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Reingeschaut – SERIöS – Das Serienquartett

In aller Kürze. Seit Kurzem hat ARD one ein noch gar nicht so altes Format in neuer Besetzung im Angebot. Vier Personen mit mehr oder weniger engem Bezug zur Film- und Fernsehbranche, vier mitgebrachte Serien und mindestens tausend Meinungen pro Beitrag. Wie gut funktioniert das Format?

Die Idee ist so simpel wie ansprechend: Man setze eine Reihe von eloquenten, hübschen Menschen in einen Stuhlkreis, gebe ihnen ein populäres Thema und eröffne die Diskussionsrunde. Was mit literarischen Werken funktioniert hat, das klappt bestimmt auch mit Fernsehserien, muss sich die Redaktion von ARD one gedacht haben. Vor allem, weil es mit dutzenden Streaminganbietern, die noch dazu allesamt eigene Produktionen in Auftrag geben, mehr als genug Stoff für Jahrzehnte munterer Filmkritik gäbe.

Genau so funktioniert dementsprechend auch SERIöS – Das Serienquartett. Vier Personen sitzen – natürlich mit angemessenem Sicherheitsabstand, damit nur verbal die Fetzen, nicht jedoch die Aerosole fliegen – beisammen und diskutieren Fernsehserien, die von einer beitragenden Person ausgewählt und von allen vorbereitet wurden. Nach einer kurzen inhaltlichen Zusammenfassung und einem Exkurs, weshalb die Serie eigentlich gewählt worden war, folgt ein kurzer Trailer, um die ZuschauerInnen auch visuell auf den Titel einzustimmen. Anschließend werden reihum die Meinungen ausgetauscht.

Wer diskutiert da so?

Das Panel scheint einen gewissen Wandel vollzogen zu haben – irgendwo habe ich gelesen, dass man bei der ARD die Coronapause wohl auch genutzt habe, um die Diskutierenden auszuwechseln. Das kann ich nicht beurteilen, da mir die Folgen der ersten Staffel nicht zugänglich sind.1Siehe dazu weiter unten auch meine Bemerkungen zur Technik von ARD one Seit 30. Juni 2020 sitzen im Panel:

  • Sarah Kuttner; podcastet auch zusammen mit Medienjournalist Stefan Niggemeier in „Das kleine Fernsehballett2auch dazu wird es hier noch einen ausführlichen Artikel geben über Film und Fernsehen
  • Hanna Huge; Co-Gründerin von serienjunkies.de
  • Emily Thomey; podcastet ebenfalls, Stichwort „Glotz und Gloria
  • Robert Hofmann; ehemals Schauspieler, jetzt offenbar eher auf Youtube unterwegs

Und worüber wird diskutiert?

Grundsätzlich bemühen sich die Panelmitglieder ganz offensichtlich, ein breites und interessantes Spektrum an Serien anzubieten – eine Aufgabe, die nicht ganz einfach ist, wenn man nur vier Titel pro monatlicher Folge besprechen kann. Mit mehr oder weniger freundlicher Kritik wurden in Episode S02E04 (der ersten Folge mit neuem Panel) folgende Serien besprochen:

  • Hollywood – ein Streifen, in dem es offenbar um den Weg vom Tellerwäscher zum berühmten Hollywoodsternchen geht, mit allen implizierten Komplikationen; und doch, zumindest laut Kritik, etwas zu schöngefärbt.
  • The Great – eine Serie über Katharina die Große von Russland, die sich zwar eines historischen Vorbilds bedient, dieses aber nicht historisch authentisch umsetzt.
  • Call My Agent – eine französische Serie, in der ausnahmsweise einmal nicht die SchauspielerInnen, sondern die AgentInnen die Hauptrolle spielen.
  • Warten auf’n Bus – eine typisch berlinerische oder brandenburgerische Serie über zwei Typen, die tagtäglich an der Bushaltestelle sitzen, auf den Bus warten und über Gott und die Welt reden.

In der Folge S02E05 geht es dann um:

  • Das Grab im Wald – eine Serie, zu der mir wenig mehr im Kopf geblieben ist als dass sie im Wald spielt. Es handelt sich aber offenbar um eine Crimestory, in der erst einige Jugendliche bei einem Ferienlager im Wald verschwinden und 25 Jahre später gefunden werden sollen.
  • Normal People – eine Serie, die offenbar versucht, die Intimität zwischen zwei Personen so authentisch wie möglich abzubilden, und deren Sexszenen anscheinend bereits auf Pornoseiten geleaked wurden
  • Verschwiegen – eine Crimestory mit einem Staatsanwalt und dessen Sohn, die für mich gewinnt, weil Chris Evans die Hauptrolle spielt, und die für mich verliert, weil sie auf AppleTV zu sehen ist
  • Ramy – ein Beitrag über die spirituelle Reise und Entwicklung des (muslimischen) Sohnes ägyptischer Einwanderer in die USA.

Funktioniert es?

Um es mit den Worten eines bekannten deutschen TikTokers, HerrAnwalt, zu sagen: „Es kommt drauf an“.

Grundsätzlich ist das Sendungskonzept kein Schlechtes, es wirkt nur etwas aus der Zeit gefallen. Angesichts der schieren Masse an Serien, die es auf dem Markt gibt, müssten die vier ausgewählten Beiträge pro Monat schon sehr außergewöhnlich sein, und das erfüllen sie in meinen Augen bislang nicht. Abgesehen vom unterhalterischen Wert der Sendung erschließt sich mir auch nicht, weshalb es neben Webseiten, Podcasts und Social Media plötzlich noch vier Menschen braucht, die im Fernsehen über das Fernsehen sprechen. Das würde nur funktionieren, wenn diese Personen qua Autorität eine ganz neue Perspektive auf die Diskussionsgegenstände zu werfen vermöchten. Aber kann das oben genannte Panel das?

Für Emily Thomey und Hanna Huge gilt das aus meiner Sicht ganz gewiss. Beide Frauen bestechen durch ihre scharfsinnige Betrachtung der Serien, ihre eloquente Zerfaserung der etwaigen Problemstellen und vermögen es zudem, Appetit selbst auf etwas ungewöhnlichere Serien zu machen. Bei beiden war mein erster Gedanke nach der ersten Episode: Oha, wo finde ich die auf Twitter, von denen kann ich noch einiges lernen!

Robert Hofmann wird vor allem selbst nicht müde, den anderen ins Gedächtnis zu rufen, dass er ja derjenige in der Runde sei, der mit Schauspielerfahrung aufwarten könne. Immerhin liefert er bisweilen ein paar interessante Hintergrundinformationen, etwa wie ein intimer Nacktdreh am Set abläuft. Ich mag an ihm auch, dass er gerne Serien zu wählen scheint, die etwas unter dem Radar laufen oder die Potential für rege Diskussion bieten. Das deutet darauf hin, dass er sich durchaus Gedanken darum macht, für welches Format er hier Inhalte auswählt.

Etwas aus dem Rahmen fällt hingegen Sarah Kuttner. Sie besetzt die eher bodenständige Rolle des Panels – und das ist leider nicht nur positiv gemeint. Es steht außer Frage, dass sie bereits viele Serien rezipiert hat, und insbesondere ihre Begeisterung und Durchhaltekraft in Sachen TrashTV, die sie in ihrem Podcast immer wieder unter Beweis stellt, finde ich beeindruckend. Umso merkwürdiger finde ich es, wie unvorbereitet und oberflächlich sie dann an die Beiträge herangeht – ganz so, als säße sie nicht im Fernsehen mit Publikum, sondern diskutierte völlig unbedarft mit einer ihr bekannten Person über den Fernsehabend von gestern.

Das wiegt umso schwerer, als Sarah Kuttner auch wie die selbsternannte Moderatorin der Sendung wirkt, wo in derlei geringer Besetzung eigentlich wunderbar eine Selbstmoderation und grundlegende Absprachen funktionieren sollten. Doch wie glaubhaft wirkt eine Moderatorin, die den Namen des Protagonisten des eigenen Serienbeitrags bei Aufzeichnung schon wieder vergessen hat? Die sich nicht die Mühe macht, SchauspielerInnen zu recherchieren, die sie bislang nicht kannte?

Diese Bodenständigkeit drückt sich dann mitunter eben auch in sehr platten, saloppen Urteilen aus, die in krassem Gegensatz stehen zu den sprachlich weitaus feiner formulierten Verdikten der übrigen SendungsteilnehmerInnen. Das ist aber – das möchte ich ausdrücklich betonen – nicht nur eine Kritik. Denn genau das finde ich an Sarah Kuttner sehr häufig erfrischend: Sie ist die waschechte Berlinerin, die sie ist, und sie verstellt sich weder für einen Podcast noch für eine Fernsehsendung. Da Serien keineswegs nur von feingeistigen Genießern kultureller Meisterwerke gesehen werden, sondern vor allem eine entspannende Abendunterhaltung für jedermann sind, braucht es diese Art von Urteil, um die Serienkritik allgemein zugänglich zu halten, und das vermag sie ganz glänzend beizubringen.

Was hingegen sehr verwirrt: Die Sendung wirkt wie ein experimentelles Spielfeld für die ARD one Redaktion. Die Folge S02E04 beendet Sarah Kuttner beispielsweise mit einer Runde „Lästerei über ganz andere Serien“, was der Sendung noch einmal etwas mehr Inhalt brachte und ein wirklich nett angedachter Rausschmeißer war. Eine Folge später ist diese Errungenschaft bereits wieder dahin. Ähnlich wie eine (eher zweifelhafte) Idee aus der ersten Staffel, wo die PanelteilnehmerInnen die Serien mit den Bewertungen Schlecht, Gut oder Grandios aburteilen durften, was anschließend durch passende Emojis visuell abgebildet wurde. Man probiert sich offenbar aus. Wenigstens das Hauptkonzept bleibt offenbar aber unangetastet.

Noch ein Wort zur Technik

Wenig Schmeichelhaftes kann ich über die technische Umsetzung der ARD (one) Mediathek schreiben. Dass im Jahre 2020 eine Fernsehsendung im Stream nur auf niedrigster Qualitätsstufe ruckelfrei übertragbar ist, ist ein Armutszeugnis. Die „sehr hohe“ Stufe bleibt mir leider vollkommen verschlossen, da es nach jeder zweiten Sekunde zu einer längeren Ladepause kommt. Auf „guter“ Qualität kann ich zumindest ansatzweise dem Diskurs folgen, der immer wieder von störenden Pausen unterbrochen wird. Ich kann auch ausschließen, dass es sich um ein Problem mit meiner Internetleitung handelt – ich gehe sehr stark davon aus, dass die Server der ARD im besten Falle auf deutsches ländliches Internet ausgelegt sind. Überraschung – in anderen Ländern gibt es echtes Breitbandnetz.

Ebenso lästig finde ich die merkwürdigen Geoblocking-Regeln der ARD. Weshalb kann ich einige Folgen der Sendung hier in der Schweiz problemlos streamen? Und schon die nächste Folge ist dann „leider außerhalb Deutschlands“ nicht mehr einsehbar? Es werden in den Episoden nur Filmtrailer gezeigt, die ohnehin auf allen möglichen Plattformen laufen – denn genau damit möchte die Filmbranche ihre Titel doch an den Mann und an die Frau bringen. Liegt es also wirklich an rechtlichen Einschränkungen? Oder interessiert man sich in der ARD einfach nicht für andere deutschsprachige ZuschauerInnen?

Eher in den Bereich der „PR-Technik“ fällt für mich dann noch das Fehlen jeder Angabe zum nächsten Sendetermin auf der Webseite. Es mutet etwas seltsam an, wenn alle Beteiligten auf Twitter fröhlich zwitschern, dass man sich für „SERIöS“ trifft und die Aufnahme super lustig gewesen sei – aber niemand mitteilt, ab wann diese Sendung zu sehen sein wird. Das erweckt ein wenig den Eindruck, als ginge die Redaktion von sich aus schon davon aus, dass ohnehin niemand darauf warten wird.

Von Stephan

Stephan ist derzeit Doktorand für Informatik an der Universität Basel. Er hat sowohl Ägyptologie als auch Informatik in München und Basel studiert. In seiner Dissertation wird er diese beiden sehr unterschiedlichen Studienfelder miteinander verbinden. Auch darum wird es auf dieser Webseite gehen - neben vielen anderen Bereichen, die in seinem Leben eine Rolle spielen.

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