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Angeblickt – Baldur’s Gate III im Early Access

In aller Kürze. Larian Studios entwickelt derzeit Baldur’s Gate III, den lange (!) ersehnten Nachfolger eines der größten Rollenspiele der Videospielgeschichte. Seit Kurzem ist das Spiel verfügbar – zum vollen Preis, aber als Early Access-Titel. Was das bedeutet, wieso ich das grundsätzlich nicht gutheiße, warum ich aber diesmal doch auf den fahrenden Zug aufgesprungen bin: all das im Artikel.

Zurück an die Schwertküste

Baldur’s Gate – das ist einer dieser Titel, die jede sich selbst ernst nehmende GamerIn wenigstens namentlich kennen muss. Oh, was erinnere ich mich damals vor allem an die Grabenkämpfe zwischen Diablo II und Baldur’s Gate II – auf der einen Seite das dumpfe Haudruff-Abenteuer mit dem süchtigmachenden Lootkonzept, auf der anderen Seite das epische Rollenspielabenteuer, nach dessen Spielende man vermutlich Text im Umfang von 30 Romanen gelesen hat.

Ich will an dieser Stelle nicht groß auf den Inhalt eingehen. In aller Kürze basiert Baldur’s Gate auf dem Regelwerk von Dungeons & Dragons, diesem äußerst populären Rollenspieluniversum. Namengebend ist die Stadt Baldur’s Gate, in der oder um die herum die Geschichten stattfinden – und es sind große Geschichten, die sich vornehmlich um das Erbe eines mörderischen Gottes drehen.

Doch die Legenden sind lange her, Baldur’s Gate I stammt aus dem Jahr 1998 und der Nachfolger, Baldur’s Gate II: Schatten von Amn, wurde 2000 veröffentlicht. 20 Jahre sind nun also vergangen, und endlich wagt sich ein Entwicklerstudio an eine Fortsetzung. Noch dazu Larian Studios, die erst unlängst mit Divinity: Original Sin (I + II) große Erfolge einfahren konnten und somit das Genre wieder etwas wiederbelebt haben.

Fertig? Hier ist noch nichts fertig!

Allerdings ist Baldur’s Gate III noch längst nicht fertig, der offizielle Erscheinungstermin soll 2021 sein und wer weiß, ob sich das dank Corona „Covid-19“ Virus nicht noch deutlich verzögern wird. Trotzdem ist es bereits jetzt möglich, einen sehr genauen Blick auf das Spiel zu werfen – dank Early Access.

Was bedeutet das? Larian hat einen Teil des Spiels bereits veröffentlicht. Man kann sich einen ersten Charakter bauen, auch wenn noch nicht alle D&D-typischen Klassen implementiert sind. Man kann die ersten Gebiete und Quests erkunden, die ersten Schlachten schlagen und die ersten Fehlentscheidungen treffen. Ganz in der Tradition eines Dragon Age: Origin lernen wir spannende MitstreiterInnen kennen, freunden uns mit ihnen ab, haben mit ihnen Streit oder auch Sex. Mit wem auch immer wir wollen. Rollenspiele werden modern – und erwachsen. Endlich.

Aber das Spiel will nicht darüber hinwegtäuschen, dass man für den vollen Preis von 60€ nur einen äußerst unfertigen Rohdiamenten antesten darf. Es ist eben Early Access, und das ist hier wortgetreu gemeint: Es hakt an allen Ecken und Enden. Animationen werden nicht richtig abgespielt. Figuren versinken im Erdboden. Das Ende der Kampfrunden wird nicht akzeptiert. Türen werden als geschlossen dargestellt, obwohl sie eigentlich offen sein sollten. Goblins nutzen Gegenstände, die eigentlich schon lange zerstört worden sind.

Der Spieler wird zum Teil der Entwicklung

Für Larian Studios ist das in vielerlei Hinsicht ein lohnendes Geschäft: einerseits können sie den wachsenden Durst der Fangemeinde ein bisschen stillen und somit etwas mehr Geduld bis zum fertigen Release erzeugen. Gleichzeitig bekommen sie für diese ersten Einblicke bereits den vollen Preis des Titels überwiesen – anders als bei anderen Early Access-Zugängen, die mit einem vergünstigten Spielpreis locken, weil das Spiel ja noch nicht fertig ist.

Andererseits können Larian Studios mithilfe der ungeduldigen Spieler auch gleich eifrig testen und die Evaluationen in ihre Arbeit integrieren. Erst kürzlich haben sie beispielsweise Heatmaps der ersten Region veröffentlicht, die anzeigen, wo die SpielerInnen vornehmlich sterben. Oder welche Charaktere wie oft sterben. Das sind wertvolle Anzeigen für die Gamedesigner: Ist eine bestimmte Stelle zu komplex oder zu schwierig? Ist einer der Charaktere vielleicht unnötig stark oder viel zu schwach? Sehen viele Spieler vielleicht den offensichtlichsten Lösungsweg nicht?

Die Spieler bezahlen also dafür, Alpha-Tester zu werden und befeuern gleichzeitig aber mit ihrer Ungeduld den Entwicklungsprozess des Spiels, auf das sie so lange gewartet haben. Ein durchaus spannendes Konzept!

Warum diesmal doch?

Grundsätzlich bin ich kein großer Fan des Early Access. Auch, weil ich selbst bereits einmal auf ein solches Unterfangen reingefallen bin – „Towns“ klang mir nach einer wundervollen isometrischen Umsetzung des Klassikers „Dwarf Fortress“ und machte bereits in frühem Stadium sehr viel Spaß. Leider hat die Entwicklung die Alpha-Phase aber nie verlassen. Einige Euro, die ich nie wiedersehen werde.

Zudem finde ich es eigentlich gar nicht so schön, wenn ich als Kunde plötzlich zum Betatester umfunktioniert werde und somit dem Entwickler auch an dieser Stelle Kosten spare. Man darf sich das ruhig mal überlegen: Ich zahle den vollen (oder manchmal etwas geringeren) Preis und „arbeite“ quasi auch noch dafür, dass das Spiel besser wird. Und kämpfe derweil natürlich mit all den Fehlern, die das Spiel zu dem Zeitpunkt noch hat. Je nach Fehlerquote ist das mehr oder weniger ein Genuss.

Warum mache ich bei Baldur’s Gate III dann doch mit? Ist das nicht reichlich inkonsequenz?

Ja.

Aber seien wir ehrlich – nach 20 Jahren fällt es mir schwer, nicht absolut euphorisch zu sein, wenn Baldur’s Gate III in welch spielbarer Weise auch immer plötzlich verfügbar wird. Zudem besteht nach Divinity I + II bereits ein gewisses Grundvertrauen in Larian, denn beide Spiele sind durchaus grandios geworden.

Und ich muss gestehen: Ich mag es, wenn Entwickler mich dann auch aktiv am Entwicklungsprozess teilhaben lassen. Wenn man nicht nur meine Spieldaten nimmt und sich an meinen Charaktertoden ergötzt, sondern mir das Gefühl gibt, wirklich ein Teil des Entwicklungsprozesses zu sein, indem meine Tode, meine Erfolge, mein Vorankommen, mein Spielen nützliche Informationen für die Designer enthalten. Wie in so vielen Dingen im Leben ist es also auch eine Frage der Kommunikation, ob man gerne Teil eines Projekt wird oder nicht.

Riskant ist es dennoch. Und ich bin sehr gespannt, ob ich dieses eingegangene Risiko dereinst bereuen werde. Aber bis dahin freue ich mich auf mehr Erkenntnisse rund um die Gedankenschinder an der Schwertküste!

Von Stephan

Stephan ist derzeit Doktorand für Informatik an der Universität Basel. Er hat sowohl Ägyptologie als auch Informatik in München und Basel studiert. In seiner Dissertation wird er diese beiden sehr unterschiedlichen Studienfelder miteinander verbinden. Auch darum wird es auf dieser Webseite gehen - neben vielen anderen Bereichen, die in seinem Leben eine Rolle spielen.

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