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Von der Marginalisierung der eigenen Position

Im politischen Diskurs ist es Mode geworden, die Gegenseite mit Lächerlichkeiten in Verruf bringen zu wollen. Es ist eben erheblich leichter, jemanden für ein Stottern, eine körperliche Unzulänglichkeit oder einen Versprecher zu diffamieren, als sich inhaltlich konsequent mit einer Position auseinandersetzen zu müssen.

Erstaunlicherweise gilt das selbst für Persönlichkeiten, deren politische Agenda so viel Angriffsfläche bieten wie nur irgend möglich. Betrachten wir beispielsweise Donald Trump, den gegenwärtigen US-Präsidenten. Es fällt schwer, seiner Präsidentschaft viele Erfolge zuzuschreiben – mit einem seiner größten Wahlkampfversprechen, der Abschaffung des Affordable Care Acts („Obamacare“) ist er teils am Widerstand selbst der eigenen Partei gescheitert, seine protektionistische und isolationistische Agenda hat die USA viele globale Freundschaften gekostet, ohne nennenswerte geopolitische Erfolge zu zeitigen (Stichwort: Nordkorea). Gleichzeitig reißt das Coronavirus, seinerseits vollständig immun gegen die republikanische Propaganda, den Schleier vom Weißen Haus und enthüllt schonungslos die Schwächen und Hilflosigkeit der US-amerikanischen Administration.

Umso erstaunlicher daher, zu welchen Mitteln die politischen Gegner in sozialen Netzwerken greifen. Was wird nicht gespottet, wahlweise über die winzigen Hände des Präsidenten, seine etwas ungesunde Hautfarbe. Neulich wurden Videoausschnitte mit Fokus auf seine wilden Handbewegungen so manipuliert, dass er dabei ständig ein Akkordeon bedient. Doch hilft all das? Oder sagt es nicht viel mehr über diejenigen aus, die sich solcher Angriffe bedienen?

Nicht, dass ich Donald Trump auch nur ansatzweise in Schutz nehmen wollen würde. Erstens bedient er sich durchaus selbst solcher Maßnahmen und spottet über den vermeintlich schütteren Geisteszustand seines Herausforderers, was aus seinem Munde reichlich absurd klingt. Wer die Latte so niedrig legt, muss sich nicht wundern, wenn auch andere dieses Niveau erreichen können. Donald Trump sucht ganz bewusst die Konfrontation auf dieser Ebene – er ist auf dieser Ebene zuhause, und er weiß, dass ihm diese Ebene in die Hände spielt.

Zweitens gibt es gar keinen guten Grund, einem Mann in der Debatte helfend beizuspringen, der offen und ungeniert lügt sobald er nur den Mund aufmacht. Wer in derlei Dreistigkeit sämtliche Konventionen des politischen und gesellschaftlichen Zusammenlebens torpediert und sich selbst zum Propheten der alternativen Realität erhebt, der bedarf ganz sicherlich keiner äußeren Differenzierung.

Anstelle dessen sollte man sich fragen: Was sagt es über seine KritikerInnen aus, wenn sie ihn auf die oben beschriebene Weise verächtlich zu machen versuchen? Was sagt es über ein – zumindest für die USA – linkes Klientel aus, das dem Vernehmen nach für Freiheit, für eine gerechte Behandlung aller Menschen, für gleiche Rechte für gleiche Menschen eintritt, wenn es anschließend den politischen Gegner nicht für dessen unmoralische und unmenschliche Politik, sondern für körperliche Unzulänglichkeiten attackiert?

Wenn das Schlimmste, was es an der Politik von Donald Trump zu bemängeln gibt, die Größe seiner Hände ist, dann scheinen selbst seine Gegner mit der politischen Dimension seines Handelns vollauf zufrieden zu sein. Oder aber, sie sind maßlos überfordert damit.

Die Quintessenz, der Kern, zu dem ich mit diesem Text eigentlich möchte: Man sollte aufpassen, sich nicht im süßlich lockenden Kleinklein der Lächerlichkeiten zu verlieren, wenn man einen Krieg austragen möchte. Es ist schwer, jemanden von der Ungerechtigkeit und bodenlosen Unzulänglichkeit eines politischen Gesamtgeschehens zu überzeugen, wenn diese Botschaft ertrinkt in einer Welle hämischer Lacher über einen Tippfehler. Wenn am Ende covfefe in allen Hirnwindungen eingerastet ist, doch niemand mehr weiß, in welch problematischen Kontext dieser Schreibfehler veröffentlicht wurde, dann wurde erfolgreich ein dicker Schleier über eine wunde Stelle gezogen. Ein gefährliches Spiel.

Von Stephan

Stephan ist derzeit Doktorand für Informatik an der Universität Basel. Er hat sowohl Ägyptologie als auch Informatik in München und Basel studiert. In seiner Dissertation wird er diese beiden sehr unterschiedlichen Studienfelder miteinander verbinden. Auch darum wird es auf dieser Webseite gehen - neben vielen anderen Bereichen, die in seinem Leben eine Rolle spielen.

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