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Wahl-Gedanken

Was für eine Nacht! Ich hatte gar nicht vorgehabt, die US-Wahlen aktiv zu verfolgen – stattdessen hatte ich mich bereits seelisch darauf eingestellt, am nächsten Morgen zu erwachen und mit weiteren vier Jahren Trump konfrontiert zu sein. Stattdessen bin ich dummerweise schon um 4 Uhr nachts aufgewacht und habe dummerweise in einem Anfall von Gewohnheit zum Handy gegriffen. Im folgenden Wahl-Krimi war an Schlaf nicht mehr zu denken.

Was bleibt nach bzw. mitten in dieser Episode? Zunächst Enttäuschung und Unverständnis. Selten wird deutlicher, wie sehr die Interessen, Werte und Vorstellungen von Europäern und US-Amerikanern auseinander driften. Ganz gleich, wer die demokratische Alternative ist – bei allem, was sich Donald Trump in den letzten vier Jahren erlaubt hat, als Präsident, als Politiker, als Mensch, gibt es aus meiner Sicht gar keine Alternative zu einer blauen Stimme. Nur – bloß, weil ich etwas nicht verstehen und nachvollziehen kann, heißt es noch nicht, dass es das nicht geben kann. Oder dass ich richtig liege. Folglich bleibt mir nur die Feststellung, dass ich offensichtlich anders ticke.

Es bleibt auch ein leicht fassungsloser Blick in Richtung Umfrageinstitute. Das US-amerikanische Wahlsystem ist komplex, nicht sonderlich demokratisch und hat seine Tücken. Kein Wunder also, dass die Umfragen 2016 etwas schief lagen – vor allem, weil man die grundsätzliche Stimmung im Land offenbar schlecht eingefangen hat. Doch angesichts der Brisanz der letzten Wahl ist es doch erstaunlich, dass auch dieses Mal die Prognosen wieder erheblich neben dem mehr oder weniger finalen Ergebnis liegen. Noch ist es gewiss zu früh, um Prognosen und Auszählungen miteinander in kritische Beziehung zu setzen, noch wird an vielen Stellen ausgezählt. Trotzdem – mit Blick auf den Vorsprung, den Joe Biden hätte haben sollen, hätte dieses Debakel niemals so knapp werden dürfen.

Daraus leitet sich die Frage ab, wie sinnvoll es überhaupt ist, sich auf Umfrageerhebungen einzulassen – auch mit Blick auf die anstehende Bundestagswahl 2021 in Deutschland. Umfragen sind nett, aber am Ende zählt nur der Urnengang. Ich habe den Eindruck, es würde nicht schaden, wenn sich zahlreiche Menschen dessen wieder bewusst würden. Auch, weil manchmal die Auswirkungen der Umfragen auf die Wählermobilisierung nicht klar sind: Trägt ein Vorsprung von Joe Biden in den Umfragen nun zu einer verstärkten Mobilisierung der Demokraten bei, weil die finden, jetzt erst recht? Oder schreckt es hingegen WählerInnen ab, die sagen „Lieber nicht mit Corona anstecken, die Wahl ist ohnehin im Sack“? Aus der demokratischen Wahl, die prinzipiell eine Meinungsabfrage jedes Einzelnen sein sollte, wird somit ein taktisches Spielchen. Und das geht leider häufig schief.

Und dann wäre da natürlich noch der aktuelle „Präsident“, der sich nicht zu schade ist, schon in der Wahlnacht vorzeitig seinen Sieg zu verkünden. Gleichzeitig kündigte er an, die weitere Auszählung von Stimmen vom Supreme Court abbrechen zu lassen und witterte in den stark demokratischen Briefwahlunterlagen wieder einmal mysteriösen Betrug, wie von Hexenhand. Mich schockiert daran nicht einmal so sehr, dass er versucht, irgendwie das Blatt noch zu seinen Gunsten zu wenden. Dazu muss man sagen, dass in diesen Stunden, während ich diese Zeilen schreibe, Joe Biden die Führung in Nevada, Wisconsin und Michigan übernommen hat und – wenn sich daran nichts mehr ändern sollte – die notwendigen Wahlpersonen erhalten dürfte.

Mich schockiert vielmehr, wie platt, plump und einfältig diese Manipulationsmär gestrickt ist. Ähnlich dämlich hat sich Friedrich Merz in Deutschland angestellt, als er behauptete, der CDU-Parteitag sei nur auf Januar verschoben worden, damit er als neuer Parteichef verhindert werden könne. Er hat dafür erhalten, was er verdient: Spott und Hohn. Doch wird das in den USA auch so sein?

Allein die Vorstellung ist aus deutscher Sicht so bizarr, wie sie nur sein kann. Menschen wählen ganz offiziell und legitim per Briefwahl, ihre Stimmen werden dann aber nach Wunsch eines Kandidaten (!) aberkannt, weil die Auszählung zu lange dauert und sowieso betrugsanfällig sei. Das alles ohne Anhaltspunkte, ohne Verdachtsmomente. Sondern schlicht, weil die Gefahr groß ist, dass die Briefwahlstimmen nicht im Sinne des besagten Kandidaten ausfallen könnten.

Meine Quintessenz unter dem ganzen Dilemma ist daher bislang: Die USA haben eine furchtbar kaputte Demokratie. Das Wahlsystem ist veraltet, überkommen und wunderbar darauf ausgelegt, Menschen von ihrem Wahlrecht abzuhalten. Das hat nichts damit zu tun, auf welcher politischen Seite man steht. Auch den Republikanern ist vermutlich ein Sieg lieber, der nicht vom eigenen Präsidenten vorab schon mit Betrugsverdacht beschmutzt wurde. Und ehrlicherweise profitieren beide Seiten davon – je nachdem, wer gerade an der Macht ist. Es steht also auch nicht zu hoffen, dass sich daran irgendwann in absehbarer Zeit etwas ändern könnte.

Spannend wird aber vor allem die Frage sein, woran es nun liegt. Wieso schneiden die Demokraten so schrecklich ab? Liegt es an einem wirklich schnarchigen Joe Biden? Daran, dass das demokratische Wahlprogramm in erster Linie zu heißen schien „Ich bin nicht Donald Trump“? Daran, dass das Land unfassbar stark polarisiert ist und es für viele WählerInnen längst keinen Weg mehr aus dem eigenen Gesinnungslager heraus gibt?

Die gute Nachricht hingegen zuletzt: Die Wahlbeteiligung war groß. Die höchste Wahlbeteiligung seit 1900 und Joe Biden hat bereits jetzt, egal ob er Präsident wird oder nicht, die meisten Wählerstimmen aller Zeiten auf sich vereinigt. Dieser Teil der Demokratie funktioniert also immer noch. Das ist erfreulich.

Von Stephan

Stephan ist derzeit Doktorand für Informatik an der Universität Basel. Er hat sowohl Ägyptologie als auch Informatik in München und Basel studiert. In seiner Dissertation wird er diese beiden sehr unterschiedlichen Studienfelder miteinander verbinden. Auch darum wird es auf dieser Webseite gehen - neben vielen anderen Bereichen, die in seinem Leben eine Rolle spielen.

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