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The Cabin in the Woods

Vorbemerkung: Dieser Beitrag enthält SPOILER. Wer den Film „The Cabin in the Woods“ (2011) noch nicht gesehen hat und gerne unvorbereitet an Filme herangeht, der ist an dieser Stelle gewarnt.

Ein Hütterl im Walde

Liebes Tagebuch!

Du kennst bestimmt diese Nächte, in denen man sich schlaflos von links nach rechts wälzt, in Gedanken an Gott und die Welt, und einfach den Weg ins Reich der Träume nicht findet. Was macht man folgerichtig, wenn Schäfchenzählen und Milch mit Honig nicht funktionieren? Richtig: Man sucht sich auf Netflix einen Horrorfilm. So bin ich gestern Nacht über „The Cabin in the Woods“ gestolpert. Lass mich dir ein bisschen davon erzählen.

Worum gehts?

Die Geschichte ist ein klassischer Horrorplot: fünf einander mehr oder weniger bekannte junge Menschen beschließen, gemeinsam ein Wochenende in den Bergen zu verbringen, weil sie dort eine lässige kleine Waldhütte nutzen dürfen. Die Charaktere könnten klassischer nicht sein:

  • Dana, eine intelligente, strebsame und wohl auch etwas schüchterne, vorsichtige Frau, die beziehungstechnisch gerade von einem ihrer Professoren per Mail abserviert wurde;
  • Jules, eine Freundin, die sich frisch die Haare blondiert hat;
  • Curt, ein athletischer Collegestudent und Boyfriend von Jules;
  • Holden, ein Kumpel von Curt, den dieser mit Dana verkuppeln will – gutaussehend, klug, kann man machen;
  • und Marty, ein zugekiffter Typ, der die Realität das letzte Mal wohl vor sehr langer Zeit gesehen hat.

Im Grunde ist die Handlung nichts Neues: Die Fünf fahren in einem Wohnmobil zu besagter Hütte, richten sich dort ein und werden, je weiter es gen Abend geht, betrunkener und lässiger im Umgang miteinander.

Im Hintergrund beobachten Produzenten das Geschehen in der Hütte

Außergewöhnlich hingegen ist: Sie werden die ganze Zeit aus einer unterirdischen Bunkeranlage beobachtet. Dort sitzen zwei archetypische weiße alte Männer an einem gigantischen Schaltpult mit vielen Druck- und Drehreglern, um die Handlung nach ihren Vorstellungen zu beeinflussen. Denn die fünf Protagonisten sind, ohne es zu wissen, auch im Film Hauptdarsteller einer Horror-Reality-Show, und das ganze Setting mit der Waldhütte ist in Wirklichkeit ein verkabeltes und mit Kameras gespicktes Set. Sehr futuristisch übrigens, inklusive einer unsichtbaren Energiebarriere, die das Tal umgibt.

Dana liest aus einem alten Tagebuch vor

Der Spaß beginnt, als die fünf „Freunde“ in den Keller gelockt werden, ein kleines Auswahlspiel: je nachdem, mit welchem der dort befindlichen Gegenstände die Hausgäste als erstes interagieren, wird ein anderes Schrecken in der Nacht auf sie losgelassen, um sie zu töten. Das Rennen macht ein Tagebuch, aus dem Dana lateinische Worte rezitiert und somit im angrenzenden Wald eine Zombiefamilie zum Leben erweckt.

Nachfolgend werden die Collegestudenten der Reihe nach brutal Opfer der untoten Besucher: Jules wird beim Liebesspiel mit Curt im Wald erwischt. Marty wird aus dem Verkehr gezogen, als er durch einen Zwischenfall den Showcharakter des Settings erkennt. Besonders schön ist der tragische Tod von Curt, der die einzige Hoffnung auf Hilfe in einem heroischen Stunt über die Schlucht sieht, die das Tal umgibt. Mit dem Motorrad brettert er auf die Sprungschanze zu, fliegt durch die Luft – und zerschellt an der unsichtbaren Barriere. Gänzlich unspektakulär wird Holden dagegen von einem Zombie beim Autofahren aufgespießt.

Während das Grauen seinen Lauf nimmt, wird langsam klar, warum all das geschieht: Offenbar finden zur gleichen Zeit in mehreren Ländern vergleichbare Shows statt. Jede einzelne Show ist ein Ritual, dazu geeignet, die Alten Götter zu besänftigen, die unter der Erde ruhen und ansonsten drohen, die Menschheit zu vernichten. Jedes Land hat sein eigenes Ritual – doch dummerweise sind alle anderen fehlgeschlagen, inklusive der Variante in Japan, in der das bösartige Monster von neunjährigen Schulmädchen gebannt wurde. Es bleibt also nur noch der amerikanische Weg: Die Opferung von fünf typisch amerikanischen jungen Menschen. Eine Hure, ein Athlet, ein Streber, ein Verrückter und eine Jungfrau. Es ist nicht gänzlich schwer, die verschiedenen Charaktere auf ihre Rollen zuzuordnen. Nicht ganz unwesentlich ist hier auch die Reihenfolge der Tode: Die Hure muss zuerst getötet werden, die Jungfrau zuletzt, wobei sie nötigenfalls sogar überleben darf.

Der vermeintlich schon geglückte Plan scheitert, als klar wird, dass Marty gar nicht getötet wurde, der Verrückte ist also noch im Spiel. Und noch schlimmer: Per Zufall hat er einen Fahrstuhl gefunden, durch den vermutlich zuvor die Zombies in das Waldstück gebracht wurden. Zusammen mit Dana reist er also unter die Erde in die Produktionsanlage, wo die beiden zahllosen Monstern begegnen, die ihrerseits in Fahrstühlen darauf warten, eingesetzt zu werden. Unter Tage will die Sendeanstalt mit einem bewaffneten Trupp das Problem ein für alle Mal beseitigen – als Dana und Marty einfach alle Fahrstühle öffnen und somit alle Monster gleichzeitig auf die Bunkeranlage loslassen. Ab hier ist Rot die dominierende Farbe und sind Gedärme das bevorzugte Dekorationselement.

Lauter kleine Fahrstühle – in jedem wartet ein ganz besonderes höllisches Monster für die weltweiten Rituale

Der Film endet mit einer sehr grundlegenden Entscheidung – die Direktorin, die ganz zum Schluss erst auftaucht, verlangt von Dana, Marty zu töten, um auf diese Weise das Ritual erfolgreich zu beenden. Sie entscheidet sich dagegen, teilt sich – schwer angeschlagen durch einen Werwolfbiss – noch eine letzte Zigarette mit Marty, ehe eine riesige lavaartige Hand quer durch die Bunkeranlage bricht und die Hütte zerstört, sich dann auf die Welt niedersenkt. Das Ritual ist gescheitert.

Wer spielt mit?

  • Dana: Kristen Connolly
  • Jules: Anna Hutchinson
  • Curt: Chris Hemsworth
  • Holden: Jesse Williams
  • Marty: Fran Kranz
  • Steve Hadley (komischer alter weißer Mann 1): Bradley Whitford
  • Gary Sitters (komischer alter weißer Mann 2): Richard Jenkins

Und natürlich noch viele weitere, die aber insgesamt gesehen keine große Rolle spielen.

Und – wie wars?

The Cabin in the Woods“ ist eine interessante Mischung ganz unterschiedlicher Genres. Vielleicht will der Film aber auch ein bisschen zu viel. Mehrere Male wird im Laufe der Handlung versucht, einen kompletten Twist einzubauen: was als klassisches Horrormovie beginnt, verwandelt sich erst in eine Mysterysendung (was hat es mit dieser Energiebarriere auf sich?), anschließend in eine Komödie, gefolgt von einer kritischen Außensicht auf das Fernsehen und einen allumschließenden apokalyptischen satanischen Plot. Das macht einerseits einen gewissen Reiz aus. Andererseits lässt es mich etwas unbefriedigt zurück, weil ich mich vom Film manchmal stehen gelassen fühlte und mich erst wieder komplett neu auf die veränderten Rahmenbedingungen einstellen musste.

Als „der Athlet“ legt Chris Hemsworth den Rugbyball natürlich nicht aus der Hand

Schauspielerisch darf man hier vermutlich nicht allzu viel erwarten – die fünf Protagonisten sind schließlich schon als Charaktere als absolute Archetypen angelegt. Und die werden bestens erfüllt. Wo ich mir am Anfang noch dachte, wie platt und absolut brainless Chris Hemsworth diesen athletischen Kotzbrocken Curt spielt, wurde mir später natürlich klar, dass genau das gefordert war. Ansonsten bleibt er aber eher unspektakulär. Anna Hutchinson portraitiert wunderbar die schon viel zu oft gesehene dumme Blondine, die sich nur als Accessoire ihres nicht minder bescheuerten Freundes sieht. Kristen Connolly schafft es, als Identifikationsfigur zu dienen und die Sympathien des Zuschauers (wenigstens meine) auf sich zu vereinen, ohne sonst große Tiefe in den Charakter zu graben.

Marty gehört für mich zu der Kategorie Charaktere, die ich nicht sehr angenehm finde – insofern war ich fast schon unangenehm enttäuscht, als dieser verlotterte Typ aus dem zugekifften Auto stieg. Es ergibt auch nicht allzu viel Sinn, dass ausgerechnet der von Drogen zugedröhnte Dauerkiffer den größten Durchblick in der Gruppe hat. Filmisch wird das dadurch erklärt, dass er offenbar mit seinen Drogen sämtliche Rezeptoren weggeballert hat – und somit auf die Pheromone der Horrorproduktion nicht mehr reagiert. Aber wieso kommt er unten im Keller auf die Idee, einfach alles stehen und liegen zu lassen und nach oben zu gehen? Weshalb schließt er nur aus dem Fund einer versteckten Kamera bereits auf das gesamte Konzept einer Fernsehproduktion? Wäre es nicht nahe liegender gewesen, den Cousin von Curt (dem die Hütte vermeintlich gehörte) für einen sehr perversen Mann zu halten? Aber in einer Komödie sollte man nicht zu viel logische Konsequenz vermuten.

Dana erhascht durch den Spiegel einen Blick auf Holden

Etwas zwiegespalten bin ich mit Jesse Williams als Holden. Selbiger soll laut Ritualvorgabe die Rolle des Schlaumeiers besetzen. Dafür spricht aber äußerst wenig – er trägt im romantischen Stelldichein mit Dana plötzlich eine Brille, that’s it. Dem gegenüber stehen einige Szenen, mit denen er locker auch als Athlet hätte durchgehen können. Etwa gleich zu Beginn der tolle Fang des Balles, den Curt versehentlich aus dem Fenster wirft. Und dann ist da natürlich die Spiegelszene: In der Hütte findet Holden in seinem Zimmer hinter einem grässlichen Wandgemälde einen einseitigen Spiegel, der ihm einen Blick auf die nebenan wohnende Dana gewährt, die davon nichts ahnt. Sie zieht sich aus, er beobachtet das Geschehen hin und her gerissen – warnt sie dann jedoch. Ganz der Gentleman bietet er ihr einen Raumtausch an. Was dazu führt, dass Dana, ehe sie das Gemälde wieder aufhängen kann, noch einen wunderbaren Blick auf den durchtrainierten Körper Holdens werfen kann. Dagegen wirkte Curt doch eher schmächtig. Persönlich wäre ich aber gut damit klar gekommen, wenn sie das Bild nicht wieder über den Spiegel gehängt hätte.

Es gibt leider auch viele Elemente in „The Cabin in the Woods“, die irgendwann einmal eingeführt werden, dann aber keine größere Bedeutung mehr haben. Wozu braucht es den Tankstop inklusive gruseligem alten Mann, der den Fünfen zu Beginn des Filmes den Weg weist? Er ruft später zwar noch einmal im Bunker an und redet sehr merkwürdiges Zeug über den Lautsprecher, fügt der Handlung aber schlicht nichts hinzu. Wieso wird die neue Haarfarbe von Jules so betont? Insbesondere, da ihr abgetrennter Kopf später dunkle Haare trägt – was entgegen meiner Annahme jedoch offenbar keine Bewandtnis hat. Weshalb wird anfangs betont, dass Dana eine Beziehung zu ihrem Professor hatte, von diesem aber per Email abserviert wurde? Das bringt später sogar die Produktionsgesellschaft in Erklärungsnot, denn als Jungfrau kann man sie so ja kaum noch deklarieren.

Dass umgekehrt viele Zusammenhänge am Ende des Films gar nicht mehr erklärt werden, muss man wohl akzeptieren – spätestens ab der Reise in den Untergrund mittels Fahrstuhl verliert „The Cabin in the Woods“ endgültig die innere Kohärenz, verwandelt sich stattdessen in eine schrille, panische Pseudosplatter-Komödie, in der es eigentlich nur noch darum geht, möglichst viele Monster auf möglichst viele Soldaten und Mitarbeiter zu schicken, um möglichst viel Blut im Set verteilen zu können. Doch wie kommt es überhaupt, dass Alte Götter unter der Erde ruhen? Dass diese Götter ausgerechnet durch Fernsehproduktionen besänftigt werden? Wieso müssen es für das amerikanische Ritual immer junge Menschen sein? Warum spielt die Reihenfolge in diesem Ritual eine so essenzielle Rolle? Weshalb darf die Jungfrau am Ende entkommen? Wieso fällt niemandem auf, dass jedes Jahr eine Horrorshow im Wald gedreht wird und die Hauptdarsteller hinterher nicht mehr auftauchen?

Wie gesagt, ich würde bei diesem Film auch gar nicht auf eine Erklärung für all die Absonderlichkeiten hoffen, es handelt sich um eine Komödie und somit auch um eine inhaltliche Übertreibung der obligatorischen Handlungsmuster. Es ist trotzdem beeindruckend, wie tief der Handlungsbogen selbst in solchen Produktionen noch sinken kann.

Es gäbe sicherlich noch vieles über diverse Detailszenen zu sagen, ich möchte es hierbei aber belassen. Aller genannten Kritik zum Trotz fand ich den Film sehr unterhaltsam – er hat mir genau das geboten, wonach ich gesucht hatte: einerseits eine Spur Horror, die andererseits aber garniert wurde mit Komödie und einer absurden Zusatzhandlung, die den Horroreffekt wieder kaschiert. Chris Hemsworth und vor allem Jesse Williams runden das Paket optisch noch ab.

Wenn du mich also fragst, liebes Tagebuch, ob ich mir den Film noch einmal anschauen würde? Möglich. Vielleicht nicht in absehbarer Zeit. Aber unterhaltsam war er.

Von Stephan

Stephan ist derzeit Doktorand für Informatik an der Universität Basel. Er hat sowohl Ägyptologie als auch Informatik in München und Basel studiert. In seiner Dissertation wird er diese beiden sehr unterschiedlichen Studienfelder miteinander verbinden. Auch darum wird es auf dieser Webseite gehen - neben vielen anderen Bereichen, die in seinem Leben eine Rolle spielen.

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