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Eskalationsstufe Twitter

Ein paar Gedankenfetzen und Beobachtungen.

Es ist eine Mischung aus Faszination und Erschrecken, mit der man bei manchen Nutzern auf Twitter eine regelrechte Sucht nach Eskalation und Empörung beobachten kann. Viel bedarf es nicht. Eine schiefe (Unter-)Überschrift. Ein scharfer Artikel aus dem Nachrichtenportal der eigenen Wahl. Plötzlich: Blutdruck, Empörung, Superlative, Weltuntergang.

Gewiss – wer eine feste Haltung zu bestimmten Themen hat und sich durch Nachrichten in dieser Haltung bestätigt sieht, der neigt nicht unbedingt dazu, diese kritisch zu hinterfragen. Teilt sie einfach. Regt sich darüber auf. Überhaupt sind Reflexion und kritische Überlegungen nicht mehr in Mode. Dauert zu lang. Zu schwierig. Die Welt ist zu komplex. Es ist die Suche nach Occhams Rasiermesser – je einfacher die Lösung, desto richtiger muss sie sein. Wer differenziert, der relativiert.

Ein beliebtes Vorgehen: „Quod licet Iovi, non licet bovi.“ So ein Jupiter darf halt mehr als der gewöhnliche Ochs. Man dürfe doch nicht verallgemeinern, ruft es in die Twitterwelt hinaus, es seien doch nicht alle gleich. Und man selbst zuforderst nicht! Umrahmt von Verallgemeinerungen. Die natürlich in Ordnung sind. Sie richten sich gegen die andere Fraktion.

Muss es nicht furchtbar anstrengend sein, den ganzen Tag lang Endzeitstimmung zu produzieren? Aus jedem Event, jeder Nachrichtenzeile die schlimmsten Dinge abzuleiten? Sich selbst und die Welt in eine Alarmiertheit versetzen zu wollen, die längst nicht mehr wirkt, weil sie alltäglich geworden ist? Ein Kampf gegen Windmühlen.

Twitter ist eine seltsame Eskalationsstufe. So rasch, so überbordend, so endgültig, so vereinnahmend. Auf Twitter geht täglich die Welt unter. Fragt sich nur, ob die Welt das weiß. Meines Wissens gibt es keine offiziellen Zahlen zu Twitternutzern in Deutschland (freue mich über anderslautende Erkenntnisse). Vermutlich eskalieren sie gerade.

Von Stephan

Stephan ist derzeit Doktorand für Informatik an der Universität Basel. Er hat sowohl Ägyptologie als auch Informatik in München und Basel studiert. In seiner Dissertation wird er diese beiden sehr unterschiedlichen Studienfelder miteinander verbinden. Auch darum wird es auf dieser Webseite gehen - neben vielen anderen Bereichen, die in seinem Leben eine Rolle spielen.

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