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Warum TikTok mein neues Twitter ist

Eine der seltsamsten Entwicklungen des Jahres 2020 ist mein Nutzungsverhalten sozialer Medien. Angefangen hat alles mit einer recht hoffnungsvollen Begegnung im Februar des Jahres, der jedoch auch aufgrund einer gewissen weltweiten Pandemie kein Erfolg beschieden war. Übrig blieb am Ende nur TikTok, das ich bis dahin gemieden hatte wie der Teufel das Weihwasser. Allerdings weniger aus datenschutzrechtlichen und gesellschaftlichen Gründen, wozu es sicherlich Einiges zu sagen gäbe.

Twitter bin ich inzwischen seit zahlreichen Jahren treu – ich weiß mit Sicherheit, dass ich einen Account im Jahre 2012 hatte, als mich Twitter durch die Abgabe einer Seminararbeit getragen hat. Und das war damals nicht einmal der erste Anlauf, es kann also gut sein, dass ich meinen allerersten Account bereits im Jahre 2010 erstellt hatte. Twitter ist im Grunde wie das perfekte Medium für mich – textbasiert, man kann sich, die entsprechenden Apps vorausgesetzt, thematisch eigene Timelines erarbeiten, die einen wahlweise mit Freude, Informationen oder spannenden Diskussionen versorgen. Oder man kann den orangen Pseudopräsidenten wortwörtlich beim Aufstehen beobachten.

TikTok dagegen verkörpert zunächst erst einmal alles, was ich nicht sonderlich mag – Videos. Also Videos von mir. Nach einigen eher missglückten Versuchen auf Instagram bin ich doch zu der Überzeugung gelangt, dass ich ein wunderbares Radiogesicht habe. Fehlt nur noch die passende Stimme dazu. Jedenfalls scheint es reichlich absurd, weshalb dann ausgerechnet ich mich auf einer Plattform tummeln sollte, bei der es ausschließlich um Videocontent geht?

Inzwischen ist mir TikTok allerdings mehr ans Herz gewachsen als der blaue Vogel. Und das aus einer ganzen Reihe von Gründen:

  • Freshness: Die Inhalte auf TikTok sind, verglichen mit Plattformen wie Twitter, Instagram oder Facebook 🧓🏼 frisch, schnell, zackig und voller Dynamik. Trends wechseln hier schneller durch als Twitterer „Meme“ schreiben können und bieten dabei ein breites Spektrum, von witzigen Lipsyncs über Tanzeinlagen zu musikalischen Duetten und politischen Diskussionen. Da kein Video länger als 60 Sekunden sein kann, bleibt den NutzerInnen kaum etwas anderes übrig, als ihre Inhalte präzise zu halten. Und weil man so schnell „weiter-swypen“ kann, muss die Grundbotschaft eines Videos natürlich schon in den ersten paar Sekunden vermittelt sein!
  • Interaktion: Twitter hat in den letzten Jahren eine äußerst merkwürdige Transformation mitgemacht. Zumindest ist das eine Feststellung aus meiner Perspektive heraus – Interaktionen zwischen den Nutzern gibt es nur noch, wenn man sich wahnsinnig gut kennt oder auf besonders schlechte Wortwitz-Tweets. Oder natürlich, alternativ, um sich gegenseitig anzupöbeln, weil einem die Meinung des anderen stinkt. Auf TikTok gibt es das natürlich auch – aber dank Reply mit Videos, Duetten und Stitches haben die Content Creators hier deutlich bessere Möglichkeiten an der Hand, potentielle Trolle frühzeitig wieder auszuwildern. Das Witzigste an der Sache – selbst ohne ein einziges Video selbst veröffentlicht zu haben komme ich anhand der Kommentarbereiche der Videos in einer Woche zu mehr sozialer Interaktion als auf Twitter in einem Jahr. Und das durchgehend freundlicher Natur!
  • Varianz: Prinzipiell bietet TikTok zwei Streams an – einen Stream mit allen Creators, denen man folgt. Und eine „For You Page“ (#FYP), auf der der Reihe nach Videos auftauchen, die dem TikTok-Algorithmus zufolge in dein Interessensspektrum fallen. Zum Einen funktioniert das gar nicht so schlecht – die Plattform hat mich sehr früh in einige Sparten sortiert, für die ich mich tatsächlich interessiere. Und zum anderen gibt es trotzdem immer wieder Ausbrecher in neue Bereiche der Plattform. Ich wusste nicht, wie faszinierend ich Vögel finden könnte, bevor ich auf „Bird-TikTok“ war. Dank „CookTok“ bekomme ich immer wieder gute Inspirationen für die Küche, mit „TurtoiseTok“ lerne ich jede Menge über Schildkröten. Mein Lieblingsaccount liefert Nahaufnahmen eines Bibers, der gerade aufgezogen wird, um in einem Jahr ausgewildert zu werden. Und natürlich ist da „GayTok“, ein Ort, den selbst viele heterosexuelle NutzerInnen als den fröhlichsten und schönsten Bereich der App bezeichnen. Das Gute daran, verglichen mit Twitter: Ich werde förmlich ins kalte Wasser gestoßen und mir werden dutzende neuer Accounts vorgeführt, die mich mal mehr, mal weniger interessieren. So lerne ich schnell neue Creators kennen und komme mit dem ein oder anderen auch in Kontakt. Auf Twitter haben NutzerInnen einstmals selbst den #FollowerFriday begründet, der aber längst eingeschlafen ist – und Twitter selbst bietet mir keine gute Möglichkeit, das Angebot an Menschen auf der Plattform zu erkunden.

Kurzum – wo ich mich auf Twitter inzwischen meist schon nach wenigen Minuten entweder langweile oder aufrege, bietet mir TikTok nahezu unendliche Unterhaltung, bei der ich teilweise sogar noch Dinge lerne. Was ich inzwischen alles über die Proteinstruktur von Covid-19, über die Reaktionen diverser chemischer Reagenzien, das Mimik- und Gestenverhalten von Tieren, die Beweglichkeit von Menschen oder das amerikanische Wahlsystem gelernt habe!