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Politik & Zeitgeschichte

Friedrich Merz – ein Fenster in die Vergangenheit

Also, ich sage mal so über die Frage der sexuellen Orientierung: Das geht die Öffentlichkeit nichts an. Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft – an der Stelle ist allerdings für mich eine absolute Grenze erreicht –, ist das kein Thema für die öffentliche Diskussion.

Friedrich Merz, 2020 (Quelle: Zeit Online)

Das einführende Zitat ist die Antwort von Friedrich Merz auf die Frage, ob er ein Problem habe mit einem schwulen Bundeskanzler. Friedrich Merz ist Anwärter auf den CDU-Vorsitz, und somit auch auf die Kanzlerkandidatur bei der nächstjährigen Bundestagswahl. Es handelt sich also nicht um eine salopp formulierte Antwort, der man keine weitere Bedeutung beimessen sollte. Ganz im Gegenteil: Derlei Äußerungen offenbaren die Weltanschauung und das Gedankenbild eines Mannes, der sich anschickt, unser aller Zukunft lenken zu wollen.

Inzwischen gibt es zahlreiche konservative Haudegen, die ihrem Traumkandidaten hilfreich zur Seite springen. „Was ist denn verkehrt an der Aussage?“, so rufen sie, „Das stimmt doch alles, oder wolltest du dem nicht beipflichten?“. Aufgeregt gackern sie durcheinander, unterstellen „Bösartigkeit“ jedem, der darin Homophobie erkennen möchte. Und in der Tat – auf den ersten Blick lässt sich wenig gegen die Aussage von Merz sagen. Sexuelle Orientierung? Privatsache. Kindesmissbrauch? Straftat und unverzeihbar. Wer sollte damit nicht d’accord gehen?

Es ist aber doch ein Problem, was Friedrich Merz hier von sich gibt. Wenn Friedrich Merz, gefragt nach der potentiellen Homosexualität eines Kanzlers, nachgerade zwanghaft direkt auf Kindesmissbrauch und Pädophilie zu sprechen kommt, so offenbart dies zweifelsfrei, wie eng er beide Themenkomplexe miteinander verwoben sieht. Und das, obgleich sie ferner nicht sein könnten!

Er ist im Übrigen nicht der erste CDU-Politiker, der diese historische Verbindung zieht, und garantiert auch nicht der letzte. Man denke nur an Annegret Kramp-Karrenbauer, in sozialen Fragen sowie Themenkomplexen intimer zwischenmenschlicher Beziehungen so unbedarft wie man nur sein kann, die sich nachdrücklich gegen die Einführung einer gleichgeschlechtlichen Ehe aussprach, denn man wisse ja nicht: Wo solle man dann die Grenze ziehen? Polyamorösität? Ehe mit Kindern? Mit Tieren?

Es ist, diese Zwischenbemerkung sei mir gestattet, bemerkenswert, wie absurd konservative PolitikerInnen zu argumentieren beginnen, kaum dass sie sich in unangenehmes Territorium bewegen. Ein kritisches Thema, die Möglichkeit, auf dem Rücken einer Minorität Wählergunst zu gewinnen, dann sind auch der deutschen PolitikerIn Argumente genehm, die man sonst nur aus dem Weißen Haus oder Downing 10 zu hören gewohnt ist.

Dem einen ist vielleicht nicht klar, wie falsch, wie absurd und wie verletzend diese Verbindung zwischen völlig legitimen zwischenmenschlichen Verbindungen und Straftatbeständen eigentlich ist. Die anderen nutzen das womöglich ganz gezielt, um ihr Weltbild zu propagieren, ein Weltbild, in dem es ganz normal erscheint, dass man liebende Menschen mit Verbrechern gleichsetzt und sie zwingt, sich gesellschaftlich unterzuordnen.

Friedrich Merz kolportiert genau diese Denkweise. Sie sitzt nicht in der Semantik, er spricht sie nicht offen aus. Das ist gar nicht nötig. Er stellt die Verbindung alleine dadurch her, dass er das objektiv völlig unverwandte Thema plötzlich zur Sprache bringt. Jeder, der seine Aussage hört oder liest, der sieht diesen Zusammenhang und nimmt ihn wahr. Von der Homosexualität wandert er zur sexuellen Orientierung hin zum Kindesmissbrauch. Es ist verzweifelt oder unnötig dumm, sich dieser trivialen Erkenntnis entziehen zu wollen, indem man sich auf semantische Spitzfindigkeiten zurückzieht.

Wurde Friedrich Merz von der Reaktion auf seine unfassbar dumme Aussage überrascht? Oder handelte es sich um eine ganz gezielte Provokation, um – so kurz vor der alles entscheidenden Wahl – wieder ins Gespräch zu kommen, die konservative Wählerschaft ins Boot zu holen?

Offenkundig sah er sich genötigt, seine Einstellung in einem folgenden Tweet klarzustellen. Und wie es sich für einen Politiker ziemt, der sich für etwas entschuldigen muss, von dem er eigentlich gar nicht abrücken möchte, weil es seiner Grundüberzeugung entspricht, torpediert er seine eigene Rehabilitation durch noch mehr Dummheit.

In einer liberalen Gesellschaft gibt es unterschiedliche Lebensentwürfe.“ Die Homosexualität als Lebensentwurf. Wie stellt sich Friedrich Merz die Lebenswirklichkeit eigentlich vor? Glaubt er, dass ich mich irgendwann, vielleicht zu Schulzeiten, an meinen Schreibtisch gesetzt, mir auf meinem Blatt Papier mein zukünftiges Leben ausgemalt habe und mir dachte „Puh, das sieht alles unnatürlich gut aus, ich werde jetzt einfach mal noch schwul, ein bisschen Herausforderung muss sein!„. Hat sich Friedrich Merz in seinem Leben in Frauen verliebt, weil das seinem Lebensentwurf entsprach?

Auch diese Formulierung ist entlarvend. Sie offenbart, welche Qualität Friedrich Merz – Kandidat für den CDU-Vorsitz – der Homosexualität zuspricht. Sexuelle Orientierung ist für ihn ein Entwurf, eine bewusste Entscheidung, der man sich schließlich jederzeit entziehen könne indem man sich umentscheidet. Es ist eine Parallele zu seiner Haltung gegenüber Armut und Arbeitslosigkeit. Wer arm ist, soll halt arbeiten gehen. Wer wegen Corona zuhause bleibt, der gewöhnt sich an Faulheit. Wer schwul ist, wer lesbisch ist, sollte sich halt umentscheiden.

All das ist nicht ausgesprochen, nicht ausformuliert. Das ist nicht nötig. Es trieft aus den Worten, aus den Zeilen hervor, und es zeichnet ein Bild. Es zeichnet die Weltanschauung, das Weltbild eines Mannes, der sich anschickt, Kanzler eines Landes zu werden, dessen Gesellschaft ihn schon vor Jahren geistig überholt hat. Dort, wo ein Kanzler Vorbild, Perspektive, Anführer sein sollte, droht er dem Land ein sozialer Bremsklotz zu werden. Und darüber vermag der Hinweis auf die Semantik des Gesagten nicht hinwegzutäuschen.

Von Stephan

Stephan ist derzeit Doktorand für Informatik an der Universität Basel. Er hat sowohl Ägyptologie als auch Informatik in München und Basel studiert. In seiner Dissertation wird er diese beiden sehr unterschiedlichen Studienfelder miteinander verbinden. Auch darum wird es auf dieser Webseite gehen - neben vielen anderen Bereichen, die in seinem Leben eine Rolle spielen.

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