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Durchgebinget – „Das letzte Wort“ (Netflix)

In aller Kürze. „Das letzte Wort“ ist eine neue Kurzserie mit der deutschen Schauspielerin und Komikerin Anke Engelke. Kernthema der Serie sind der Tod von nahestehenden Personen und der Umgang der Hinterbliebenen mit diesen Schicksalsschlägen. Der nachfolgende Beitrag wird Spoiler enthalten, auch wenn diese dem Sehgenuss kaum abträglich sein dürften: viel mehr geht es bei dieser Serie um die Emotionalität, die über die Bilder transportiert wird.

Steckbrief

  • Erscheinungsdatum: 17. September 2020
  • Genre: Dramedy
  • Episoden: 6 (1 Staffel)

SchauspielerInnen:

  • Anke Engelke (Karla Fazius)
  • Thorsten Merten (Andreas Borowski)
  • Nina Gummich (Judith Fazius)
  • Aaron Hilmer (Ronnie Borowski)
  • Johannes Zeiler (Stephan Fazius)
  • Claudia Geisler-Bading (Frauke Borowski)
  • Gudrun Ritter (Mina Dahlbeck)
  • Juri Winkler (Tonio Fazius)
  • Dela Dabulamanzi (Dr. Zina Owusu)

Wovon handelt die Serie?

Die Serie beginnt mit einer Feierlichkeit zum 25. Hochzeitstag zwischen Karla und Stephan Fazius. Als die beiden Ehepartner sich nach der Feier noch einen gemütlichen Abend machen wollen, klappt Stephan Fazius am Esstisch tot zusammen.

Von Beerdigungen und Trauerreden

Zusammen mit dem Bestattungsunternehmen Borowski, bestehend aus Andreas und Frauke Borowski sowie Fraukes Sohn Ronnie, bemüht sich Familie Fazius um eine würdige Beerdigung für den verstorbenen Stephan. Erschwert wird das durch einen finanziellen Engpass. Nicht nur verliert die Familie mit Stephan den einzigen Verdiener des Haushalts. Dieser verdient auch schon seit zwei Jahren kein großes Geld mehr. An der Trauerfeier muss Andreas Borowski selbst als Trauerredner auftreten, da er niemanden mehr dafür auftreiben konnte. Weil das nicht gut klappt, übernimmt übernimmt Klara kurzerhand selbst die Abschiedsrede für ihren Mann, die demzufolge sehr persönlich, aber auch sehr außergewöhnlich wird. Für Klara ist aufgrund der positiven Resonanz klar: Trauerrednerin wäre ein Job, der für sie in Frage käme.

Für den Rest der Serie arbeitet Klara Fazius mit Andreas Borowski zusammen, bietet sich Hinterbliebenen als Trauerrednerin an und versucht, so stimmige Begräbnisse wie möglich zu organisieren. Ihr geht es dabei nie darum, dass die Beerdigung so würdevoll wie möglich für den Toten sein soll. Stattdessen sieht sie die Zusammenkunft als Event für die Verbliebenen, die auf ihre Weise Abschied nehmen sollen. Und die dort nötigenfalls dem Verstorbenen all das mit auf den Weg geben können, was sie sich zu Lebzeiten nicht von der Seele sprechen konnten. Es versteht sich von selbst, dass daraus einige obskure, bisweilen verstörende Momente entstehen.

Eine Frau, die Tochter der verstorbenen Mutter, steht am Sarg, schreit und zertrümmert einen weißen Stuhl am Holz des Sarges.
Eine Tochter nimmt auf ihre ganz eigene Art und Weise Abschied von ihrer Mutter. (Quelle: „Das letzte Wort“ / Netflix)

Vom Verlust

Ein weiterer großer Teil der Serie behandelt zugleich den Verlust der Familie Fazius selbst, mit dem die Familienmitglieder höchst unterschiedlich umgehen. Klara entdeckt auf Umwegen, dass ihr Mann schon seit geraumer Zeit nicht mehr hauptsächlich als Zahnarzt arbeitet. Stattdessen hat er sich ein geheimnes Atelier angemietet, in dem er sich der Kunst hingab. Sie versteht nicht, weshalb er ihr davon nie etwas erzählt hat. Doch gleichzeitig gibt auch sie ihr Wissen um diesen Rückzugsort ihres Mannes dem Rest der Familie nicht preis. Vielmehr hält sie dort regelmäßig Einkehr, um mit ihrem verstorbenen Mann Zwiesprache zu halten.

Judith, die Tochter, kehrt nach dem Tod ihres Vaters aus der Ferne einer anderen Stadt in die Heimat zurück. Sie bemüht sich um die Organisation der Familie, was bisweilen an den schwierigen Charakteren und Umständen scheitert. Zudem arbeitet sie an ihrem eigenen Privatleben, das gefangen ist zwischen einer verflossenen Liebe zu Clown Peer und der Faszination für den Sohn des Bestatters Ronnie. Der Sohn Tonio hingegen isoliert sich, lässt weder Freunde noch Familie an sich heran, bis er bei seiner Psychiaterin Dr. Owusu langsam aufblüht – vornehmlich, weil er glaubt, sich in sie verliebt zu haben.

Und dann ist da noch die Mutter von Karla, Mina, die aufgrund verschiedener Delikte, etwa Medikamentenhandels, bereits aus mehreren Heimen geflogen ist und nun bei den Fazius zuhause leben muss. Trotz Krebsdiagnose scheint sie noch einige Jahre vor sich zu haben und befasst sich nun zunehmend mit Wegen, ihrem Leben vorzeitig ein Ende zu bereiten. Aufgrund ihres schwierigen Charakters macht sie der Familie auch sonst das Leben nicht wesentlich leichter.

Funktioniert die Serie?

Anke Engelke als Trauernde?

Ich muss gestehen, dass ich anfangs skeptisch war: Anke Engelke ist mir vor allem als Komödiantin bekannt, beispielsweise aus „Ladykracher“. Kann sie eine trauernde, ernste Figur glaubhaft verkörpern? Die Antwort ist schlicht: Ja. Als Karla Fazius ist sie zweifelsohne die tragende Figur der gesamten Geschichte, die in ihrem Leid, ihrem Schmerz, aber auch in ihrem anschließenden Tatendrang die verschiedenen Stränge der Geschichte zusammenhält.

Im Gegenteil würde ich jetzt sogar behaupten wollen, die Wahl von Anke Engelke war nachgerade brillant. Das ganze Thema Trauer und Tod ist natürlich ein schwieriges. Doch die Serie schafft es an vielen Stellen, höchst emotional damit umzugehen. Da ist es nachgerade eine Erleichterung, dass Anke Engelke diese Emotionalität bisweilen durchbricht und die Stimmung so wieder auflockert. Selten habe ich eine Serie so als Achterbahn der Gefühle empfunden.

Ähnliches gilt für die Figur der Frauke Borowski: eigentlich ist sie von ihrem Mann und dessen Arbeit ermüdet und angewidert. Ganz offensichtlich will sie nichts mehr von ihm wissen. Trotzdem wird sie stark eifersüchtig, als Klara im Unternehmen zu arbeiten beginnt. Claudia Geisler-Bading verkörpert hier sehr schön eine Person, die man als ZuschauerIn einfach nur verabscheuen muss: Frauke läuft dem ganzen Handlungsaufbau zuwider und versucht, diesen zu zerstören. Das Auf und Ab an Trauer und Belustigung beim Zuschauer wird somit gelegentlich auch durch Momente des Unverständnisses oder des Zorns ergänzt, was das Zusehen sehr erleichtert.

Eine Serie des Obskuren

Ein gewisser Hang zum Obskuren ist den Autoren aber ohnehin nicht fremd. Was sind es nicht für merkwürdige Trauerfälle, die in den wenigen Episoden beim Unternehmen Borowski vorstellig werden? Eine Frau, die von ihrer Mutter drangsaliert und gepeinigt wurde. Eine Familie, deren Sohn Tiere quälte und als Vorstufe zum Serienmörder erachtet wurde. Ein Beziehungsgerüst aus künstlerischem Mann mit Exfrau und neuem Geliebten, die alle im gleichen Haus wohnen. Es braucht wohl solcher absurden Fälle, um die anschließenden Begräbnisse ähnlich obskur gestalten zu können.

Nicht weniger obskur ist auch eine Grundprämisse der Serie selbst: Was genau befleißigt Klara Fazius eigentlich, Trauerrednerin zu werden? Ich würde nicht behaupten, dass die Rede bei der Beerdigung ihres Mannes in irgendeiner Art und Weise besonders gewesen wäre. Dass diese Rede also so gut und positiv gewesen sein soll, das rührt nicht so sehr von mir selbst her. Vielmehr ist das das geskriptete Urteil der Begräbnisgäste. Auch im weiteren Verlauf der Serie sind es nicht so sehr die Reden, mit denen Klara glänzt. Es ist ihre Bereitschaft, auf die Hinterbliebenen zuzugehen und den echten Charakter des Verstorbenen zu erfahren. Woraus leitet Klara nun ab, dass sie für diesen Job besonders geeignet wäre? Ich weiß es nicht.

Schlussgedanken

Dennoch legt die Serie eine spannende Frage auf den Tisch: Für wen sind Beerdigungen eigentlich gedacht? Geht es darum, den Wunsch des verstorbenen Menschen zu erfüllen? Oder handelt es sich nicht viel eher um eine Begegnung der Hinterbliebenen, um einen gemeinsamen Abschied, um nach dem Verlust einen neuen Lebensabschnitt beginnen zu können? Ist es daher verwerflich, eine Beerdigung fröhlich und laut zu begehen, um der Trauer ein positives Momentum entgegen zu setzen? Oder geht es doch auch darum, die Verstorbene zu würdigen, zu respektieren und ihren Wünschen Folge zu leisten?

Mein Fazit: „Das letzte Wort“ überzeichnet viel und stark, spielt einerseits mit dem Unerwartbaren und andererseits mit klassisch traditionellen Serienelementen – man möchte fast sagen: „deutschen Serienelementen“. Die Produktion ist erkennbar und spürbar deutsch, und doch auf eine sehr interessante Art und Weise nicht beliebig. Geht die Serie angemessen mit dem Thema „Tod und Verlust“ um? Aus meiner Sicht ja, doch hängt diese Beurteilung äußerst maßgeblich von den Einstellungen und erlebten Verlusten des Einzelnen ab. Anke Engelke hat in einem Podcast („Das kleine Fernsehballett“) selbst preisgegeben, dass sie sowohl äußerst positives als auch äußerst negatives Feedback zu der Serie erhalten hat – und angesichts des Themas verwundert mich das gar nicht. Mir persönlich hat die Serie äußerst gut gefallen, ich habe sie in einem Rutsch durchgeschaut. Ich würde mich sehr freuen, gäbe es anschließend noch eine zweite Staffel.

Der 22jährige Ronnie Borowski in Arbeitskleidung und mit Kittel beugt sich über eine Leiche, um sie zu präparieren.
Ronnie Borowski präpariert einen Verstorbenen. (Quelle: „Das letzte Wort“ / Netflix)

PS: Besonders fasziniert hat mich die Rolle des Ronnie Borowski. Nicht nur, dass ich finde, dass Aaron Hilmer ein wirklich hübsches Kerlchen ist. 😉 Ich mag die Emotionslosigkeit, mit der er den auszubildenden Bestatter mimt, der sich seiner Arbeit schon fast in künstlerischer Manier hingibt und sich gleichzeitig weigert, Teil des Ehekriegs seiner beiden Eltern zu werden.