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Social Media vor den Wahlen

Schlechter könnte das Timing für den aktuellen US-Präsidenten Donald Trump vermutlich gar nicht sein. Im November stehen die Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten an und das vermeintlich wichtigste Land der Welt brennt aus allen Luken: Stand gestern gibt es dort 2,8 Millionen Ansteckungen, rund 45-55 tausend (!) Neuansteckungen pro Tag. Zeitgleich versucht ein großer Teil des Landes, sich mit groß angelegten Demonstrationen und Kundgebungen von einem strukturellen Rassismus zu befreien, der in der US-Geschichte stets verankert war und bis heute trauriger Bestandteil dieser Gesellschaft ist. Außenpolitisch spielen die USA aus eigenem Antrieb heraus eine deutlich geringere Rolle, Verbündete sind irritiert und folgen nicht mehr widerspruchslos, Wettbewerber im globalen Machtspiel ergreifen ihre Chance. Es verlangt einiges an Kreativität, Naivität, ideologischer Borniertheit oder wenigstens unverhohlener Propaganda, um diese schwierige Situation irgendwie schön zu reden. Und schon naht die nächste Katastrophe: Die sozialen Medien fangen an, sogar die Inhalte der Trump-Kampagne zu moderieren.

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Vom Klassen“streber“ im Corona-Zimmer

Auf bazonline habe ich heute eine interessante Leserfrage erspechtet. Schon überschrieben mit der provokanten Aussage „Warum sind wir so gehorsam?“ war an dieser Stelle natürlich bereits klar, in welche grundsätzliche Richtung die Leserin vorstoßen wollte. Und genau so liest sich anschließend auch der Text:

Die Corona-Verhaltensregeln wie Händewaschen, Abstandhalten und Masketragen sind wichtig und gut. Die meisten Senioren verstehen allerdings in vorauseilendem Gehorsam die Empfehlungen des BAG als Anordnungen und befolgen diese aufs Genaueste. Ich kenne eine ältere Frau, die es nicht einmal wagt, spazieren zu gehen. «Bleiben Sie zu Hause» nimmt sie wörtlich. Im Gegensatz dazu wird eine 69-Jährige, die selber einkaufen geht, von ihrer Kollegin als verantwortungslos bezeichnet. Warum sind viele derart obrigkeitsgläubig? G.S.

G.S., bazonline, „Warum sind wir so gehorsam?“, zuletzt abgerufen am 06.05.2020

Nun gehört diese „Frage“, die ja eigentlich keine ist, noch zu den netter formulierten Fassungen, was an ihrer Grundintention natürlich keinesfalls etwas ändert. Denn schließlich handelt es sich bei diesem Text von G.S. nicht um ein inhaltliches Unverständnis, also beispielsweise ein kontextuelles Problem mit virologischen Zahlen oder auch der Suche nach einem Ratschlag mit einer bestimmten Situation durch einen Psychologen, wie man das in manch anderen Tageszeitungen gerne findet. Stattdessen wird hier eine Theorie aufgestellt („Das BAG (Bundesamt für Gesundheit) hat nur Empfehlungen ausgegeben, aber viele halten sich sklavisch daran“) und mit einer nachgeschobenen Frage getarnt, obwohl diese derart suggestiv ist, dass sie eigentlich nur das Gesagte noch einmal unterstreichen soll.

Inhaltlich würde ich übrigens erwidern, dass man in der Schweiz glücklicherweise recht frei ist im Verlassen des eigenen Anwesens. Weder wird man auf der Straße von PolizistInnen angehalten noch muss man ständig Nachweispapiere mit sich führen, dass man sich auf einem sinnhaften Weg außerhalb der eigenen vier Wände befindet. Wer möchte, der darf spazieren, einkaufen, meines Wissens ist nicht einmal das Lesen eines Buches auf einer Parkbank verboten.

Da es sich größtenteils also wirklich um Empfehlungen des BAG handelt, das eigenem Bekunden zufolge ja auch ganz bewusst nur mit Empfehlungen und also nicht mit Anordnungen hantiert, um den BürgerInnen eine gewisse Selbstverantwortung zu lassen, ist es eben genau die Pflicht der BürgerInnen, dieser Verantwortung auch gewahr zu sein und gerecht zu werden. In der Frage ist von SeniorInnen die Rede, also von Personen, die gemeinhin als Hochrisikogruppe klassifiziert werden, da bei ihnen die Erkrankung in häufigerem Maße schwere Verläufe zeigt und tödlich endet. Folgt man nicht den etwas menschenverachtenden Vorstellungen wie beispielsweise der von Boris Palmer, dass Senioren ja vermutlich ohne bald stürben und es demnach besser sei, die eigenen Ressourcen anders zu bündeln, so muss man konstatieren: Genau diese Gruppe sollte sich, wenn sie es mit dem Überleben ernst meint, besonders gut überlegen, ob diese Empfehlungen nicht sinnvoll für sie sind.

Das ist in einer liberalen Demokratie natürlich bis zu einem gewissen Grad auch eine Frage der eigenen Einschätzung. Und diese Freiheit haben wir. Ich habe sowohl die Freiheit, mich wortwörtlich an die Aufforderung „stay at home“ zu halten, als auch die Freiheit, täglich dreimal einkaufen zu gehen. Mit allen daraus entstehenden Konsequenzen: einer möglichen eigenen Erkrankung oder der Ansteckung anderer Menschen, aber auch der eigenen sozialen Isolation und somit eines deutlich beschwerlicheren Lebens. Mir scheint hier die wichtige Botschaft, dass man als verantwortliche BürgerIn zwar Risiko und Maßnahmen abwägen muss – das, was den meisten dabei aber besonders schwer zu fallen scheint, ist, dass in diese Risikobewertung nicht nur die eigene Lage, sondern auch die Gemeinschaft der MitbürgerInnen einfließen muss. Ein Wert oder Faktor, der in diesen heutigen Zeiten immer weniger Bedeutung für den Einzelnen trägt.

Jedenfalls erscheint es mir ob dieser Überlegungen obskur, wenn die Fragestellerin hier grundlos zwei Beispiele herausgreift, seien sie real oder nicht, und ihre beiderfalls korrekten Handlungsweisen bewertend in den Raum stellt. Es steht G.S. gar nicht zu, von irgendjemandem zu verlangen, sich nicht an die BAG-Empfehlungen zu halten. Infolgedessen darf man die ganze Frage wohl als das lesen, was sie ist – eine Provokation.

Über diesen Diskurs hinaus fand ich aber auch die Antwort des Psychoanalytikers Peter Schneider ganz interessant, der in weitaus weniger Worten letztlich zur gleichen Einschätzung gelangt wie ich: Es handelt sich um eine individuelle Abwägung, aus der man keinen zusätzlichen Diskurs zu Obrigkeitshörigkeit konstruieren sollte. Vor allem aber vergleicht er die Gesellschaft in dieser bislang (zu unseren Lebzeiten) noch nie dagewesenen Situation mit einem Klassenzimmer. Er schreibt:

Wie in einer neu zusammengekommenen Schulklasse haben sich mit der Zeit verschiedene Grüppchen gebildet: Meistens gibt es eine grosse Gruppe von Unauffälligen, sie sind weder besonders brav noch besonders folgsam – sondern einfach in jeder Hinsicht «normal». Dann gibt es ein paar Streber; ein paar Brave; ein paar besonders Unterwürfige, die noch braver sind, als es die Polizei erlaubt; es gibt einen Klassenclown und zwei bis drei «rebels without a cause».

Peter Schneider, bazonline, „Warum sind wir so gehorsam?“, zuletzt abgerufen am 06.05.2020

Das weckt Erinnerungen an meine eigene Gymnasialzeit, die inzwischen zu meinem eigenen Schrecken doch schon länger zurück liegt (Abschlussjahr 2007), als ich das manchmal vergegenwärtige. Ich erkenne nicht all die Rollen wieder, die Peter Schneider hier aufzählt – ich kann mich beispielsweise nicht an irgendjemanden erinnern, den ich nachträglich als „unterwürfig“ einsortieren würde, und sieht man von bisweiligen Pubertätsanfällen ab, so hielten sich auch die „rebels without a cause“ in Grenzen. Aber ich kann schlecht von meiner eigenen Erfahrung aus einer recht kleinen Klasse (lediglich 20 SchülerInnen) auf den Lebensalltag von LehrerInnen in der gesamten Bundesrepublik schließen. Trotzdem finde ich es äußerst spannend, gerade dieses allseits bekannte Muster sozialen Verhaltens in Gruppen zu erinnern und auf die gegenwärtige gesellschaftliche Lage zu übertragen.

Vielleicht gehe ich nun doch mit etwas anderen Augen durch die Straßen oder sehe auch meine Nachbarn in einem neuen Licht. Wie all diese Menschen wohl damals zu ihren Schulzeiten waren? Ob sich mein neuer „Lieblingsnachbar“, der so gerne am Fenster sitzt, raucht und schräge deutsche Schlagermusik in den Hinterhof gröhlt, auch zu Schulzeiten schon ähnlich verhalten hat? Oder wie sind nun wohl die, die Peter Schneider oben als „Unterwürfige“ bezeichnet hat – ob sie immer noch so sind? Wie gehen solche Menschen mit einer solchen Krise, und natürlich auch mit solchen Empfehlungen oder Anordnungen um? Es ist ein spannendes Bild.

Abschließend bleibe ich bei meinem eigenen Resümee zur Eingangsfrage: Wie „sklavisch“ man sich an Empfehlungen hält, ist eine individuelle Erwägung, die ganz gewiss vom eigenen Verständnis der Gesamtlage, der eigenen Risikobereitschaft und den individuellen Umgebungsfaktoren abhängt. Das ist aber keine Frage von Obrigkeitshörigkeit. Die Maßnahmen werden von einem breiten Teil der Gesellschaft getragen, weil diese Menschen sich die Argumente dafür anhören (d.h. Zahlen und Fakten zur aktuellen Virusverbreitung, Auswirkungen des Virus, aktuelle Forschung, Wirksamkeitsbewertungen zu hygienischen Maßnahmen) und daraus offensichtlich ableiten, dass es weiterhin nachvollziehbar und vertretbar ist, die eigenen Freiheiten temporär zugunsten der Gesamtgesundheit (die die eigene mit einschließt) einzuschränken.

Man darf wohl mit Sicherheit davon ausgehen, dass all diese Maßnahmen – Verordnung von Homeoffice, Kontaktsperren, Grenzsperrungen, Maskenpflicht, Abstandsregelungen, Verbote von Veranstaltungen, Schließungen von Betrieben etc. – keine Aussicht auf Erfolg mehr hätten, wenn die Bevölkerung in der Mehrheit sie nicht mehr ebenfalls für sinnvoll erachtete.

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Das Trolley-Problem – der Kobayashimaru unserer Zeit

Ich bin sicher, ihr kennt alle das berühmte Trolley-Problem. Protagonist dieser Problemstellung ist ein Trolley, also eine Art elektrisch betriebener Bus, der an eine externe Stromleitung gebunden ist und sich demzufolge nicht frei bewegen kann. Besagter Trolley fährt nun auf eine Weiche zu, es gibt zwei mögliche Wege. Der Fahrer muss entscheiden, wo er lang fahren möchte. Doch oh weh! Schon aus der Ferne sieht er, dass auf beiden Gleisen Menschen unterwegs sind! Auf dem rechten Gleis spielt eine Gruppe kleiner Kinder und tanzt fröhlich singend herum. Auf dem linken hingegen haben sich einige berühmte Wissenschaftler versammelt, die – völlig in eines der größten Probleme unserer Zeit vertieft – ganz vergessen haben, wie gefährlich ihre Lage ist, denn sie stehen kurz vor einem wichtigen Durchbruch. Zu allem Überfluss sind die Bremse und die Hupe des Trolleys ausgefallen! Der Fahrer hat nur eine Wahl: Welche der beiden Gruppen muss er notgedrungen überfahren, um die andere zu retten?

Das Trolley-Problem ist äußerst vielschichtig und flexibel. Die Komplexität oder vielleicht gar Aussichtslosigkeit dieser Entscheidung lässt sich gut erkennen, wenn man die Teilnehmer des (gedanklichen) Experiments austauscht. Wie fällt meine Entscheidung aus, wenn auf dem einen Gleis eine Frau steht und auf dem anderen Gleis 10 Frauen? Ändert sich meine Entscheidung, wenn die eine Frau gleichzeitig noch meine Partnerin oder meine Mutter ist? Was, wenn ich weiß, dass unter den 10 Frauen eine gesuchte Massenmörderin ist? Wie lenke ich den Trolley, wenn auf der einen Seite der Strecke das süßeste Hundebaby der Welt niedlich vor sich hin schläft, ausgesetzt in einem Körbchen, und auf der anderen Seite irgendetwas Menschliches?

Das sind Fragen, die mich doch stark an den Kobayashimaru aus Star Trek erinnern. Wer nichts mit diesem Begriff anfangen kann: Der Kobayashimaru war ein Test ersonnen vom Vulkanier Spock, um angehende Offiziere auf die Aussichtslosigkeit mancher Situationen vorzubereiten. Die Prüflinge wurden auf einem Holodeck mit einer Situation konfrontiert, die nicht lösbar war. Die Simulation endete entweder mit der Zerstörung des Schiffs oder dem Scheitern der Mission. Einzig James T. Kirk, dem berühmten späteren Captain der USS Enterprise NCC-1701-A, gelang es, diesen Test erfolgreich zu absolvieren – indem er den Test manipulierte. Er schummelte.

In beiden Simulationen, also im Kobayashimaru wie im Trolley-Problem, kann man, neben der jeweiligen Situation selbst, auch einen Charaktertest sehen. Geht es doch in beiden Fällen schlussendlich darum, dass man sich einer unausweichlichen Situation gegenüber sieht, der man nicht einfach ausweichen kann, vor der man nicht einfach stehen bleiben kann. Wer ist jetzt noch in der Lage, eine Entscheidung zu treffen? Die Entscheidung wird, das ist in beiden Fällen klar, negativ und wird Konsequenzen nach sich ziehen. Im futuristischen Beispiel sind es entweder der eigene Tod oder disziplinarische Maßnahmen seitens der Sternenflotte, ganz ungeachtet der Folgen der Situation selbst, etwa einem Krieg, diplomatischen Verwerfungen oder gar dem Verlust ganzer Sternensysteme. Beim Trolley-Problem ist es mindestens das Schuldgefühl nach dem herbeigeführten Tod bestimmter Individuen, ganz zu schweigen von den juristischen Folgen.

Persönlich wüsste ich wirklich nicht, wie ich im Trolley-Fall entscheiden würde. Das hat für mich auch etwas mit einer ganz grundlegenden Überzeugung oder Frage zu tun: Sind Leben bewertbar? Kann ich sagen, dass zwei Leben mehr wert sind als eines? Oder dass das Leben eines Kindes mehr wert ist als das eines Rentners? Dass ein Hundeleben weniger wert ist als das eines Menschen? Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass einige Menschen hier sehr schnell Antworten parat haben. Weniger Leben töten um mehr Leben zu retten – klare Sache! Kinder sind unschuldig und müssen gerettet werden, klare Sache! Hunde sind süß, aber eben keine Menschen – klare Sache!

Für mich persönlich ist die Sache nicht ganz so klar, weil ich mich nicht dazu befähigt fühle, eine solche Entscheidung zu treffen. Ich bin da vermutlich geprägt vom berühmten Flugzeugproblem. Was mache ich als Staatenlenker, wenn ein Flugzeug von Terroristen gekapert wird und droht, irgendwo reinzufliegen? Schieße ich es inklusive all der unschuldigen Fluggäste ab? Das ist ein maximales moralisches Dilemma und ich glaube nicht, dass ich einen entsprechenden Befehl geben könnte. Wobei ich glücklicherweise nie in einer solchen Situation war und hoffentlich auch nie in eine solche Situation kommen werde.

Andere Menschen hingegen haben weniger Probleme damit, solche harten Entscheidungen zu treffen. Wer eine solche Entscheidung trifft, muss hinterher freilich auch mit den Konsequenzen leben, wie auch immer sie ausfallen mögen. Hier zeigt sich also durchaus, wer in Krisenzeiten in der Lage ist, unbequeme Wegstrecken zu gehen und hinterher das Geröll aufzuräumen, während andere – wie ich – wild debattierend endlos vor der verschütteten Brücke stehen bleiben. Manchmal scheint mir das gar wie eine charakterliche Entzweiung in Denker und Macher. Und beide haben ihre Vorzüge und ihre Nachteile, beide haben ihre großen Momente und ihre größten Schwächen.

Auch im Bereich der künstlichen Intelligenz spielt unser Problem eine Rolle – Stichwort „autonomes Fahren“. Wenn es für mich als Mensch schon schwer ist zu entscheiden, wen ich überfahren „möchte“, wie soll eine künstliche Intelligenz diese Entscheidung treffen? Da stellt sich überhaupt erst einmal die Frage: Kann diese Art moralischer Entscheidung, die keine klare Lösung kennt, Bestandteil eines solchen Systems, eines mathematischen Modells sein? Und selbst dann: Wie stark wären in diesem Fall die Programmierer selbigen Modells verantwortlich für die Entscheidungen, die daraus resultieren? Ich denke hier ganz bewusst etwa an face recognition Systeme, die vor einiger Zeit in den Medien waren, da sie oftmals zugunsten hellhäutiger Menschen entschieden hätten – aufgrund eines Bias schon in den Trainingsdaten. Doch für die Auswahl der Trainingsdaten und die Ausformulierung des Modells wiederum sind Menschen verantwortlich. Ist es dann nicht förmlich so, als ginge jeder Tote, den das selbstfahrende Auto verursacht, auf die Kappe der Programmierer?

Zuletzt sind mir die Trolleys übrigens beim Brettspielen über den Weg „gefahren“, nämlich im Spiel „Trail by Trolley“ (hier ein Probespiel auf Englisch auf Geek&Sundry mit der fantastischen Becca Scott als Host). In diesem Spiel stehen sich zwei Teams gegenüber (auch wenn die Zusammensetzung von Runde zu Runde variiert), die jeweils versuchen wollen, den Trolley über die Schiene des anderen Teams zu lenken. Die Entscheidung trifft der „Conductor“, also ein Spieler, der in dieser Runde der Fahrer ist. Abwechselnd legen die beiden Teams neue Karten an die Schienen: entweder Bösewichte an das gegnerische Gleis, die man doch bestimmt nur zu gerne überfahren würde (interessanterweise z.B. „Putin“). Oder „good guys“ an die eigene Schiene, die man garantiert bewahren möchte (z.B. die eigene Mutter oder einen riesigen lila Drachen, der einen reiten lassen würde). Final werden einige der Charaktere noch durch zusätzliche Beschreibungen verändert. Und plötzlich wird aus der eigenen Mutter eine zukünftige Massenmörderin – will man das wirklich zulassen? Am Ende trifft der Fahrer eine Entscheidung: Auf welches Gleis lenkt er seinen Trolley? Das Team, dem diese Schiene gehört, „gewinnt“ Totenköpfe, wer am Ende die wenigsten hat, gewinnt. Es geht also nicht nur darum, moralische Entscheidungen zu treffen. Sondern ganz gewiss auch darum, den jeweiligen Fahrer zu kennen. Eine wichtige Erkenntnis daraus: Bei aller Logik oder moralischen Integrität spielt auch das Individuum eine nicht zu vernachlässigende Rolle in derlei Fragen.

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Politik & Zeitgeschichte

Politik in Zeiten der Krise

Es ist ja gemeinhin wohlfeil, über PolitikerInnen zu schimpfen und sich darüber aufzuregen, was sie immer alles Sinnloses und Absurdes diskutieren oder entscheiden. In Zeiten der Krise allerdings – beispielsweise während einer Pandemie – macht sich die Qualität bestimmter Regierungsformen oder ideologischer Haltungen für das Gemeinwohl am deutlichsten bemerkbar. Leider auch das fehlen solcher Qualitäten. Ein paar Gedanken dazu.

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Politik & Zeitgeschichte Wissenschaft

Covid-19 – zwischen digitaler Revolution und Polizeistaat?

Ich schicke es gleich einmal voraus: Nein, ich befürchte in der aktuellen Lage nicht, dass sich Länder wie Deutschland oder die Schweiz (jene Länder also, die mein Lebensmittelpunkt sind) im Zuge der Pandemie in Unrechts- oder Polizeistaaten verwandeln. Doch manchmal gibt es in Notzeiten Ideen, die zwar gut gedacht sind, aber gleichermaßen Verheerendes mit unserer Gesellschaft anrichten könnten.

Im Rahmen der Lesegruppe unseres Doktoratsprogramms haben wir uns heute mit einem kurzen Artikel aus der New York Times („European Experts Ready Smartphone Technology to Help Stop Coronavirus“) befasst, der nur beispielhaft für eine Idee steht, die derzeit in Europa groß diskutiert wird. Denn die Politik steht vor einem schwierigen Dilemma: Wie kann man einerseits das Virus so gut wie möglich eindämmen, gleichzeitig aber die Ausgangssperren aufheben und somit die Wirtschaft wieder in Gang bekommen?

„Tracking Systems“ scheinen die Antwort der digitalen Bohème. Das Szenario: Viele Personen laden (freiwillig) eine App auf das eigene Smartphone, die fortlaufend die Position mitverfolgt. Wird eine Person einige Tage später positiv auf Covid-19 getestet, so kann über die Bewegungsprofile aller Nutzer schnell in Erfahrung gebracht werden, mit wem der Kranke in räumlicher Nähe war, wer sich also auch infiziert haben hätte können. Der Nachvollzug einzelner Ansteckungsketten und die individuelle Quarantäne würden so schneller, leichter und effizienter möglich, was wiederum größeren Schutz für die restliche Bevölkerung bedeuten würde.

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Deutsch Politik & Zeitgeschichte

Die Leiden der Union

Über die letzten Jahre hinweg ist in Deutschland ein bisschen der Eindruck entstanden, ein Kanzler oder eine Kanzlerin müsse fast zwangsläufig den Reihen der Unionsparteien entspringen. Daran hat nicht nur die politische Opposition mit ihren teils selbstzerstörerischen Tendenzen Anteil – man denke nur an die SPD, die sich in immer kürzer werdenden Abständen „selbst erneuert“, nur um anschließend mit Personalien und Ideen aufzuwarten, die man aus den letzten Dekaden bestens kennt. Die Union pflegt – selbstverständlich – auch selbst den Gedanken, einziger Stabilitätsanker und letzte „Gesamtvolksvertretung“ zu sein. Eine Selbstbetrachtung, die in den letzten Wochen und Monaten zunehmend an Festigkeit und Standhaftigkeit verliert. Grund genug für mich, ein paar unsortierte Gedanken zur Haltung und Lage der Union zu formulieren.

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„Ein Schnitzel ist aus Fleisch!!!“

Schon vor einigen Jahren ist in den Kühlregalen der Supermärkte ein Kampf um die Deutungshoheit im Reich der Lebensmittel entbrannt: Unverfroren erdreisten sich neue Anbieter dort, „Soja-Schnitzel“ neben dem Original aus feschem Schweinefleisch anzupreisen. Die Gemüter kochen hoch, es ist von falscher Deklaration, von Heuchelei, von Schwindel und Schlimmerem die Rede.

Ein kleiner Beitrag, warum ich persönlich das „Veggie-Schnitzel“ und die „veganen Chickennuggets“ super finde und mich bislang wirklich keine Kritik daran auch nur im Ansatz vom Gegenteil überzeugt hat.