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Zum Super-Supervisor

Vielen Doktoranden und PostDocs ist gemein, dass sie im Laufe ihrer Arbeit die Betreuung und Bewertung von Studierenden (Bachelor, Master) übernehmen müssen. Während die erbrachte Leistung während der Erarbeitung einer Qualifikationsarbeit natürlich im Verantwortungsbereich der jeweiligen Studierenden liegt, haben auch die Betreuenden guten Grund, am erfolgreichen Abschluss dieser gemeinschaftlichen Arbeitszeit teilzuhaben. Allerdings ist das nicht immer ein einfaches Unterfangen – der richtige Umgang mit den Studierenden, die passende Wahl an Kommunikationsmitteln und -strategien, die richtigen Fragen zur richtigen Zeit: das sind Werkzeuge und Wege, die nicht jeder automatisch mitbringt, nur weil er oder sie schon länger im Universitätsbetrieb unterwegs ist.

Um diese Fertigkeiten zu trainieren hatten wir vom Doktoratsprogramm „Data Analytics“ (Mathematik und Informatik der Universität Basel) heute einen vierstündigen Schnellkurs in Sachen Supervision, Motivation, Feedback, Kommunikation. Zwar bin ich persönlich in einer etwas anderen Anstellungslage und habe daher selbst keine Qualifikationsarbeiten zu betreuen. Trotzdem habe ich gerne an dem Kurs teilgenommen, denn wer weiß, was man dabei auch für die eigene Arbeit (oder Person) mitnehmen kann. Kleiner Spoiler vorneweg – ich habe es nicht bereut!

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Die Wahrheit verteidigen

An der Universität Basel fand heute eine interessante Konferenz statt: F3 – Fighting Fake Facts. Der Name war Programm, es ging vornehmlich um die Problematik falscher Informationen, die bewusst oder unbewusst verbreitet werden, und wie man damit umgehen solle. Wie man dagegen vorgehen könne.

Für WissenschaftlerInnen sind Fakten und korrekte Darstellungen von besonderer Bedeutung. Wer Forschung betreibt, der begibt sich üblicherweise in unbekanntes Terrain, lernt neue Dinge kennen – und will diese Erkenntnisse zurück in die Heimat bringen, um anderen von den Begebenheiten der Welt zu berichten. Für andere, die dem Pfad später folgen wollen, können Falschinformationen tödlich enden. Die Brücke instabil, ein wildes Löwenrudel, ein Abgrund direkt hinter dem Dickicht – wer davon ausgeht, dass alles schon gut werden wird, weil jemand anders die Vorarbeit geleistet hat, kann schnell im Nichts landen.

Unser Vizerektor Forschung, seines Zeichens Bioinformatiker, berichtete beispielsweise von einem kuriosen Fall seines Fachbereichs. Dort hat jemand eine Proteinstruktur veröffentlicht, inklusive der zugehörigen Forschungsdaten (mehr dazu auch auf nature.com). Das Problem: Es gibt dieses Protein gar nicht. Stattdessen wurden Daten und Experimente gefälscht, um ein künstliches Protein zu propagieren. Als ihm Niederländer unter der Leitung von Dr. Piet Gros auf die Schliche kamen, war der Autor des Papers nicht in der Lage, seine eigenen Experimente nachzuvollziehen. Kein guter Eindruck. Das Paper ist im Laufe der Zeit hundertfach rezipiert, zitiert und somit als Grundlage für neue Arbeiten genutzt worden. Vermutlich nicht allzu erfolgreich. Der Schwindel ist erst deutlich später aufgeflogen.

Für die Wissenschaft sind solche Vorfälle natürlich tödliches Gift. In einer Branche, in der es vor allem auf spezialisiertes Wissen ankommt, deren Vorankommen durch die Abfolge von Veröffentlichung, Verifikation und Archivierung bestimmt wird, ist gezieltes Falschwissen ätzender Sand im Getriebe. Nicht nur, weil zukünftige ForscherInnen auf falschen Ergebnissen aufbauen und auf diese Weise viel Zeit und Geld verlieren, bis der Fehler offenbar wird. Nicht weniger schmerzhaft ist der Vertrauensverlust in der Bevölkerung, die viel Geld für den wissenschaftlichen Betrieb erübrigt. Es ist ein bisschen, als säge man am Ast, der einen trägt, nur um schneller auf der Karriereleiter empor zu steigen.

Eine andere interessante Frage wurde in diesem Zusammenhang aber auch gestellt: Ist es nicht nachgerade unsere Pflicht, als BürgerInnen, aber insbesondere als WissenschaftlerInnen, die Wahrheit, die Fakten zu verteidigen und für sie einzustehen? Ist es nicht unsere gesellschaftliche Verantwortung, dieses Fundament des menschlichen Zusammenlebens aufrecht zu erhalten?

Und umgekehrt die Frage: Will man sich wirklich mit einer Horde von Internettrollen befassen, die im Netz falsches Wissen verbreiten? Kann man das überhaupt? Welche Macht hat der Einzelne gegenüber einem organisierten Mob? Schlimmer noch: Lässt einem die menschliche Psyche überhaupt eine Chance? Es gibt Studien, die zeigen, dass die persistente Wiederholung korrekter Fakten keineswegs zu einem langsamen Verständnis einsetzt. Im Gegenteil – stattdessen wird die korrekte Wahrheit noch stärker abgelehnt! (Anmerkung: Ich hoffe, dass ich die Theorie richtig verstanden habe – noch bin ich auf der Suche nach einem passenden Paper, bin bislang aber nur auf den Illusory Truth Effect gestoßen, der nicht ganz das Gleiche zu meinen scheint; wenn jemand einen Hinweis für mich hat, bitte in die Kommentare!)

Es scheint eine ungelöste Frage. Keine neue Frage, doch eine, die mit der Digitalisierung und der damit einhergehenden Änderung im Kommunikationsverhalten an Brisanz gewonnen hat. Zur Demokratisierung von Meinungen gehört eben auch, dass es bisweilen schwieriger wird, die faktische Autorität zu bewahren.

Zum Abschluss noch eine kleine Randbemerkung, die ich in einem der heutigen Vorträge ebenfalls sehr spannend fand: Wir neigen offenbar dazu, hübschen Menschen per se größere Fertigkeiten einzuräumen (eine Beispielstudie: Talamas/Mavor/Perrett 2016, Blinded by Beauty: Attractiveness Bias and Accurate Perceptions of Academic Performance). Der Typ ist attraktiv, also muss er schlau und smart sein, der hat also ganz bestimmt Recht! Und demzufolge natürlich auch deutlich bessere Berufschancen. Der schicke Anzug und die Krawatte verleihen am Ende eben doch mehr Kompetenz und Überzeugungsvermögen als die langjährige Forschungstätigkeit? Es mag nun jede LeserIn für sich selbst reflektieren, ob das auch für sie oder ihn je gegolten haben mag. Was vielleicht die beste aller Reaktionen sein mag. Denn die Reflexion des eigenen Verhaltens und die Erkenntnis der eigenen Fehlbarkeit ist der erste mögliche Schritt, um einem irrational menschlichen Verhalten entgegen zu steuern.