Herzblut

Ein plötzlicher Windstoß drückt die Holztür auf und schmettert sie krachend gegen die steinerne Wand. Der Lufthauch wirbelt durch das Gemäuer und die Flammen der Kerzenhalter an den Wänden biegen sich unter dem Eindruck der unsichtbaren Kraft von außen. Das flackernde Licht verleiht dem ansonsten fast stockdunklen Raum eine noch gespenstischere Atmosphäre. Fast schreckhaft gleitet es über die Wände hinweg, berührt güldene Rahmen und matte, in dunkle Farben gegossene Leinwände.

In der Mitte des Raumes steht die Staffelei. Ein großer, ambitionierter Holzrahmen ist darauf montiert, frisch bespannt mit einem nahezu weißen, groben Stoff. Kritisch blickt ein junger Mann auf sein Machwerk. Die einstmals freie Fläche ist nun getränkt in die Farben und Formen seiner Gedankenwelt. Ein wildes, obskures Spiel aus Landschaft und Abstraktion. Ist es eine blühende Landschaft in einer stürmischen Herbstnacht? Oder das Ende der Welt? Sind es die Wellen einer ozeanischen Reise, die das Schiff zum Kentern bringen? Künden dort die Sterne von einem Pfad zurück in die Heimat, oder sind es die Seelen derer, die keinen Weg zu finden mehr vermochten?

Mit Nachdruck presst der Künstler seinen Pinsel in die Farbe. Nein, noch entspricht das Bild nicht dem, was ihm versprochen wurde. Er fühlt nicht, was er dort auf dem Rahmen sieht, nicht in der Weise, wie er es in sich trägt. Nein, es muss anders werden. Beiläufig richtet er die Kappe, die bislang schief auf seinen Haaren hing und ihm zu Boden zu gleiten drohte, wieder zurecht. Sein lockeres, weißes Gewand trieft vor bunten Klecksen und Farben, alle wild durcheinander, die ihn selbst zu einem Kunstwerk werden lassen. Allein, ihn stört all dies nicht.

Kaum, dass der Wind nachgelassen hat, fällt die hölzerne Tür wieder ins Schloss und das Lichtermeer beruhigt sich. Die Porträts an den Wänden beobachten das künstlerische Schaffen nun wieder so, wie er es gewohnt ist. Aus dem Dunklen. Sie sehen ihn, doch er sieht sie nicht. Er sieht sie anders. Er sieht sie, wie sie wirklich sind, er braucht sie nicht mit seinen Augen zu sehen. Sie lenken ihn nur ab. Energisch schüttelt er den Kopf. „Genug!“, ruft er, zu sich selbst? Zu seinen stillen, stummen und doch so präsenten Gästen? Der Pinsel berührt mit einem sanften Schmatzen die Leinwand. Ein kräftiger Strich, eine Rundung, eine abrupte Drehung. Ja. Das fehlt dem Bild, wie hat er das bisher nicht sehen können?

Erfüllt von ekstatischer Freude über seinen Fund legt er die Farbpalette ab, den Pinsel daneben, greift nach den Farben. Dies würde sein Meisterwerk werden, daran bestand kein Zweifel. Dies würde das Werk werden, mit dem er endgültig nicht nur die Gunst seines Meisters, sondern die der ganzen Kunstwelt, der Höfe, der Könige und Reichen erlangen würde. Dies würde die Offenbarung seiner Seele werden. Ein erratisches Glucksen entringt seiner Kehle, während er einen Farbeimer nach dem anderen öffnet und Farbe auf der Palette verteilt. All die Jahre des mühvollen Schuftens, in denen er nichts anderes tat, als mit seinem Können, seinem Talent einem anderen zuzuarbeiten! Welch Schmach, welch schändliche Vergeudung seiner von Gott gegebenen Fertigkeit! Es schmatzt laut, als der Pinsel erneut in die Farbe eintaucht. Mit wilden Bewegungen vermengt er die Rohtöne miteinander, um daraus sein finales Werk zu schaffen. Sein Blick ruht starr auf der Leinwand. Auf seiner Zukunft. Seiner Legende. Seinem Nachlass.

Er blickt nicht einmal auf die Palette, als er die fertige Farbe aufnimmt, den Pinsel, einst unschuldig und leer, frei all das Material zu tragen, was Kunst zu schaffen vermag, in eine viskose, dicke Masse tränkt. Ja, er sieht es direkt vor sich. Es ist ganz klar, wie er sein Werk zu vollenden hat. Ein wilder, ungezwungener, kraftvoller Strich über die Leinwand. Ein zweiter. Mehr Farbe. Es braucht mehr Substanz. Wieder und wieder benetzt er das grobe Leinengewebe mit einer dicken Farbschicht. Er lacht. Nicht wirr, nicht klar. Befreit. Er fühlt, was er sieht, und er sieht, was er fühlt. Im Halbdunkel der wenigen Kerzen, die das Atelier erleuchten, taucht er das Kunstwerk in einen breiten, rostigen Glanz aus Braun, gleich dem Ton getrockneten Blutes.

Als sich die Tür in das Atelier das nächste Mal öffnet, ist es still. Das warme, freudenspendende Sonnenlicht eines güldenen Morgens dringt durch den Torbogen in den Raum. Kein Wind, kein Sturm geht mehr, nur das leise Geräusch einer geschäftigen, lebendigen Stadt dringt aus der Ferne bis in den Raum. Mit einem wohligen Seufzer eines Mannes, der nach einer viel zu langen und unruhigen Nacht wieder zurück nach Hause kommt, betritt der Meister seine Werkstatt. „Julio?“, ruft er, während er seinen Mantel aufhängt. „Carlos?“ Schweigen. „Anita? Lesbos? Crania?“ Wo steckten sie nur. Seine Lehrlinge hätten längst hier sein sollen, doch weder geschäftige Triebsamkeit noch das übliche lästerliche Geschnatter der jungen Auszubildenden war in dem immer noch reichlich dunklen Gemäuer zu vernehmen.

Als sich der Künstler endlich dem Raum zuwendet, schweift sein Blick über die Gemälde an der Wand. Schwach nur werden sie von den immer noch brennenden Kerzen erhellt, und lediglich der schwache Widerschein des Sonnenlichts von draußen erlaubt ihm, sie beinahe zu erkennen. Sie sind nicht, wie er sie in Erinnerung hatte. Mit gerunzelter Stirn tritt er näher. Der Morgenschein. Das Abendrot. Die Kreuzkapelle. Das Winterbad. All die Bilder, sie sehen… anders aus. Als er nah genug ist, die Bilder auch im Dunkel zu erkennen, schlägt er voller Entsetzen die Hände vor den Mund.

Keines der Bilder ist, wie er es in Erinnerung hat. Nicht der güldene Morgenschein auf einem Weizenfeld lacht ihm entgegen. Nicht das glänzende Abendrot auf dem Wasser spiegelt ihn an. Sie sind verdeckt, begraben unter einer dichten Schicht aus rostig brauner Farbe. Und darauf – schmerzverzerrte Gesichter. Gesichter, so fein, so ziseliert gemalt, mit unfassbarer Präzision und dem Blick für selbst das kleinste Detail. Es sind die Gesichter seiner Lehrlinge. Sie flehen, sie betteln, sie rufen, sie schreien, und der Schmerz, die Pein, die Verzweiflung steht in ihre nackten Augen geschrieben. Dem, was davon noch übrig ist. Jedes einzelne der Bilder ist zerfetzt, zerschnitten, als hätte jemand mit einem Messer darauf eingehackt.

Der Meister atmet schwer. Ein Muskel zieht an seiner linken Seite, die Gedanken rasen ihm. Er dreht sich um. Eine dunkle Vorahnung ereilt ihn noch in der Bewegung, der er sich nicht erwehren kann. „Julio… was hast du getan?“, murmelt er. Dann fällt sein Blick in die Mitte des Raums. Dort steht die Staffelei. Ein großer, ambitionierter Holzrahmen ist darauf montiert, überzogen mit einer frischen Leinwand. Dunkle Farben lassen ein wildes, emotionsvolles Bild darauf erkennen, ertränkt durch den matten Glanz rostroten Blutes. Darauf ein Gesicht. Julio. Er lacht und schreit, gefangen in einer ekstatischen Mischung aus Begeisterung und ewigem Schmerz. Gefangen für die Ewigkeit.

Mit einem leisen Knall fällt die Holztür wieder ins Schloss.

Anmerkung

Vor mehr als 10 Jahren habe ich diese Geschichte in ähnlicher Form schon einmal auf meinem Blog verfasst und veröffentlicht. Damals gefielen mir das Setting und die Idee wahnsinnig gut. Leider ist der Text im Zuge eines Webseiten-Relaunch abhanden gekommen, doch die Idee dahinter habe ich bis heute nicht vergessen – und jetzt beschlossen, sie in neuen Worten, mit mehr als zehn Jahren Lebenserfahrung mehr, erneut auf digitales Papier zu bringen. Ganz gleich, was man also in die Geschichte interpretieren mag: Vor allem ist sie für mich die Umsetzung eines Vorhabens, das ich seit mehr als zehn Jahren aufgeschoben habe.

Leseprobe – „Bock auf Sushi“

Vor einigen Jahren war ich Teil einer Pen&Paper-Rollenspielgruppe aus München und Umgebung (an dieser Stelle HI, falls jemand aus der Gruppe das liest!). Wahnsinnig, wie wir waren, haben wir uns damals nach einigen Runden DSA (Das Schwarze Auge) dazu entschlossen, der dystopischen Cyberpunk-Welt von Shadowrun eine Chance zu geben. Eine Welt in der Zukunft, die vor allem von gierigen Megakorps beherrscht wird, in der Technik und Magie eine Rolle spielen und neben Menschen auch Zwerge, Elfen, Orks und Trolle die Welt beheimaten. Shadowrun ist ein sehr populäres Universum, vor allem in den USA (und in Seattle), und zuvorderst auch eines der komplexesten Rollenspielsysteme, die ich bislang je antesten durfte.

Warum erzähle ich das alles? Inspiriert von dieser Welt habe ich damals begonnen, ein eigenes kleines Buch zu schreiben. „Schatten der Vergangenheit“, so heißt der Arbeitstitel offiziell. Es ist die Geschichte eines jungen asiatischen Deckers (ein Hacker in der Welt von Shadowrun), der gemeinsam mit einigen Kollegen versucht, einen Job zu erledigen: einen Einbruch in den digitalen Server des Hong Kong Police Departments. Natürlich läuft das nicht ganz wie geplant, natürlich müssen sie fliehen, und Andrew „B1NARY“ Shen, wie unser Protagonist heißt, flüchtet zuerst einmal zu seinem Ex-Freund Wei.

Ihr seht, ein bisschen Inhalt gibt es schon, tatsächlich bin ich mit dem Prolog und dem ersten Kapitel bereits sehr zufrieden. Leider hat sich über die Jahre das Projekt immer tiefer in meiner Schublade vergraben.

Als ich neuerdings aber auf der Suche nach einem Text war, um eine Leseprobe meiner Stimme aufzunehmen, bin ich wieder über diesen Ordner gestolpert. „Warum nicht?“, dachte ich mir. Warum nicht einen kleinen Ausschnitt aus dem Prolog aufnehmen? Schauen, wie sowohl meine Stimme als auch meine Geschichte ankommt?

Deswegen findet ihr auf Youtube jetzt einen Audiobeitrag (3:17 Minuten Länge), in dem ich euch die erste Seite meines „Buches“ präsentiere. Warum er „Bock auf Sushi“ heißt, das erkläre ich euch in diesen Zeilen am besten einfach selbst. Viel Spaß beim Anhören!

Stephan M. Unter – „Bock auf Sushi“ – eine Leseprobe