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Covid-19 – zwischen digitaler Revolution und Polizeistaat?

Ich schicke es gleich einmal voraus: Nein, ich befürchte in der aktuellen Lage nicht, dass sich Länder wie Deutschland oder die Schweiz (jene Länder also, die mein Lebensmittelpunkt sind) im Zuge der Pandemie in Unrechts- oder Polizeistaaten verwandeln. Doch manchmal gibt es in Notzeiten Ideen, die zwar gut gedacht sind, aber gleichermaßen Verheerendes mit unserer Gesellschaft anrichten könnten.

Im Rahmen der Lesegruppe unseres Doktoratsprogramms haben wir uns heute mit einem kurzen Artikel aus der New York Times („European Experts Ready Smartphone Technology to Help Stop Coronavirus“) befasst, der nur beispielhaft für eine Idee steht, die derzeit in Europa groß diskutiert wird. Denn die Politik steht vor einem schwierigen Dilemma: Wie kann man einerseits das Virus so gut wie möglich eindämmen, gleichzeitig aber die Ausgangssperren aufheben und somit die Wirtschaft wieder in Gang bekommen?

„Tracking Systems“ scheinen die Antwort der digitalen Bohème. Das Szenario: Viele Personen laden (freiwillig) eine App auf das eigene Smartphone, die fortlaufend die Position mitverfolgt. Wird eine Person einige Tage später positiv auf Covid-19 getestet, so kann über die Bewegungsprofile aller Nutzer schnell in Erfahrung gebracht werden, mit wem der Kranke in räumlicher Nähe war, wer sich also auch infiziert haben hätte können. Der Nachvollzug einzelner Ansteckungsketten und die individuelle Quarantäne würden so schneller, leichter und effizienter möglich, was wiederum größeren Schutz für die restliche Bevölkerung bedeuten würde.

Die große Sorge: Datenschutz

Doch Moment – Bewegungsprofile? Abgleich von Nutzerdaten untereinander? Da schlagen bei DatenschützerInnen hoffentlich sofort die Alarmglocken. Was das an zusätzlichen Möglichkeiten zur Überwachung und Profilisierung gäbe! Für Werbetreibende und Diktatoren gleichermaßen eine wahre Goldgrube an Informationen.

Es wäre nur ein weiterer Schritt in einem längst stattfindenden Wertehandel. Bislang gebe ich meine persönlichen Daten fortwährend auf sozialen Plattformen ein, um im Gegenzug keinen Cent für die Dienste zahlen zu müssen. Kaufe ich mir zukünftig mit noch umfangreicheren Datenpaketen meine persönlichen Freiheiten zurück? Ist das wirklich gerechtfertigt?

Dazu kommt das Problem der Freiwilligkeit: Dass die Nutzung eines solchen Softwaretrackers nicht einfach von der Regierung verordnet werden kann, dürfte klar sein. Zumindest nicht in Ländern, in denen die Europäischen Datenschutzverordnungen (Stichwort DSGVO) gelten. Doch es sind besondere Zeiten, die Menschen wollen ihr normales Leben zurück. Ich bin sicher, viele sind gerne bereit, sich eine solche Anwendung auf ihr Gerät zu ziehen, nur um die ganze Geschichte Covid-19 so schnell wie möglich vergessen zu können. Ist die Not nur groß genug…

Diskutiert haben wir durchaus auch mögliche Lösungen anonymer Systeme. Was, wenn nur mit temporären Nutzer-IDs gearbeitet würde? Wenn die Kontaktdaten (also: die IDs all der Nutzer, mit denen ich eine räumliche Überschneidung hatte) nur lokal gespeichert würden? Wenn am Ende gar keine IDs genutzt würden, sondern ein Handling allein zwischen zwei Geräten erfolgte, ohne eine überwachende Instanz? Da sind wir jetzt dann natürlich tief in der Topologie von Computernetzwerken, wo man dank dezentraler Systeme vielleicht auch eine brauchbare Anonymität erreichen kann. Doch wie erfolgt anschließend die Benachrichtigung der potentiellen Kontaktpersonen?

Bringt es denn was?

Auch einige Zweifel hinsichtlich des Nutzens solcher Systeme wurden in unserer Gruppe aufgeworfen. Bringt dieses ganze Tracking denn überhaupt noch etwas? Ist die Verbreitung des Virus nicht schon so weit fortgeschritten, dass eine Rückverfolgung von Infektionsketten gar keine Aussicht auf Erfolg mehr hätte? Auch, wenn dies auf digitalem Wege geschieht?

Wie sieht es denn überhaupt mit der Machbarkeit aus? Angenommen, ich arbeite in einem Gebäude mit sechs Stockwerken. Sind anschließend plötzlich alle Personen, die mit mir in diesem Gebäude waren, Kontaktpersonen, die sich in Quarantäne begeben müssen? Selbst, wenn ich im ersten Stock gearbeitet habe und die andere Person im sechsten? GPS-Daten erfassen immerhin nicht meine Höhe.

Dann muss man sich auch fragen: Wie genau verbreitet sich das Virus? Kann es nur durch Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch weitergegeben werden? Wie genau wirkt sich Nähe zwischen Personen aus – geht es nur darum, einen etwaigen Huster zu vermeiden? Überlebt das Virus auf leblosen Kontaktflächen wie Metall? Wie lange? Wie soll ich mit einem Smartphone aufzeichnen, welche Personen die gleichen Gegenstände angefasst haben wie ich?

Einig waren wir uns hingegen, dass es mit einem solchen System garantiert zu vielen false positives kommen würde. Es würde also vermutlich viele Personen geben, die benachrichtigt würden, dass sie mit einem Corona-Positiven („Coronauten“ ;-)) in räumlicher Nähe waren und sich deshalb bitte in Quarantäne begeben mögen, aber eigentlich gar keine Infektion haben. Ebenso einig waren wir uns aber auch, dass in einem gesundheitlichen Szenario ein paar false positives zuviel durchaus verkraftbar sind. Anders gesagt: Lieber gehe ich zwei Wochen gesund in Quarantäne, als übersehen zu werden und damit unter Umständen Risikopersonen anzustecken.

Der Grundtenor in unserer Diskussion blieb dennoch: Eine nette Idee, dieses Tracking, aber vermutlich nicht sehr erfolgversprechend, ganz zu schweigen von den Sicherheitsbedenken. Wobei ich dazu sagen muss, dass hier InformatikerInnen diskutiert haben. So ein Virologe oder Epidemologe würde vielleicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen?

Verhaltensänderung durch Technik?

Mit Blick auf die Anfangszeit der Kontaktsperren kam mir auch noch die Idee, das Problem vielleicht von einer anderen Seite her aufzurollen. Gewiss, die Maßnahmen kamen in Mitteleuropa verhältnismäßig spät, und hätte man früher damit begonnen, Länder abzuschotten, sähe die Lage nun vermutlich deutlich besser aus. Allein – hätte sich Wochen vor dem echten Ausbruch wirklich irgendjemand an ein Gebot gehalten, das Haus nur noch in dringenden Fällen zu verlassen?

Für viele junge Menschen war das selbst nach bereits erfolgter Infektion eines Landes noch kein Thema. Und sogar jene, die eigentlich um die Wichtigkeit der sozialen Maßnahmen (Abstand halten, in die Armbeuge husten, Maske tragen, Gruppierungen meiden) wissen, halten sich manchmal nicht daran – einfach, weil wir es nicht gewohnt sind. Für mich ist es jedes Mal, wenn ich das Haus verlasse, eine Herausforderung: Ich würde viele Menschen aufgrund ihres Gehtempos einfach überholen, auf dem Trottoir relativ dicht nebendran, wechsle nun dafür aber die Straßenseite. Übervorsichtig? Vielleicht. Letztlich ist das aber ein geringer Preis für mich. Erfordert aber permanente Aufmerksamkeit in Situationen, die eigentlich alltäglich sind.

Nun sind insbesondere junge Menschen vielleicht weniger anfällig für das Coronavirus. Aber umso mehr für blödsinnige Apps. Gab es nicht mal so eine komische Yolo-App oder so, bei der man einfach anderen Leuten ein yolo schicken konnte? Keine weitere Nachricht, nur das? Das muss nun auch schon einige Jahre her sein. Jedenfalls, wer TikTok nutzt, der nutzt auch anderen unsinnigen Kram, und solche Dinge gehen gerne mal – man verzeihe das Wortspiel – viral.

Warum also nicht eine App, die Punkte dafür gibt, dass man Abstand hält? Wenn sich ein anderer Nutzer mehr als 2 Meter nähert, gibt es eine Notification und es werden Punkte abgezogen. Ich stelle mir das lustig vor – auch, wenn man sich in kleiner (!) Gruppe irgendwo trifft und dann gemeinsam versuchen muss, das Event abzuhalten ohne sich zu nahe zu kommen. Oder wenn man unterwegs ist und dank Handy versuchen muss, anderen Personen auszuweichen. Natürlich müsste man sicherstellen, dass die Person nicht einfach das Handy daheim liegen lässt. Also in unregelmäßigen Abständen Fragen oder Rechenaufgaben stellen. Und die Leute sollten auch nicht einfach auf die Straße springen, nur um ihren Sicherheitsabstand einzuhalten. Das gäbe dann nämlich nicht nur Punkteabzug…

Problematisch könnte es bei der technischen Umsetzung werden – wie ermittle ich, dass ein anderes Gerät näher als 2 Meter an mir dran ist? Vielleicht fehlen hier einfach noch ein paar Hardware-Komponenten. Oder fällt hier jemandem eine Lösung ein?

Und wozu das alles? Psychologie. Spielerisch wird man dafür belohnt, sich an die neuen Regeln zu gewöhnen. Ich denke, das geht deutlich einfacher, als mit Verboten dazu verdonnert zu werden, Abstand zu halten. Selbst, wenn man sich der Notwendigkeit bewusst ist – manchmal durchbricht man diese Regeln unbewusst. Es wäre also nötig, sie gut einzuüben. Vielleicht eben auf spielerische Art und Weise.

Und ihr?

Wie sieht es denn bei euch aus? Würdet ihr euch eine App aufs Handy ziehen, wenn diese dabei hülfe, Corona einzudämmen und das normale Leben wenigstens ein Stück weit wieder herzustellen? Oder wäre das für euch gar nichts? Denkt ihr – ein bisschen prophetisch, ich weiß – dass die aktuellen Maßnahmen ausreichen? Werden die Maßnahmen in eurem persönlichen Umfeld eingehalten?

In jedem Falle hoffe ich, dass ihr gesund seid und bleibt, dass ihr euch an die aktuelle Situation bereits ein bisschen gewöhnen könnt. Und dass ihr weiter mit am Ball bleibt. Es steht zu hoffen, dass wir im Laufe der nächsten Tage erfahren, ob und in welcher Weise unsere „spatial distancing“-Maßnahmen Einfluss auf die Verbreitung des Virus genommen haben. Aber auch dann müssen wir noch durchhalten. Also endlich Zeit, darüber nachzudenken, welche positiven Konsequenzen wir aus der Krise für unsere Gesellschaft ziehen können. Aber dazu in einem anderen Artikel mehr. 😉 Bleibts gsund!

Von Stephan

Stephan ist derzeit Doktorand für Informatik an der Universität Basel. Er hat sowohl Ägyptologie als auch Informatik in München und Basel studiert. In seiner Dissertation wird er diese beiden sehr unterschiedlichen Studienfelder miteinander verbinden. Auch darum wird es auf dieser Webseite gehen - neben vielen anderen Bereichen, die in seinem Leben eine Rolle spielen.

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