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Mindmaps

Liebes Tagebuch!

Bestimmt weißt du, was eine Mindmap ist, oder? Alles fängt mit einem Begriff, einer Idee, einem Gedanken an, den man in die Mitte eines Blattes Papier schreibt. Von hier aus entwickelt sich alles Weitere hoffentlich wie von selbst: neue Ideen, Assoziationen, Schlagwörter werden um den zentralen Kerngedanken herum angeordnet. Anschließend verbindet man diese Begriffe durch Linien, so dass ein hierarchisches Netzwerk aus Überlegungen entsteht. Von den neuen Begriffen aus lässt sich wieder in ganz neue Richtungen denken. Der Kreativität sind so keine Grenzen gesetzt – abgesehen von der Ausdehnung des Papiers natürlich.

Das erste Mal bin ich mit der Technik des Mindmappings zu Schulzeiten in Berührung gekommen. Wohl in dem Versuch, uns mit neuen und alternativen Strukturierungsmethoden vertraut zu machen, wurde uns aufgetragen, Mindmaps zu verschiedenen Themen zu organisieren. Eine Arbeit, die ich damals selten dämlich fand – so viel Schreibarbeit für Dinge, die ich doch sowieso weiß?! Welche Dinge verbinde ich am besten mit welchen? Plötzlich stelle ich fest, hier hätte noch ein Begriff reingepasst, aber da ist gar kein Platz mehr – was jetzt? Von Vorne anfangen?

Exemplarische Mindmap

Du siehst schon, worauf das hinausläuft. Mindmaps haben mich nicht überzeugt. Zu unflexibel, zu unbeherrschbar und aus meiner Sicht vollkommen überflüssig für überschaubare Problemstellungen. Ach, was vermisse ich die Schulzeiten, in denen man sich im schlimmsten Falle mit Schulstoff eines halben Jahres befassen musste? Schon komisch, wie man sich selbst damals manchmal überwältigt fühlte, wo eigentlich doch gar nicht viel von einem verlangt wurde.

Mindmaps und ich? Das wird nichts mehr.

Dachte ich.

Vor einigen Wochen – inzwischen fast schon Monaten – wurde die Idee der Mindmap schlagartig wieder in mein (berufliches) Leben katapultiert. Denn die Bürokollegin arbeitet sehr gerne mit Mindmaps. Und nutzt dafür eine Software, die sie mir glücklicherweise auch gleich weiterempfohlen hat.

Denn was mir gar nicht bewusst war, da ich mich mit Mindmaps seit meinem schulischen Ausflug dorthin nicht weiter befasst hatte: Mittlerweile gibt es selbstverständlich eine Vielzahl von digitalen Lösungen, Mindmaps zu erstellen, zu strukturieren, zu sortieren und zu teilen. Ein absoluter Gamechanger!

Das liegt zum einen an der digitalen Version der Mindmap. Denn plötzlich fallen viele Restriktionen, die mich an der analogen Fassung immer gestört hatten, einfach weg. Wo ein Blatt Papier physikalisch eine Grenze aufbietet, lässt sich die digitale Arbeitsoberfläche bis ins „Unendliche“ ausdehnen. Wo auf dem Papier ein Begriff aufnotiert ist und dort fixiert bleibt, kann ich im Digitalen meine Begriffe munter verschieben, neu verbinden, bearbeiten. Ich kann Bilder und Links, sogar Dateien mit verschiedenen Knotenpunkten in meinem gedanklichen Netzwerk verknüpfen. Die digitale Mindmap erlaubt mir, mit meinen Gedanken zu spielen. Das gefällt mir. Ich bin ein Spielkind. Ich liebe Spiele – und ich liebe Struktur. Perfekt!

Zum anderen bin ich heute älter, leider nicht viel weiser, aber dafür mit größeren Projekten konfrontiert. Eine Dissertation ist ein Forschungsprojekt, das sich nicht nur von einer Schulstunde bis zur nächsten erstreckt. Ein halbes Jahr, das zu Schulzeiten eine Ewigkeit zu sein schien, ist nun schnell vorüber. Aber Gedanken, Inhalte, Verknüpfungen, Verbindungen über drei bis vier Jahre mental aufrecht zu erhalten – es mag Menschen geben, die das können. Ich gehöre nicht mehr dazu. Es hilft sehr, liebes Tagebuch, Gedanken zu externalisieren. Wer wüsste das besser als du?

Selbst zum Einkaufen lassen sich Mindmaps nutzen! (Anmerkung: fiktiver Einkaufszettel)

Ein kleines Tränchen will ich abschließend trotzdem noch verdrücken – denn manchmal sind mir Mindmaps einfach nicht flexibel genug. Die Grundidee einer Mindmap ist hierarchisch. Alle Assoziationen, alle Gedanken sortieren sich rund um einen zentralen Begriff, weitere Gedanken werden diesen äußeren Begriffen wieder untergeordnet, so dass sich längere Pfade vom Kern der Map bis zu den Blättern ganz am Ende entwickeln.

Beispiel für ein Netzwerk aus Begriffen – wirklich hilfreich wird das natürlich erst mit deutlich mehr Knotenpunkten!

Manchmal habe ich aber eher das Bedürfnis, ein Netzwerk aufzubauen, ohne Hierarchie, ohne vorgefertigte Struktur, aber mit der Option, meine Gedankenknoten mit so vielen anderen Gedanken zu verbinden wie ich will. Es ist eine etwas andere Art, Struktur aufzubauen: Im Fokus liegt nicht mehr die Qualität einer Verbindung, also welche Gedanken wo untergeordnet sind. Stattdessen kann es manchmal hilfreich und interessant sein, zu sehen, welche Themenbereiche miteinander verknüpft sind – und in welcher Quantität. Eine Option, die von den meisten Mindmapping-Programmen nicht direkt unterstützt wird und deshalb nur mit Tricks umsetzbar ist.

Um ganz am Ende doch noch eine Empfehlung geben zu können: Derzeit nutze ich SimpleMind, eine Software der niederländischen Firma „ModelMaker Tools – SimpleApps“. Die Nutzeroberfläche ist nicht ganz zeitgemäß, aber übersichtlich und intuitiv zu bedienen. Sobald man die notwendigen Shortcuts auf der Tastatur kennt, lässt sich die Mindmap in ein wahres Produktivitätsmonster verwandeln – Knotenpunkte können mit Checkboxen oder Fortschrittsbalken ergänzt werden und solche, die ein Fälligkeitsdatum tragen, lassen sich sogar in einer „Fälligkeitsliste“ auflisten. Hilfreich, wenn die Map irgendwann sehr unübersichtlich groß geworden ist.

Glücklicherweise lassen sich bei SimpleMind auch Querverbindungen herstellen, also zusätzliche Links zwischen zwei Knoten, die eigentlich nicht direkt durch die hierarchische Map miteinander verbunden wären. Leider zeigt sich an einigen Stellen sehr deutlich, dass diese Option nicht für flächendeckende Netze entwickelt wurde: zum Einen hat SimpleMind einen spannenden Anzeigemodus, der beispielsweise erlaubt, nur einen Knoten und alle untergeordneten Knoten anzuzeigen, während alles andere abgedunkelt wird. Das macht bestimmte Bereiche einer Map sehr viel übersichtlicher. Schwierig, wenn Verbindungen nicht hierarchisch, sondern richtungsfrei gemeint sind, denn manche Beziehungen werden so nicht erfasst und dargestellt. Zudem bricht die Performance der Software ab einer bestimmten Anzahl Knoten und Verbindungen sehr merkbar ein. Und das ganz ohne die Darstellung von Bildern.

Wir merken uns, liebes Tagebuch: so ganz perfekt ist die bunte Welt des Mindmappings immer noch nicht. Aber wenigstens haben wir einen ersten Fuß in der Tür. Und wenn wir irgendwann wieder ganz viel Zeit haben, wer weiß? Vielleicht basteln wir dann einfach selbst an einer Mindmapping-Software.

Von Stephan

Stephan ist derzeit Doktorand für Informatik an der Universität Basel. Er hat sowohl Ägyptologie als auch Informatik in München und Basel studiert. In seiner Dissertation wird er diese beiden sehr unterschiedlichen Studienfelder miteinander verbinden. Auch darum wird es auf dieser Webseite gehen - neben vielen anderen Bereichen, die in seinem Leben eine Rolle spielen.

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