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Achtung, wir nutzen Kekse!

Datenschutz ist eine feine Sache. Insofern ist es durchaus gut und richtig, dass PolitikerInnen versuchen, mit gesetzlichen Maßnahmen unsere Daten, unsere Privatsphäre, unsere Integrität zu schützen. Für den Einzelnen ist manchmal gar nicht so recht einsehbar, wofür das alles gut sein soll: Wen soll es schon groß interessieren, dass ich am Freitag mit meiner Tante Martha beim Kaffeetrinken war? Warum soll es für Mark Zuckerberg und Donald Trump spannend sein, dass ich überlege, mir einen Staubsaugerroboter zu kaufen? Wer wird schon groß darauf achten, welche Beiträge auf Twitter und Facebook ich like, welchen Personen ich folge?

Die Gründe für einen ernstzunehmenden Datenschutz sind mannigfaltig und die Bedrohungsszenarien weitaus komplexer, als der gemeine Internetnutzer das vermutlich vor Augen hat. Aber darum soll es mir hier gar nicht gehen.

Denn der Datenschutz hat leider auch unangenehme Seiten. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass eine dieser Unbequemlichkeiten ausgerechnet mit Keksen assoziiert ist, „Cookies“, also einer prinzipiell sehr erfreulichen Errungenschaft menschlicher Zivilisation. Doch während sich mancher bereits nach Keksen und Plätzchen zur Weihnachtszeit sehnen mag, dienen diese Krümelmonster in der technischen Welt sehr viel umfänglicheren Aufgaben, um Flags zu setzen, Daten zu speichern und auszulesen.

Wie beim Weihnachtsgebäck gilt: Cookie ist nicht gleich Cookie. Und wo der eine Keks nachgerade essenziell ist, um einen Dienst im Internet technisch realisierbar zu machen, da lauern leider auch zwanzig weitere von denen, die vornehmlich den wirtschaftlichen und monetären Interessen der WebseitenbetreiberInnen dienen. Eine gute Sache also, dass es inzwischen härtere Regeln gibt, die zwingend verlangen, dass eine WebseitennutzerIn erst aktiv der Nutzung der Cookies zustimmen muss.

Den ganzen juristischen Schnickschnack lassen wir jetzt mal beiseite, denn damit kenne ich mich nicht aus. Das, was mich nun eigentlich STÖRT, ist die Art und Weise, wie diese Cookie-Meldungen das Internet zunehmend zu einer unbequemen Angelegenheit werden lassen. Jeder kennt das Szenario: Man ist auf der Suche nach einer Information, man tippt einige Suchbegriffe in Google ein und die ersten Webseiten klingen bereits nach vielversprechenden Treffern. Ein kurzer Klick, schon ist man am Ziel.

Aber Sekunden, nachdem sich die Webseite fertig aufgebaut hat – gerade so weit, dass ich sehen konnte, dass die gesuchte Informationen wirklich dort zu finden ist – wird alles von einer großen Nutzerwarnung überlagert. „Wir nutzen Cookies!“, gefolgt von einer schier endlosen Auflistung der unterschiedlichsten Cookies und ihrer Funktionalitäten.

Ich will gar nicht ins Detail gehen, das machen die Webseiten ja von allein. Klar ist: Es gibt offenbar Cookies, ohne die läuft gar nichts. Essenzielle Cookies, die immer aktiviert sein müssen. Keine Chance für mich als Nutzer, deren Aktivierung zu verweigern. Alles andere dient vorgeblich dazu, mein Nutzungserlebnis zu verbessern. Beispielsweise durch personalisierte Werbung.

Das an sich finde ich ja schon krude – mein Nutzungserlebnis würde höchstens massiv verbessert, wenn gar keine Werbung eingeblendet würde, aber das hätte natürlich zur Folge, dass viele Dienste sich ernsthafte Gedanken darüber machen müssten, wie sie sich eigentlich finanziell tragen wollen. Weshalb ich einem Eingriff in meine datentechnische Privatsphäre zustimmen sollte, nur um dann Werbung genießen zu dürfen, die ein bisschen besser an mein Nutzungsverhalten angepasst ist, erschließt sich mir nicht. Wählt das wirklich irgendjemand je aktiv an?

Offenbar nicht, denn die WebseitenbetreiberInnen arbeiten durchaus auch mit Designkniffen. Besonders verlogen und widerlich ist es freilich, wenn alle oder nur Teile der nicht-essenziellen Cookies per default auf „aktiviert“ gestellt sind. Eine lästige Sache, denn als Nutzer muss ich nun erst einmal durch all die endlosen Listen scrollen und sicherstellen, dass wirklich alle Cookies abgewählt sind. So funktioniert ein Opt-In eigentlich nicht!

Aber nur, weil die NutzerIn sich aktiv gegen die Cookies entschieden hat, muss man ja noch nicht aufgeben. Sie muss ihre Auswahl ja auch noch bestätigen. Also packen wir einfach zwei Buttons auf das Overlay: „Auswahl akzeptieren“ und „Alles akzeptieren“. Der Designkniff: Jener Button, der automatisch alle vorher mühsam abgewählten Cookies wieder aktiviert, wird farblich hinterlegt und etwas größer dargestellt. Der andere Link hingegen, mit dem meine Auswahl registriert werden müsste? Kaum als Button zu erkennen, lediglich ein Link in Textform. Oft wirken diese Links mehr wie ein Zusatzlabel, nicht so sehr wie die echte Bestätigung auf das ganze Formular.

Die Anordnung hilft ebenfalls, Stichwort „Konsistenzprinzip“. Wir erwarten normalerweise bei derlei Formularen, dass die Bestätigung rechts unten und eine Absage an selbige links unten zu finden ist.1Natürlich gibt es hier zahlreiche Ausnahmen von der Regel, was nicht selten dazu führt, dass ich Dialogboxen im Übereifer falsch beantworte. Es gibt bestimmt auch kulturelle Unterschiede. Wie es meistens so ist – keine Regel ohne mannigfaltige Ausnahmen. Ratet mal, welcher Button groß und farbig zumeist ganz rechts unten platziert wird?

In anderen Worten: Ja, man muss sich nun an Datenschutz halten, aber eigentlich geht das nur mit heftigen Einschränkungen für mich als NutzerIn einher. ICH muss nun plötzlich aktiv entscheiden, dass ich nicht datentechnisch tangiert werden möchte, ICH muss dafür Sorge tragen, dass nicht doch irgendein dummes Werbecookie per default auf „an“ gesetzt war, und ICH muss höllisch aufpassen, dass ich nicht versehentlich auf den falschen Knopf drücke. Dass die Webseitenbetreiber gleichzeitig alle Register ziehen, um mir das Leben so schwer wie möglich zu machen und mich doch in die Falle zu locken, das interessiert niemanden. Ich bin ja der mündige Nutzer, ich habe ja die Wahlfreiheit.

Es ist unbequem geworden im Internet. „Schnell mal was suchen“ wird durch Overlays, Werbeeinblendungen, Cookiebenachrichtigungen, spontane Nutzerbefragungen unterbrochen. Aber so ist das wohl, wenn aus dem Lieblingsprojekt der Geeks und Nerds plötzlich der Mainstream wird – und somit auch der Mammon und die Kriminalität Einzug halten. Als NutzerIn muss man halt mehr Zeit einplanen. Mehr Nerven. Und immer wachsam bleiben.