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Vom Klassen“streber“ im Corona-Zimmer

Auf bazonline habe ich heute eine interessante Leserfrage erspechtet. Schon überschrieben mit der provokanten Aussage „Warum sind wir so gehorsam?“ war an dieser Stelle natürlich bereits klar, in welche grundsätzliche Richtung die Leserin vorstoßen wollte. Und genau so liest sich anschließend auch der Text:

Die Corona-Verhaltensregeln wie Händewaschen, Abstandhalten und Masketragen sind wichtig und gut. Die meisten Senioren verstehen allerdings in vorauseilendem Gehorsam die Empfehlungen des BAG als Anordnungen und befolgen diese aufs Genaueste. Ich kenne eine ältere Frau, die es nicht einmal wagt, spazieren zu gehen. «Bleiben Sie zu Hause» nimmt sie wörtlich. Im Gegensatz dazu wird eine 69-Jährige, die selber einkaufen geht, von ihrer Kollegin als verantwortungslos bezeichnet. Warum sind viele derart obrigkeitsgläubig? G.S.

G.S., bazonline, „Warum sind wir so gehorsam?“, zuletzt abgerufen am 06.05.2020

Nun gehört diese „Frage“, die ja eigentlich keine ist, noch zu den netter formulierten Fassungen, was an ihrer Grundintention natürlich keinesfalls etwas ändert. Denn schließlich handelt es sich bei diesem Text von G.S. nicht um ein inhaltliches Unverständnis, also beispielsweise ein kontextuelles Problem mit virologischen Zahlen oder auch der Suche nach einem Ratschlag mit einer bestimmten Situation durch einen Psychologen, wie man das in manch anderen Tageszeitungen gerne findet. Stattdessen wird hier eine Theorie aufgestellt („Das BAG (Bundesamt für Gesundheit) hat nur Empfehlungen ausgegeben, aber viele halten sich sklavisch daran“) und mit einer nachgeschobenen Frage getarnt, obwohl diese derart suggestiv ist, dass sie eigentlich nur das Gesagte noch einmal unterstreichen soll.

Inhaltlich würde ich übrigens erwidern, dass man in der Schweiz glücklicherweise recht frei ist im Verlassen des eigenen Anwesens. Weder wird man auf der Straße von PolizistInnen angehalten noch muss man ständig Nachweispapiere mit sich führen, dass man sich auf einem sinnhaften Weg außerhalb der eigenen vier Wände befindet. Wer möchte, der darf spazieren, einkaufen, meines Wissens ist nicht einmal das Lesen eines Buches auf einer Parkbank verboten.

Da es sich größtenteils also wirklich um Empfehlungen des BAG handelt, das eigenem Bekunden zufolge ja auch ganz bewusst nur mit Empfehlungen und also nicht mit Anordnungen hantiert, um den BürgerInnen eine gewisse Selbstverantwortung zu lassen, ist es eben genau die Pflicht der BürgerInnen, dieser Verantwortung auch gewahr zu sein und gerecht zu werden. In der Frage ist von SeniorInnen die Rede, also von Personen, die gemeinhin als Hochrisikogruppe klassifiziert werden, da bei ihnen die Erkrankung in häufigerem Maße schwere Verläufe zeigt und tödlich endet. Folgt man nicht den etwas menschenverachtenden Vorstellungen wie beispielsweise der von Boris Palmer, dass Senioren ja vermutlich ohne bald stürben und es demnach besser sei, die eigenen Ressourcen anders zu bündeln, so muss man konstatieren: Genau diese Gruppe sollte sich, wenn sie es mit dem Überleben ernst meint, besonders gut überlegen, ob diese Empfehlungen nicht sinnvoll für sie sind.

Das ist in einer liberalen Demokratie natürlich bis zu einem gewissen Grad auch eine Frage der eigenen Einschätzung. Und diese Freiheit haben wir. Ich habe sowohl die Freiheit, mich wortwörtlich an die Aufforderung „stay at home“ zu halten, als auch die Freiheit, täglich dreimal einkaufen zu gehen. Mit allen daraus entstehenden Konsequenzen: einer möglichen eigenen Erkrankung oder der Ansteckung anderer Menschen, aber auch der eigenen sozialen Isolation und somit eines deutlich beschwerlicheren Lebens. Mir scheint hier die wichtige Botschaft, dass man als verantwortliche BürgerIn zwar Risiko und Maßnahmen abwägen muss – das, was den meisten dabei aber besonders schwer zu fallen scheint, ist, dass in diese Risikobewertung nicht nur die eigene Lage, sondern auch die Gemeinschaft der MitbürgerInnen einfließen muss. Ein Wert oder Faktor, der in diesen heutigen Zeiten immer weniger Bedeutung für den Einzelnen trägt.

Jedenfalls erscheint es mir ob dieser Überlegungen obskur, wenn die Fragestellerin hier grundlos zwei Beispiele herausgreift, seien sie real oder nicht, und ihre beiderfalls korrekten Handlungsweisen bewertend in den Raum stellt. Es steht G.S. gar nicht zu, von irgendjemandem zu verlangen, sich nicht an die BAG-Empfehlungen zu halten. Infolgedessen darf man die ganze Frage wohl als das lesen, was sie ist – eine Provokation.

Über diesen Diskurs hinaus fand ich aber auch die Antwort des Psychoanalytikers Peter Schneider ganz interessant, der in weitaus weniger Worten letztlich zur gleichen Einschätzung gelangt wie ich: Es handelt sich um eine individuelle Abwägung, aus der man keinen zusätzlichen Diskurs zu Obrigkeitshörigkeit konstruieren sollte. Vor allem aber vergleicht er die Gesellschaft in dieser bislang (zu unseren Lebzeiten) noch nie dagewesenen Situation mit einem Klassenzimmer. Er schreibt:

Wie in einer neu zusammengekommenen Schulklasse haben sich mit der Zeit verschiedene Grüppchen gebildet: Meistens gibt es eine grosse Gruppe von Unauffälligen, sie sind weder besonders brav noch besonders folgsam – sondern einfach in jeder Hinsicht «normal». Dann gibt es ein paar Streber; ein paar Brave; ein paar besonders Unterwürfige, die noch braver sind, als es die Polizei erlaubt; es gibt einen Klassenclown und zwei bis drei «rebels without a cause».

Peter Schneider, bazonline, „Warum sind wir so gehorsam?“, zuletzt abgerufen am 06.05.2020

Das weckt Erinnerungen an meine eigene Gymnasialzeit, die inzwischen zu meinem eigenen Schrecken doch schon länger zurück liegt (Abschlussjahr 2007), als ich das manchmal vergegenwärtige. Ich erkenne nicht all die Rollen wieder, die Peter Schneider hier aufzählt – ich kann mich beispielsweise nicht an irgendjemanden erinnern, den ich nachträglich als „unterwürfig“ einsortieren würde, und sieht man von bisweiligen Pubertätsanfällen ab, so hielten sich auch die „rebels without a cause“ in Grenzen. Aber ich kann schlecht von meiner eigenen Erfahrung aus einer recht kleinen Klasse (lediglich 20 SchülerInnen) auf den Lebensalltag von LehrerInnen in der gesamten Bundesrepublik schließen. Trotzdem finde ich es äußerst spannend, gerade dieses allseits bekannte Muster sozialen Verhaltens in Gruppen zu erinnern und auf die gegenwärtige gesellschaftliche Lage zu übertragen.

Vielleicht gehe ich nun doch mit etwas anderen Augen durch die Straßen oder sehe auch meine Nachbarn in einem neuen Licht. Wie all diese Menschen wohl damals zu ihren Schulzeiten waren? Ob sich mein neuer „Lieblingsnachbar“, der so gerne am Fenster sitzt, raucht und schräge deutsche Schlagermusik in den Hinterhof gröhlt, auch zu Schulzeiten schon ähnlich verhalten hat? Oder wie sind nun wohl die, die Peter Schneider oben als „Unterwürfige“ bezeichnet hat – ob sie immer noch so sind? Wie gehen solche Menschen mit einer solchen Krise, und natürlich auch mit solchen Empfehlungen oder Anordnungen um? Es ist ein spannendes Bild.

Abschließend bleibe ich bei meinem eigenen Resümee zur Eingangsfrage: Wie „sklavisch“ man sich an Empfehlungen hält, ist eine individuelle Erwägung, die ganz gewiss vom eigenen Verständnis der Gesamtlage, der eigenen Risikobereitschaft und den individuellen Umgebungsfaktoren abhängt. Das ist aber keine Frage von Obrigkeitshörigkeit. Die Maßnahmen werden von einem breiten Teil der Gesellschaft getragen, weil diese Menschen sich die Argumente dafür anhören (d.h. Zahlen und Fakten zur aktuellen Virusverbreitung, Auswirkungen des Virus, aktuelle Forschung, Wirksamkeitsbewertungen zu hygienischen Maßnahmen) und daraus offensichtlich ableiten, dass es weiterhin nachvollziehbar und vertretbar ist, die eigenen Freiheiten temporär zugunsten der Gesamtgesundheit (die die eigene mit einschließt) einzuschränken.

Man darf wohl mit Sicherheit davon ausgehen, dass all diese Maßnahmen – Verordnung von Homeoffice, Kontaktsperren, Grenzsperrungen, Maskenpflicht, Abstandsregelungen, Verbote von Veranstaltungen, Schließungen von Betrieben etc. – keine Aussicht auf Erfolg mehr hätten, wenn die Bevölkerung in der Mehrheit sie nicht mehr ebenfalls für sinnvoll erachtete.

Von Stephan

Stephan ist derzeit Doktorand für Informatik an der Universität Basel. Er hat sowohl Ägyptologie als auch Informatik in München und Basel studiert. In seiner Dissertation wird er diese beiden sehr unterschiedlichen Studienfelder miteinander verbinden. Auch darum wird es auf dieser Webseite gehen - neben vielen anderen Bereichen, die in seinem Leben eine Rolle spielen.

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