen darf man die ganze Frage wohl als das lesen, was sie ist – eine Provokation.

Über diesen Diskurs hinaus fand ich aber auch die Antwort des Psychoanalytikers Peter Schneider ganz interessant, der in weitaus weniger Worten letztlich zur gleichen Einschätzung gelangt wie ich: Es handelt sich um eine individuelle Abwägung, aus der man keinen zusätzlichen Diskurs zu Obrigkeitshörigkeit konstruieren sollte. Vor allem aber vergleicht er die Gesellschaft in dieser bislang (zu unseren Lebzeiten) noch nie dagewesenen Situation mit einem Klassenzimmer. Er schreibt:

Wie in einer neu zusammengekommenen Schulklasse haben sich mit der Zeit verschiedene Grüppchen gebildet: Meistens gibt es eine grosse Gruppe von Unauffälligen, sie sind weder besonders brav noch besonders folgsam – sondern einfach in jeder Hinsicht «normal». Dann gibt es ein paar Streber; ein paar Brave; ein paar besonders Unterwürfige, die noch braver sind, als es die Polizei erlaubt; es gibt einen Klassenclown und zwei bis drei «rebels without a cause».

Peter Schneider, bazonline, „Warum sind wir so gehorsam?“, zuletzt abgerufen am 06.05.2020

Das weckt Erinnerungen an meine eigene Gymnasialzeit, die inzwischen zu meinem eigenen Schrecken doch schon länger zurück liegt (Abschlussjahr 2007), als ich das manchmal vergegenwärtige. Ich erkenne nicht all die Rollen wieder, die Peter Schneider hier aufzählt – ich kann mich beispielsweise nicht an irgendjemanden erinnern, den ich nachträglich als „unterwürfig“ einsortieren würde, und sieht man von bisweiligen Pubertätsanfällen ab, so hielten sich auch die „rebels without a cause“ in Grenzen. Aber ich kann schlecht von meiner eigenen Erfahrung aus einer recht kleinen Klasse (lediglich 20 SchülerInnen) auf den Lebensalltag von LehrerInnen in der gesamten Bundesrepublik schließen. Trotzdem finde ich es äußerst spannend, gerade dieses allseits bekannte Muster sozialen Verhaltens in Gruppen zu erinnern und auf die gegenwärtige gesellschaftliche Lage zu übertragen.

Vielleicht gehe ich nun doch mit etwas anderen Augen durch die Straßen oder sehe auch meine Nachbarn in einem neuen Licht. Wie all diese Menschen wohl damals zu ihren Schulzeiten waren? Ob sich mein neuer „Lieblingsnachbar“, der so gerne am Fenster sitzt, raucht und schräge deutsche Schlagermusik in den Hinterhof gröhlt, auch zu Schulzeiten schon ähnlich verhalten hat? Oder wie sind nun wohl die, die Peter Schneider oben als „Unterwürfige“ bezeichnet hat – ob sie immer noch so sind? Wie gehen solche Menschen mit einer solchen Krise, und natürlich auch mit solchen Empfehlungen oder Anordnungen um? Es ist ein spannendes Bild.

Abschließend bleibe ich bei meinem eigenen Resümee zur Eingangsfrage: Wie „sklavisch“ man sich an Empfehlungen hält, ist eine individuelle Erwägung, die ganz gewiss vom eigenen Verständnis der Gesamtlage, der eigenen Risikobereitschaft und den individuellen Umgebungsfaktoren abhängt. Das ist aber keine Frage von Obrigkeitshörigkeit. Die Maßnahmen werden von einem breiten Teil der Gesellschaft getragen, weil diese Menschen sich die Argumente dafür anhören (d.h. Zahlen und Fakten zur aktuellen Virusverbreitung, Auswirkungen des Virus, aktuelle Forschung, Wirksamkeitsbewertungen zu hygienischen Maßnahmen) und daraus offensichtlich ableiten, dass es weiterhin nachvollziehbar und vertretbar ist, die eigenen Freiheiten temporär zugunsten der Gesamtgesundheit (die die eigene mit einschließt) einzuschränken.

Man darf wohl mit Sicherheit davon ausgehen, dass all diese Maßnahmen – Verordnung von Homeoffice, Kontaktsperren, Grenzsperrungen, Maskenpflicht, Abstandsregelungen, Verbote von Veranstaltungen, Schließungen von Betrieben etc. – keine Aussicht auf Erfolg mehr hätten, wenn die Bevölkerung in der Mehrheit sie nicht mehr ebenfalls für sinnvoll erachtete.

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Brettspiel Deutsch Philosophisches Politik & Zeitgeschichte

Das Trolley-Problem – der Kobayashimaru unserer Zeit

Ich bin sicher, ihr kennt alle das berühmte Trolley-Problem. Protagonist dieser Problemstellung ist ein Trolley, also eine Art elektrisch betriebener Bus, der an eine externe Stromleitung gebunden ist und sich demzufolge nicht frei bewegen kann. Besagter Trolley fährt nun auf eine Weiche zu, es gibt zwei mögliche Wege. Der Fahrer muss entscheiden, wo er lang fahren möchte. Doch oh weh! Schon aus der Ferne sieht er, dass auf beiden Gleisen Menschen unterwegs sind! Auf dem rechten Gleis spielt eine Gruppe kleiner Kinder und tanzt fröhlich singend herum. Auf dem linken hingegen haben sich einige berühmte Wissenschaftler versammelt, die – völlig in eines der größten Probleme unserer Zeit vertieft – ganz vergessen haben, wie gefährlich ihre Lage ist, denn sie stehen kurz vor einem wichtigen Durchbruch. Zu allem Überfluss sind die Bremse und die Hupe des Trolleys ausgefallen! Der Fahrer hat nur eine Wahl: Welche der beiden Gruppen muss er notgedrungen überfahren, um die andere zu retten?

Das Trolley-Problem ist äußerst vielschichtig und flexibel. Die Komplexität oder vielleicht gar Aussichtslosigkeit dieser Entscheidung lässt sich gut erkennen, wenn man die Teilnehmer des (gedanklichen) Experiments austauscht. Wie fällt meine Entscheidung aus, wenn auf dem einen Gleis eine Frau steht und auf dem anderen Gleis 10 Frauen? Ändert sich meine Entscheidung, wenn die eine Frau gleichzeitig noch meine Partnerin oder meine Mutter ist? Was, wenn ich weiß, dass unter den 10 Frauen eine gesuchte Massenmörderin ist? Wie lenke ich den Trolley, wenn auf der einen Seite der Strecke das süßeste Hundebaby der Welt niedlich vor sich hin schläft, ausgesetzt in einem Körbchen, und auf der anderen Seite irgendetwas Menschliches?

Das sind Fragen, die mich doch stark an den Kobayashimaru aus Star Trek erinnern. Wer nichts mit diesem Begriff anfangen kann: Der Kobayashimaru war ein Test ersonnen vom Vulkanier Spock, um angehende Offiziere auf die Aussichtslosigkeit mancher Situationen vorzubereiten. Die Prüflinge wurden auf einem Holodeck mit einer Situation konfrontiert, die nicht lösbar war. Die Simulation endete entweder mit der Zerstörung des Schiffs oder dem Scheitern der Mission. Einzig James T. Kirk, dem berühmten späteren Captain der USS Enterprise NCC-1701-A, gelang es, diesen Test erfolgreich zu absolvieren – indem er den Test manipulierte. Er schummelte.

In beiden Simulationen, also im Kobayashimaru wie im Trolley-Problem, kann man, neben der jeweiligen Situation selbst, auch einen Charaktertest sehen. Geht es doch in beiden Fällen schlussendlich darum, dass man sich einer unausweichlichen Situation gegenüber sieht, der man nicht einfach ausweichen kann, vor der man nicht einfach stehen bleiben kann. Wer ist jetzt noch in der Lage, eine Entscheidung zu treffen? Die Entscheidung wird, das ist in beiden Fällen klar, negativ und wird Konsequenzen nach sich ziehen. Im futuristischen Beispiel sind es entweder der eigene Tod oder disziplinarische Maßnahmen seitens der Sternenflotte, ganz ungeachtet der Folgen der Situation selbst, etwa einem Krieg, diplomatischen Verwerfungen oder gar dem Verlust ganzer Sternensysteme. Beim Trolley-Problem ist es mindestens das Schuldgefühl nach dem herbeigeführten Tod bestimmter Individuen, ganz zu schweigen von den juristischen Folgen.

Persönlich wüsste ich wirklich nicht, wie ich im Trolley-Fall entscheiden würde. Das hat für mich auch etwas mit einer ganz grundlegenden Überzeugung oder Frage zu tun: Sind Leben bewertbar? Kann ich sagen, dass zwei Leben mehr wert sind als eines? Oder dass das Leben eines Kindes mehr wert ist als das eines Rentners? Dass ein Hundeleben weniger wert ist als das eines Menschen? Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass einige Menschen hier sehr schnell Antworten parat haben. Weniger Leben töten um mehr Leben zu retten – klare Sache! Kinder sind unschuldig und müssen gerettet werden, klare Sache! Hunde sind süß, aber eben keine Menschen – klare Sache!

Für mich persönlich ist die Sache nicht ganz so klar, weil ich mich nicht dazu befähigt fühle, eine solche Entscheidung zu treffen. Ich bin da vermutlich geprägt vom berühmten Flugzeugproblem. Was mache ich als Staatenlenker, wenn ein Flugzeug von Terroristen gekapert wird und droht, irgendwo reinzufliegen? Schieße ich es inklusive all der unschuldigen Fluggäste ab? Das ist ein maximales moralisches Dilemma und ich glaube nicht, dass ich einen entsprechenden Befehl geben könnte. Wobei ich glücklicherweise nie in einer solchen Situation war und hoffentlich auch nie in eine solche Situation kommen werde.

Andere Menschen hingegen haben weniger Probleme damit, solche harten Entscheidungen zu treffen. Wer eine solche Entscheidung trifft, muss hinterher freilich auch mit den Konsequenzen leben, wie auch immer sie ausfallen mögen. Hier zeigt sich also durchaus, wer in Krisenzeiten in der Lage ist, unbequeme Wegstrecken zu gehen und hinterher das Geröll aufzuräumen, während andere – wie ich – wild debattierend endlos vor der verschütteten Brücke stehen bleiben. Manchmal scheint mir das gar wie eine charakterliche Entzweiung in Denker und Macher. Und beide haben ihre Vorzüge und ihre Nachteile, beide haben ihre großen Momente und ihre größten Schwächen.

Auch im Bereich der künstlichen Intelligenz spielt unser Problem eine Rolle – Stichwort „autonomes Fahren“. Wenn es für mich als Mensch schon schwer ist zu entscheiden, wen ich überfahren „möchte“, wie soll eine künstliche Intelligenz diese Entscheidung treffen? Da stellt sich überhaupt erst einmal die Frage: Kann diese Art moralischer Entscheidung, die keine klare Lösung kennt, Bestandteil eines solchen Systems, eines mathematischen Modells sein? Und selbst dann: Wie stark wären in diesem Fall die Programmierer selbigen Modells verantwortlich für die Entscheidungen, die daraus resultieren? Ich denke hier ganz bewusst etwa an face recognition Systeme, die vor einiger Zeit in den Medien waren, da sie oftmals zugunsten hellhäutiger Menschen entschieden hätten – aufgrund eines Bias schon in den Trainingsdaten. Doch für die Auswahl der Trainingsdaten und die Ausformulierung des Modells wiederum sind Menschen verantwortlich. Ist es dann nicht förmlich so, als ginge jeder Tote, den das selbstfahrende Auto verursacht, auf die Kappe der Programmierer?

Zuletzt sind mir die Trolleys übrigens beim Brettspielen über den Weg „gefahren“, nämlich im Spiel „Trail by Trolley“ (hier ein Probespiel auf Englisch auf Geek&Sundry mit der fantastischen Becca Scott als Host). In diesem Spiel stehen sich zwei Teams gegenüber (auch wenn die Zusammensetzung von Runde zu Runde variiert), die jeweils versuchen wollen, den Trolley über die Schiene des anderen Teams zu lenken. Die Entscheidung trifft der „Conductor“, also ein Spieler, der in dieser Runde der Fahrer ist. Abwechselnd legen die beiden Teams neue Karten an die Schienen: entweder Bösewichte an das gegnerische Gleis, die man doch bestimmt nur zu gerne überfahren würde (interessanterweise z.B. „Putin“). Oder „good guys“ an die eigene Schiene, die man garantiert bewahren möchte (z.B. die eigene Mutter oder einen riesigen lila Drachen, der einen reiten lassen würde). Final werden einige der Charaktere noch durch zusätzliche Beschreibungen verändert. Und plötzlich wird aus der eigenen Mutter eine zukünftige Massenmörderin – will man das wirklich zulassen? Am Ende trifft der Fahrer eine Entscheidung: Auf welches Gleis lenkt er seinen Trolley? Das Team, dem diese Schiene gehört, „gewinnt“ Totenköpfe, wer am Ende die wenigsten hat, gewinnt. Es geht also nicht nur darum, moralische Entscheidungen zu treffen. Sondern ganz gewiss auch darum, den jeweiligen Fahrer zu kennen. Eine wichtige Erkenntnis daraus: Bei aller Logik oder moralischen Integrität spielt auch das Individuum eine nicht zu vernachlässigende Rolle in derlei Fragen.

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Politik & Zeitgeschichte

Politik in Zeiten der Krise

Es ist ja gemeinhin wohlfeil, über PolitikerInnen zu schimpfen und sich darüber aufzuregen, was sie immer alles Sinnloses und Absurdes diskutieren oder entscheiden. In Zeiten der Krise allerdings – beispielsweise während einer Pandemie – macht sich die Qualität bestimmter Regierungsformen oder ideologischer Haltungen für das Gemeinwohl am deutlichsten bemerkbar. Leider auch das fehlen solcher Qualitäten. Ein paar Gedanken dazu.

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Politik & Zeitgeschichte Wissenschaft

Covid-19 – zwischen digitaler Revolution und Polizeistaat?

Ich schicke es gleich einmal voraus: Nein, ich befürchte in der aktuellen Lage nicht, dass sich Länder wie Deutschland oder die Schweiz (jene Länder also, die mein Lebensmittelpunkt sind) im Zuge der Pandemie in Unrechts- oder Polizeistaaten verwandeln. Doch manchmal gibt es in Notzeiten Ideen, die zwar gut gedacht sind, aber gleichermaßen Verheerendes mit unserer Gesellschaft anrichten könnten.

Im Rahmen der Lesegruppe unseres Doktoratsprogramms haben wir uns heute mit einem kurzen Artikel aus der New York Times („European Experts Ready Smartphone Technology to Help Stop Coronavirus“) befasst, der nur beispielhaft für eine Idee steht, die derzeit in Europa groß diskutiert wird. Denn die Politik steht vor einem schwierigen Dilemma: Wie kann man einerseits das Virus so gut wie möglich eindämmen, gleichzeitig aber die Ausgangssperren aufheben und somit die Wirtschaft wieder in Gang bekommen?

„Tracking Systems“ scheinen die Antwort der digitalen Bohème. Das Szenario: Viele Personen laden (freiwillig) eine App auf das eigene Smartphone, die fortlaufend die Position mitverfolgt. Wird eine Person einige Tage später positiv auf Covid-19 getestet, so kann über die Bewegungsprofile aller Nutzer schnell in Erfahrung gebracht werden, mit wem der Kranke in räumlicher Nähe war, wer sich also auch infiziert haben hätte können. Der Nachvollzug einzelner Ansteckungsketten und die individuelle Quarantäne würden so schneller, leichter und effizienter möglich, was wiederum größeren Schutz für die restliche Bevölkerung bedeuten würde.

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Deutsch Politik & Zeitgeschichte

Die Leiden der Union

Über die letzten Jahre hinweg ist in Deutschland ein bisschen der Eindruck entstanden, ein Kanzler oder eine Kanzlerin müsse fast zwangsläufig den Reihen der Unionsparteien entspringen. Daran hat nicht nur die politische Opposition mit ihren teils selbstzerstörerischen Tendenzen Anteil – man denke nur an die SPD, die sich in immer kürzer werdenden Abständen „selbst erneuert“, nur um anschließend mit Personalien und Ideen aufzuwarten, die man aus den letzten Dekaden bestens kennt. Die Union pflegt – selbstverständlich – auch selbst den Gedanken, einziger Stabilitätsanker und letzte „Gesamtvolksvertretung“ zu sein. Eine Selbstbetrachtung, die in den letzten Wochen und Monaten zunehmend an Festigkeit und Standhaftigkeit verliert. Grund genug für mich, ein paar unsortierte Gedanken zur Haltung und Lage der Union zu formulieren.

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Deutsch Wissenschaft

Zum Super-Supervisor

Vielen Doktoranden und PostDocs ist gemein, dass sie im Laufe ihrer Arbeit die Betreuung und Bewertung von Studierenden (Bachelor, Master) übernehmen müssen. Während die erbrachte Leistung während der Erarbeitung einer Qualifikationsarbeit natürlich im Verantwortungsbereich der jeweiligen Studierenden liegt, haben auch die Betreuenden guten Grund, am erfolgreichen Abschluss dieser gemeinschaftlichen Arbeitszeit teilzuhaben. Allerdings ist das nicht immer ein einfaches Unterfangen – der richtige Umgang mit den Studierenden, die passende Wahl an Kommunikationsmitteln und -strategien, die richtigen Fragen zur richtigen Zeit: das sind Werkzeuge und Wege, die nicht jeder automatisch mitbringt, nur weil er oder sie schon länger im Universitätsbetrieb unterwegs ist.

Um diese Fertigkeiten zu trainieren hatten wir vom Doktoratsprogramm „Data Analytics“ (Mathematik und Informatik der Universität Basel) heute einen vierstündigen Schnellkurs in Sachen Supervision, Motivation, Feedback, Kommunikation. Zwar bin ich persönlich in einer etwas anderen Anstellungslage und habe daher selbst keine Qualifikationsarbeiten zu betreuen. Trotzdem habe ich gerne an dem Kurs teilgenommen, denn wer weiß, was man dabei auch für die eigene Arbeit (oder Person) mitnehmen kann. Kleiner Spoiler vorneweg – ich habe es nicht bereut!

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Wissenschaft

Die Wahrheit verteidigen

An der Universität Basel fand heute eine interessante Konferenz statt: F3 – Fighting Fake Facts. Der Name war Programm, es ging vornehmlich um die Problematik falscher Informationen, die bewusst oder unbewusst verbreitet werden, und wie man damit umgehen solle. Wie man dagegen vorgehen könne.

Für WissenschaftlerInnen sind Fakten und korrekte Darstellungen von besonderer Bedeutung. Wer Forschung betreibt, der begibt sich üblicherweise in unbekanntes Terrain, lernt neue Dinge kennen – und will diese Erkenntnisse zurück in die Heimat bringen, um anderen von den Begebenheiten der Welt zu berichten. Für andere, die dem Pfad später folgen wollen, können Falschinformationen tödlich enden. Die Brücke instabil, ein wildes Löwenrudel, ein Abgrund direkt hinter dem Dickicht – wer davon ausgeht, dass alles schon gut werden wird, weil jemand anders die Vorarbeit geleistet hat, kann schnell im Nichts landen.

Unser Vizerektor Forschung, seines Zeichens Bioinformatiker, berichtete beispielsweise von einem kuriosen Fall seines Fachbereichs. Dort hat jemand eine Proteinstruktur veröffentlicht, inklusive der zugehörigen Forschungsdaten (mehr dazu auch auf nature.com). Das Problem: Es gibt dieses Protein gar nicht. Stattdessen wurden Daten und Experimente gefälscht, um ein künstliches Protein zu propagieren. Als ihm Niederländer unter der Leitung von Dr. Piet Gros auf die Schliche kamen, war der Autor des Papers nicht in der Lage, seine eigenen Experimente nachzuvollziehen. Kein guter Eindruck. Das Paper ist im Laufe der Zeit hundertfach rezipiert, zitiert und somit als Grundlage für neue Arbeiten genutzt worden. Vermutlich nicht allzu erfolgreich. Der Schwindel ist erst deutlich später aufgeflogen.

Für die Wissenschaft sind solche Vorfälle natürlich tödliches Gift. In einer Branche, in der es vor allem auf spezialisiertes Wissen ankommt, deren Vorankommen durch die Abfolge von Veröffentlichung, Verifikation und Archivierung bestimmt wird, ist gezieltes Falschwissen ätzender Sand im Getriebe. Nicht nur, weil zukünftige ForscherInnen auf falschen Ergebnissen aufbauen und auf diese Weise viel Zeit und Geld verlieren, bis der Fehler offenbar wird. Nicht weniger schmerzhaft ist der Vertrauensverlust in der Bevölkerung, die viel Geld für den wissenschaftlichen Betrieb erübrigt. Es ist ein bisschen, als säge man am Ast, der einen trägt, nur um schneller auf der Karriereleiter empor zu steigen.

Eine andere interessante Frage wurde in diesem Zusammenhang aber auch gestellt: Ist es nicht nachgerade unsere Pflicht, als BürgerInnen, aber insbesondere als WissenschaftlerInnen, die Wahrheit, die Fakten zu verteidigen und für sie einzustehen? Ist es nicht unsere gesellschaftliche Verantwortung, dieses Fundament des menschlichen Zusammenlebens aufrecht zu erhalten?

Und umgekehrt die Frage: Will man sich wirklich mit einer Horde von Internettrollen befassen, die im Netz falsches Wissen verbreiten? Kann man das überhaupt? Welche Macht hat der Einzelne gegenüber einem organisierten Mob? Schlimmer noch: Lässt einem die menschliche Psyche überhaupt eine Chance? Es gibt Studien, die zeigen, dass die persistente Wiederholung korrekter Fakten keineswegs zu einem langsamen Verständnis einsetzt. Im Gegenteil – stattdessen wird die korrekte Wahrheit noch stärker abgelehnt! (Anmerkung: Ich hoffe, dass ich die Theorie richtig verstanden habe – noch bin ich auf der Suche nach einem passenden Paper, bin bislang aber nur auf den Illusory Truth Effect gestoßen, der nicht ganz das Gleiche zu meinen scheint; wenn jemand einen Hinweis für mich hat, bitte in die Kommentare!)

Es scheint eine ungelöste Frage. Keine neue Frage, doch eine, die mit der Digitalisierung und der damit einhergehenden Änderung im Kommunikationsverhalten an Brisanz gewonnen hat. Zur Demokratisierung von Meinungen gehört eben auch, dass es bisweilen schwieriger wird, die faktische Autorität zu bewahren.

Zum Abschluss noch eine kleine Randbemerkung, die ich in einem der heutigen Vorträge ebenfalls sehr spannend fand: Wir neigen offenbar dazu, hübschen Menschen per se größere Fertigkeiten einzuräumen (eine Beispielstudie: Talamas/Mavor/Perrett 2016, Blinded by Beauty: Attractiveness Bias and Accurate Perceptions of Academic Performance). Der Typ ist attraktiv, also muss er schlau und smart sein, der hat also ganz bestimmt Recht! Und demzufolge natürlich auch deutlich bessere Berufschancen. Der schicke Anzug und die Krawatte verleihen am Ende eben doch mehr Kompetenz und Überzeugungsvermögen als die langjährige Forschungstätigkeit? Es mag nun jede LeserIn für sich selbst reflektieren, ob das auch für sie oder ihn je gegolten haben mag. Was vielleicht die beste aller Reaktionen sein mag. Denn die Reflexion des eigenen Verhaltens und die Erkenntnis der eigenen Fehlbarkeit ist der erste mögliche Schritt, um einem irrational menschlichen Verhalten entgegen zu steuern.