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Next in Fashion

Liebes Tagebuch!

Du weißt so gut wie ich, wie gerne ich bestimmte Castingshows förmlich verschlinge. Vor allem, wenn sie mit einem interessanten Berufszweig oder einer handwerklichen Fertigkeit zusammenhängen. Das schließt nicht nur solch in Verruf gekommene Sendungen wie Germany’s Next Topmodel ein, an dem man sicherlich vieles ganz schlimm und ganz furchtbar finden kann, das aber trotzdem schafft, diesen Teilbereich der Fashionindustrie ins mediale Rampenlicht zu schieben. Vor einigen Jahren gab es auch eine deutsche handwerkliche Variante mit Guido Maria Kretschmer, Geschickt eingefädelt, bei der mehrere Hobbyschneider in Nähaufgaben gegeneinander antreten mussten – nicht minder spannend, wenn auch durch die deutsche Produktion etwas dröge. Kochsendungen sind da übrigens auch total spannend!

Wenn es um Design geht, dann war lange Zeit ebenfalls Heidi Klum unangefochtene Vertreterin der Castingshows, zusammen mit Tim Gunn bei Project Runway. Eine Sendung, die ich zeitweise verfolgt habe, aber nie sonderlich gut fand – vielleicht auch, weil Heidi Klum zwar sicherlich etwas vom Modeln versteht, aber ich beim Zusehen nie den Eindruck hatte, sie verstehe auch viel von Mode. Das ist keineswegs so bösartig gemeint, wie es vielleicht klingt! Natürlich versteht Heidi Klum etwas von Mode. Aber wenn es um Design geht, ganz gleich um in High Fashion oder Prêt-à-porter, dann zählen offensichtlich auch noch ganz andere Dinge, Material, Formen, Strukturen, Linien, klare Konzepte, Konventionen, Brüche mit Konventionen. Mode ist ein bisschen wie bildende Kunst: Auch als Laie kann man ein Bild ganz hübsch finden, aber die wahre Geschichte bleibt dem Unwissenden verborgen. Und Mode ist Kunst.

Worum geht’s?

Bei meiner alltäglichen auditiven Lektüre von Sarah Kuttners und Stefan Niggemeiers Podcast „Das kleine Fernsehballett“ bin ich dann auf „Next in Fashion“ gestoßen, eine schamlose Kopie von Project Runway, die inzwischen auf Netflix zu finden ist. Am Konzept hat sich nichts verändert: mehrere internationale Designer, die meisten von ihnen bereits mit eigenen Brands und Kollektionen, kämpfen um den Titel „Bester Designer“ sowie 250.000$ und die Möglichkeit, ihre Kleidung in einem Onlinestore zu vermarkten, von dem ich noch nie etwas gehört habe. Wird schon ein großes Ding sein.

Die erste erfrischende Änderung, liebes Tagebuch: Heidi Klum ist diesmal nicht mit dabei. Stattdessen wird die Show moderiert von Alexa Chung und Tan France. Von Alexa hatte ich bis dato noch nie gehört, aber offenbar ist sie als Model, Autorin und Presenterin unterwegs. Tan hingegen ist auch auf Netflix bei QueerEye so populär geworden, dass sogar ich ihn erkannt habe, obwohl ich QueerEye nie gesehen habe. Abgesehen davon kommt er wohl selbst ebenfalls aus der Modedesignecke, wenn ich es richtig verstanden habe.

Der Rest der Sendung ist simpel und schlicht erklärt. Jede Folge gibt es ein anderes Thema (Militär, Jeans, Unterwäsche, etc.), zu dem die Designer anfangs in Zweierpaarungen, später einzeln neue Mode entwerfen müssen. Dafür stehen ihnen in der Lagerhalle, in der die Produktion stattfindet, ein Vorrat an Stoffen und Beiwerk zur Verfügung, eigene Arbeitsplätze, die Möglichkeit, sowie die Möglichkeit, selbst Stoffe zu bedrucken, wenn ihnen das Vorhandene nicht gefällt. Für die neuen Designs haben die Teilnehmer jeweils einen vollen und einen halben Tag lang Zeit – doch während des zweiten Tages stehen auch die Models auf dem Plan, die dann eingekleidet, gestyled und instruiert werden wollen. Am Ende des zweiten Tages folgt ein Runway, auf dem die Produktionen präsentiert und anschließend von Alexa, Tan, einer Designerin aus dem Next in Fashion-Team sowie Gastjuroren bewertet werden.

Und wie ist es so?

Im Grunde ist Next in Fashion wirklich einfach nur ein äußerst dreister Klon. Man hat sich nur des ganzen Schickimicki-Gedöns entledigt, das Heidi Klum in ihre Produktionen immer einbauen muss, als würde das jemanden interessieren – dabei braucht eine Fashionshow nicht unbedingt teure Reisen nach Mailand und Paris, Modehauptstädte hin oder her. Eine Stoffschere schneidet in New York nicht anders als in Bejing. Der Fokus liegt bei der Netflix-Produktion also erfreulicherweise mehr auf den Designern.

Die Designer sind sehr unterschiedlich gecastet, und obwohl es zu Beginn ganze 18 von ihnen gibt, gelingt es den Showmachern, den meisten gleich zu Beginn viel Leben einzuhauchen. Da ist etwa Angelo, der Exilitaliener, der sich gerne im hautengen Leopardenlook auf der Interviewcouch räkelt und mehrfach betont, dass er aus einem italienischen Dorf kommt, von dem noch nie irgendwer gehört hat. Oder Ashton, der mit all seinen Tattoos und seinem Outfit eher bedrohlich daher kommt, in Wirklichkeit aber ein ziemlicher Softie mit einem Hang zur Natur ist. Was mir ganz grundsätzlich auffiel: Dafür, dass die TeilnehmerInnen alle ModedesignerInnen sind, laufen sie ziemlich merkwürdig gekleidet durch die Welt. Aber vielleicht muss das so sein.

Erfrischend, weil einfach realistisch: Nicht in allen Paarungen klappt es von Beginn an perfekt. Manche kennen sich schon seit Jahrzehnten und arbeiten sogar zusammen, andere prallen aufeinander und sich nicht in der Lage, gemeinsam ein Konzept zu entwerfen. Das gibt mir als Zuschauer zu Beginn der Show, wenn ich die Leute noch nicht so gut kenne, wenigstens einen Anhaltspunkt, die Arbeit ebenfalls zu bewerten.

Was mir auch sehr gut gefällt: Es gibt hier nicht nur female models. Ganz oft müssen die Designer einen Entwurf jeweils für eine Frauen- und ein Herrenmodel anfertigen, so dass endlich (!) auch einmal mehr Fokus auf moderne Herrenmode gelegt wird. Und obwohl die Models, ganz gleich ob weiblich oder männlich, durch die Bank herausragend gut aussehen, steht das bei Next in Fashion niemals im Zentrum, was mir ebenfalls sehr gut gefällt. Schließlich geht es hier um die Mode!

Ich weiß gar nicht, was ich sonst noch erzählen sollte, was mir gut gefällt, denn gefühlt gehört das Meiste ohnehin zum Standard der Castingshows. Es fällt mir also viel leichter, im Folgenden auf Dinge zu verweisen, die ich nicht so gelungen finde.

Fangen wir mit einem Grundproblem an, das mich mit Modesendungen verbindet: Ich habe keine Ahnung von Modedesign oder vom Schneidern. Für mich wäre es also durchaus spannend, mehr über die handwerklichen Kniffe und Überlegungen zu erfahren. Nicht, dass ich jedem Designer dabei zusehen möchte, wie er oder sie einen Faden in die Nähmaschine fädelt. Aber zur Bewertung einer Arbeit gehört sicherlich auch, wie kompliziert bestimmte Materialien zu verarbeiten sind, wo da die Tücken liegen, etwa beim Bügeln oder im Zusammenspiel mit anderen Werkstoffen. Bei Next in Fashion gelingt das alles auf magische Art und Weise: Nicht nur setzen die Designer in Rekordzeit tolle Entwürfe um, die Nähte machen sich alle scheinbar auch wie von Geisterhand. Würden die KandidatInnen nicht gelegentlich jammern, wie wenig Zeit sie noch haben, man würde die Arbeit, die in den Klamotten steckt, gar nicht bemerken.

Ähnliches gilt für den Designprozess. Schön, dass man einen Blick in das Zeichenbuch der jeweiligen Teilnehmer erhält und somit einen Ausblick auf das, was im Laufe der Sendung kreiert werden soll. Aber manchmal fände ich einige Erläuterungen auch ganz nett. Was macht ein bestimmtes Kleidungsstück aus? Was sind die Besonderheiten in genau diesem Design? Wo ist die klare Linie in diesem Werkstück, was hat der Designer sich dabei gedacht? Wohin soll das farbliche Konzept führen? Manchmal habe ich das Gefühl, dass mir viele so ganz basale Informationen fehlen, um nicht nur einen Bezug zu den TeilnehmerInnen, sondern auch zu ihren Machwerken zu bekommen. Denn die wirken ansonsten bisweilen etwas zu abgehoben und entrückt. Im späteren Verlauf der Sendung, wenn nicht mehr so viele KandidatInnen gleichzeitig zu zeigen sind, wird das allerdings etwas besser, das muss ich zugeben.

Manchmal ist mir auch nicht ganz klar, worauf die Show ihren Fokus legt. Modedesigner sind üblicherweise – Verzeihung! – keine Personen, die im Rampenlicht wahnsinnig viel „Ooooh!“ auslösen. Sie glänzen ja weniger durch eigene Optik, sondern mehr durch die Kleider, die sie entwerfen. Aber ausgerechnet die fertigen Kleidungsstücke werden auf dem Runway nur äußerst dürftig in Szene gesetzt. Die Models schleichen sich auf die Bühne, in der Entfernung noch kaum zu erkennen. Während des Walks wechselt gefühlt jede Sekunde die Kameraeinstellung, plötzlich wird das Model ganz ausgeblendet und wir sehen die Juroren, die sich über die Kleidung unterhalten. Was soll das denn? Wieso können wir uns nicht einfach den ganzen Walk in aller Ruhe anschauen und den Blick auf dem Model halten, während uns Stimmen aus dem Off erklären, was daran gut oder schlecht ist? Wieso muss ich alle zwei Sekunden die Perspektive wechseln, wenn ich so gar nicht in Ruhe beurteilen kann, wie mir das Stück gefällt? Ich würde mir eher wünschen, dass es einen Splitscreen gibt, der das Model aus zwei oder drei verschiedenen Perspektiven zeigt, aber dafür über den ganzen Walk hinweg. Denn es zählt doch nicht nur, wie die Mode am Model aussieht – sondern auch, wie es sich in der Bewegung verhält! Ausgerechnet der Hauptdarsteller der Show, die Mode, wird bei der Präsentation also vollkommen übergangen. Absurd.

Dafür gibt man sich viel Mühe dabei, zu erklären, warum bestimmte Looks nicht gehen und andere hingegen schon. Wenn etwa Tommy Hilfiger erklärt, dass es wichtig sei, als Designer einen Schritt weiter zu denken und Neues zu entwerfen, dann leuchtet mir das ein. Und wenn eine Designikone wie er anmerkt, dass er bestimmte Elemente bereits aus anderen Kollektionen kennt, dann akzeptiere ich das so und kann Entscheidungen nachvollziehen. Überhaupt gefällt mir das wiederum ganz gut an Next in Fashion – die Juroren sind sehr transparent, was ihre Vorlieben und Abneigungen angeht. Anders als bei Heidi Klum, die ihre Zuneigung manchmal eher nach Potential für die Showquote zu vergeben scheint, liegt der Fokus hier wirklich mehr auf den entstandenen Resultaten. Was Sinn ergibt, denn die dahinter stehenden Designerinnen eignen sich nicht für prätentiöses Rumgezicke.

Links die beiden Moderatoren der Show, Alexa Chung und Tan France

Was mich hingegen so gar nicht packt, liebes Tagebuch, sind die beiden Moderatoren der Show. Das fängt bereits beim Kleidungsstil an. Ich finde es faszinierend, wie furchtbar Alexa und Tan aussehen können – mindestens zweimal pro Folge wechseln sie ihre Kleidung und sehen dabei nicht selten einfach nur schrecklich aus. Ganz besonders gilt das für Tan, der auf diese Weise wohl einen ganz besonderen eigenen Look zu kreieren versucht. Wenn man gerade Tan dann auch noch häufiger dabei zusehen muss, wie er die eigene relativ langweilige Haartracht im Spiegel zurecht macht, kommen Zweifel an der grundsätzlichen Eignung zu einer solchen Show auf. Aber – Mode ist Geschmackssache, und dass ich keine Ahnung von Mode habe, das wissen wir beide.

Allerdings kommt dazu, dass ich beiden nicht abkaufe, tiefer gehende Ahnung von der Modebranche zu haben. Nicht, dass ich selbst große Ahnung hätte! Aber auf mich wirken die beiden dann eben doch wie zwei Moderatoren, die einfach nur vorgeschriebene Texte und Ideen präsentieren. Mit ihrem Moderationsstil könnten sie gleichermaßen durch eine Kochsendung führen und man wäre ähnlich gut unterhalten. Das ist schade, hier wird Potential verschenkt.

Alexa erklärt uns, was man alles in aufgekrempelten Hosenbeinen verstecken kann…

Ähnliches gilt für die Rubrik „Alexa’s tricks“ oder „Tan’s tips„, mit denen die zwei Moderatoren zwischen Tag 1 und 2 der jeweiligen Folge Modetipps unter das Volk bringen. Das alles in einem etwas kindlichen Humor, der bei mir so absolut nicht verfängt, und mit etwas absurden Ratschlägen, etwa: Wenn man einen Einteiler trägt und nicht wie ein Pilot aussehen möchte, dann krempelt man unten die Hose ein und macht bisschen was am Kragen. Oder man wird Pilot. Hahaha. An anderer Stelle erklärt uns Tan, dass ein Anzug gar nicht teuer sein muss – man muss sich nur sehr gut mit dem Schneider seiner Wahl verstehen! Wenn das mal nicht hilfreich ist…

Ein Design zum Thema „Military“

Mein letzter Kritikpunkt ist einer, den ich vor allem mit mir selbst ausmachen muss: Ich verstehe die Entscheidungen manchmal nicht. Besonders deutlich ist mir das in der Folge „Militär“ aufgefallen. Was hier von Moderatoren und Designern als „incredible take on military style“ mit klaren Formen in den Himmel gelobt wurde (siehe Abbildung), sah für mich aus wie ein unförmiger und schlecht sitzender goldener Schlafsack. Ausgerechnet das Sendungskonzept „Militär“ vermochte ich hier aber nicht zu lesen. Leider bleiben die Begründungen der Juroren hier auch oft vage, ganz nach dem Motto, wer begreifen will, was wir hier toll finden, muss sich schon selber auskennen. Nun, am Geschmack scheiden sich bekanntermaßen die Geister, und dass jemand wie ich, der von Mode gar keine Ahnung hat, high fashion nicht angemessen beurteilen kann, versteht sich von selbst.

Insgesamt, liebes Tagebuch, ist Next in Fashion sicherlich nicht die große neue Entdeckung am Castingshowhimmel. Es macht einige Dinge ganz gut, andere Dinge leider ähnlich falsch wie die Konkurrenten, und es fehlt das Alleinstellungsmerkmal. Ich bin gespannt, wie es sich in weiteren Staffeln (bislang gibt es nur eine) verhalten wird, ob man neue Elemente einbaut und ein paar Wagnisse eingehen wird. Wir werden es auf alle Fälle sehen!

Kandidat Daniel Fletcher – natürlich aus London, woher sonst?

PS: Aber wie cute ist Daniel Fletcher bitte? Tschuldigung. Mein Brit-Detector hat wieder angeschlagen. Ich lasse mich selbst raus, ja?

Von Stephan

Stephan ist derzeit Doktorand für Informatik an der Universität Basel. Er hat sowohl Ägyptologie als auch Informatik in München und Basel studiert. In seiner Dissertation wird er diese beiden sehr unterschiedlichen Studienfelder miteinander verbinden. Auch darum wird es auf dieser Webseite gehen - neben vielen anderen Bereichen, die in seinem Leben eine Rolle spielen.

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