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Zum Super-Supervisor

Vielen Doktoranden und PostDocs ist gemein, dass sie im Laufe ihrer Arbeit die Betreuung und Bewertung von Studierenden (Bachelor, Master) übernehmen müssen. Während die erbrachte Leistung während der Erarbeitung einer Qualifikationsarbeit natürlich im Verantwortungsbereich der jeweiligen Studierenden liegt, haben auch die Betreuenden guten Grund, am erfolgreichen Abschluss dieser gemeinschaftlichen Arbeitszeit teilzuhaben. Allerdings ist das nicht immer ein einfaches Unterfangen – der richtige Umgang mit den Studierenden, die passende Wahl an Kommunikationsmitteln und -strategien, die richtigen Fragen zur richtigen Zeit: das sind Werkzeuge und Wege, die nicht jeder automatisch mitbringt, nur weil er oder sie schon länger im Universitätsbetrieb unterwegs ist.

Um diese Fertigkeiten zu trainieren hatten wir vom Doktoratsprogramm „Data Analytics“ (Mathematik und Informatik der Universität Basel) heute einen vierstündigen Schnellkurs in Sachen Supervision, Motivation, Feedback, Kommunikation. Zwar bin ich persönlich in einer etwas anderen Anstellungslage und habe daher selbst keine Qualifikationsarbeiten zu betreuen. Trotzdem habe ich gerne an dem Kurs teilgenommen, denn wer weiß, was man dabei auch für die eigene Arbeit (oder Person) mitnehmen kann. Kleiner Spoiler vorneweg – ich habe es nicht bereut!

Angeboten und durchgeführt wurde der Kurs zur Supervision von Bachelor- und Masterstudierenden von Oliver Schürmann, seinerseits Kognitionspsychologe und selbst großteils mit der Universität Basel verbunden. Und ganz psychologisch (oder coachingartig?) fing unser Kurzkurs demzufolge auch an: mit einer Übung zu „positive Gossip„.

Jetzt gehört Lästern, oder vornehmer: das „Übereinander-reden“, zu den unausweichlichen Grundbedürfnissen vieler Menschen. So lästig das für denjenigen sein mag, der unfreiwillig zum Thema der Konversation wird, so natürlich ist es – man unterhält sich mit seinen Mitmenschen über Dinge, die einen bewegen, eben auch über bestimmte Menschen und ihre Eigenarten. Aus meiner Sicht ein ganz normaler Mechanismus in einer sozialen Struktur, vielleicht sogar eine notwendige Grundhandlung im Zusammenleben von Menschen.

Das Problem ist ja nun oftmals gar nicht, DASS über andere Menschen gesprochen wird. Sondern vielmehr, dass wir eine ungesunde Faszination für negative Dinge haben. Entweder, weil uns das mehr interessiert. Oder, weil es uns hilft, uns selbst über diese Umstände hinweg selbst zu erhöhen.

Positive Gossiping funktioniert umgekehrt. Man nehme eine Gruppe von drei Menschen, einer sitzt vorne in der „ersten Reihe“ (eine sehr kurze Reihe, aber das soll uns hier nicht stören), die anderen beiden dahinter. Die Aufgabe: Die beiden hinteren Personen reden nun miteinander über die Person vor sich. Laut, so dass der Vordermann oder die Vorderfrau es auch hören kann. Aber: Es werden nur positive Dinge gesagt. Also „Ich finde es super, dass xyz so gut kochen kann, mich beeindruckt das sehr!“ oder auch „Ich weiß es nicht mit Sicherheit, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass xyz eine sehr freundliche, gutmütige Persönlichkeit hat.“ Diese Art von Gossiping hat verschiedene Auswirkungen:

  • die beiden „Lästermäuler“ sind gezwungen, sich über positive Eigenschaften Gedanken zu machen, gehen also mit einer ganz anderen Grundhaltung an ihr „Opfer“ heran.
  • das „Opfer“ wiederum sieht sich mit netten Behauptungen oder Vermutungen über seine/ihre Person konfrontiert; das kann nun entweder das eigene Selbstbewusstsein stärken, wenn es zutrifft. Oder vielleicht gibt es auch Anstöße, Anregungen, welche Handlungen, Haltungen, Eigenschaften auch gut zu einem passen würden. Jedenfalls ist es doch schön zu hören, was andere so alles Nettes von einem denken.
  • überhaupt entsteht dadurch eine wesentlich angenehmere Atmosphäre

Es ist gar nicht so einfach, über jemanden positiv zu lästern! Es kann aber auch ziemlich lustig werden, selbst dann, wenn man die andere Person gar nicht kennt.

In der weiteren Folge ging es an vielen Stellen im Kurs um einen Perspektivwechsel. Denn wir neigen gerne dazu, Probleme zu suchen, zu beschreiben, darauf zu deuten und daran zu verzweifeln. Wieso nur will dieser Student mich nicht verstehen? Wieso setzt die Studentin meine Ratschläge nicht in die Tat um? Was kann ich tun?

Insofern kann es helfen, die Blickrichtung zu wechseln. Einmal zu den Studierenden hin: Was macht eigentlich für einen Studenten einen guten Supervisor aus? Was war für einen selbst im Studium ein guter Weg? Oder nicht ganz so erfolgreich? Stichwort: Empathie. Und dann auch auf sich selbst: Worin würde man selbst den „perfekten Supervisor“, also quasi den „Super-Supervisor“ erkennen? Was müsste sich ändern, damit man selbst zu so einem Supervisor wird? Wie würde eine Supervisions-Sitzung aussehen, in der alles optimal läuft?

Spannend war auch das Konzept der „Dialogic Orientation Quadrant„, wieder ein Experiment für drei Personen. Dabei nimmt eine Person die Rolle als Erzähler ein, eine zweite wird Fragestellerin, die dritte Person observiert das Geschehen. Als grafische Orientierung dient ein Koordinatensystem mit vier Quadranten: die horizontale Achse bedeutet einen zeitlichen Verlauf von Vergangenheit nach Zukunft, die vertikale Achse beschreibt, als wie „gut“ oder „schlecht“ die erzählten Statements eingeschätzt werden. Eine Aussage wie „Das Projekt wird die ganze Wissenschaft auf den Kopf stellen und alles revolutionieren!“ wäre wohl oben rechts anzusiedeln – in die Zukunft gerichtet und äußerst positiv. Ein „Eigentlich bin ich gar nicht in der Lage, mich dieser Aufgabe zu stellen“ könnte eher unten links stehen: sehr negativ und eine Folge einer fehlenden Grundausbildung.

Die Fragestellerin erkundet nun mit nichts als Fragen das Vorhaben, das Projekt, die aktuelle Arbeit der erzählenden Person. Es entsteht eine Konversation, ein Gespräch, in dem der Erzähler idealerweise über ein echtes, eigenes Projekt spricht. Die observierende Person notiert die Antworten mit und sortiert sie in das obige Koordinatensystem ein. Ziel der Übung: Die Fragestellerin sollte versuchen, mit ihren Fragen ganz gezielt Antworten aus den beiden positiven Quadranten zu provozieren, hingegen möglichst wenig im negativen Bereich. Denn wer ist am Ende schon motiviert, wenn er oder sie dauernd damit konfrontiert wird, was schlecht lief und schlecht laufen wird?

Soviel als kleiner Einblick, ich will natürlich nicht alles verraten, was wir in den vier Stunden so gemacht haben. Jetzt war das nicht mein erster Kurs in diesem Bereich – ein bisschen Psychologie habe ich ja auch studiert, und im Rahmen eines Tutoratsprogramms an der LMU München habe ich früher auch an einem Tutorentraining teilnehmen dürfen. Trotzdem muss ich sagen, so kurzweilig kam mir das bislang noch nie vor. Insofern kann ich sowohl Oliver als auch das Thema an sich wärmstens empfehlen. Denn fachliche Qualifikation ist das eine. Um eine andere Person zielführend und motivierend in ihrer Arbeit begleiten zu können, braucht es aber auch noch einige weitere Fähigkeiten, die man in universitären Kursen nur selten lernt. Schade eigentlich. Denn ich denke, die können auch in anderen Lebenssituationen gut weiterhelfen!

PS: Persönlich bin ich der Meinung, dass viele Grundprobleme in solchen Situationen auch auf ein falsches Kommunikationsverhalten zurückzuführen sind. Kommunikation ist gar nicht so trivial. Aktive Gesprächsführung, aktives Zuhören, d.h. Nachfragen bei Erzählungen, Kopfnicken, verstehendes „Aha!“, das alles befördert den Gedankenaustausch maßgeblich. Ich finde es immer wieder spannend, wenn ich neue psychologische Kniffe lerne, wie man durch bewusste Kommunikation schon von vornherein Probleme entschärfen und Lösungen anvisieren kann. Ich sollte mich doch wieder etwas intensiver mit Psychologie befassen…

Von Stephan

Stephan ist derzeit Doktorand für Informatik an der Universität Basel. Er hat sowohl Ägyptologie als auch Informatik in München und Basel studiert. In seiner Dissertation wird er diese beiden sehr unterschiedlichen Studienfelder miteinander verbinden. Auch darum wird es auf dieser Webseite gehen - neben vielen anderen Bereichen, die in seinem Leben eine Rolle spielen.

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