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„Ein Schnitzel ist aus Fleisch!!!“

Schon vor einigen Jahren ist in den Kühlregalen der Supermärkte ein Kampf um die Deutungshoheit im Reich der Lebensmittel entbrannt: Unverfroren erdreisten sich neue Anbieter dort, „Soja-Schnitzel“ neben dem Original aus feschem Schweinefleisch anzupreisen. Die Gemüter kochen hoch, es ist von falscher Deklaration, von Heuchelei, von Schwindel und Schlimmerem die Rede.

Ein kleiner Beitrag, warum ich persönlich das „Veggie-Schnitzel“ und die „veganen Chickennuggets“ super finde und mich bislang wirklich keine Kritik daran auch nur im Ansatz vom Gegenteil überzeugt hat.

Gewiss – wer von einem „Schnitzel“ spricht, der wird normalerweise nicht das Ersatzprodukt aus pflanzlichen Materialien wie Soja meinen, das heute zunehmend in deutschen und schweizerischen Supermärkten vorzufinden ist. Vermutlich auch in vielen anderen, in denen ich mich aber nur selten herumtreibe. Nein, das „Schnitzel“ ist per se natürlich ein tierisches Produkt.

Aber es gibt sie halt doch, diese pflanzlichen Ersatzprodukte, die nicht nur Vegetariern und Veganern ein breiteres Ernährungsspektrum anbieten, sondern gleichzeitig die traditionellen Fleischesser von den Segen des reduzierten Fleischgenusses überzeugen wollen. Keine Angst – das wird hier kein Plädoyer für den Fleischverzicht. Mir persönlich ist es relativ egal, was jemand isst, das ist in meiner Wahrnehmung eine ähnlich private Sache wie das Schlafzimmerverhalten. Verantwortlich bin ich allein für meine eigene Ernährung.

Trotzdem bin ich in den letzten Monaten zunehmend auf den Geschmack dieser Fleischersatzprodukte gekommen, nachdem ich sie im Schweizer Coop entdeckt habe. Was es dort nicht alles gibt: Cordon Bleu, Schnitzel, Wiener, Hack, Nuggets – und alles aus pflanzlichen Produkten, ganz ohne Tier. Ist das nicht irgendwie komisch?

Merkwürdig fand ich das früher einmal. Damals gab es bei „Hart aber fair“ eine Sendung zum Thema, das ist nun schon einige Jahre her. Dort wurde von einem Sojaprodukt berichtet, das sogar in Form eines Grillhähnchens verkauft wurde, mit passender Marinade. „Dann esst doch gleich ein Hähnchen!“, habe ich mir damals gedacht, und fand es wirklich seltsam.

Auch heute noch scheint die Kritik an diesen „Kopien“ ungebrochen. Wobei ich die Bedenken und das Ärgernis der fleischerzeugenden Industrie natürlich nachvollziehen kann – hier geht es ums nackte Geschäft, bisweilen um die Existenzgrundlage. Wenn alle Menschen auf pflanzliche Kost umsteigen, wovon soll eine Metzgerei dann noch leben?

Die Angst vor der Alternativkost rührt nicht ganz unberechtigt von einer wirklich genialen Strategie her. Denn es gibt gewiss „eingefleischte“ Vegetarier und Veganer, die man vom Vorzug fleischloser Kost nicht erst überzeugen muss, und umgekehrt gibt es Menschen, die einen Tag ohne 3 Kilo Schweinefleisch für ungenügend erachten. Dass diese Metzgerei-Stammkunden plötzlich ihren alten Habitus aufgeben, ist eher unwahrscheinlich. Dazwischen sind aber viele Menschen – wahrscheinlich die breite Masse – die sich durchaus zu einem bewussteren Fleischkonsum überreden ließen, die aber nicht bereit sind, ihr Verhalten allzu sehr von einem Tag auf den anderen umzustellen.

Wer nun also gewohnt ist, sein Schnitzel zu essen, seine Chickennuggets, seine Wiener, dem fällt der Umstieg deutlich leichter, wenn er oder sie auch nach dem Umstieg vertraute Dinge auf dem Teller vorfindet, die noch dazu sehr ähnlich schmecken. Die aber eben nicht aus tierischen, sondern aus pflanzlichen Materialien gewonnen sind. Eine große Gefahr für die Fleischindustrie, die damit langfristig Kunden zu verlieren droht. Da muss man freilich dagegen kanten.

Aber auch in Gesprächen mit Freunden und Bekannten wird mir gerne um die Ohren gehauen, solche Produkte seien nur Heuchelei – schließlich gäbe es doch genug Möglichkeiten, rein vegetarische Gerichte ansprechend darzubieten, weshalb muss es ausgerechnet als Schnitzel oder als Wienerle sein?

Diesen Vorwurf habe ich bis heute nicht verstanden. Erstens liegt die Begründung ganz klar auf der Hand – wie oben bereits beschrieben fällt der Umstieg für so manchen Menschen (wie etwa mich selbst) wesentlich leichter, wenn man nicht alle Komponenten einer Mahlzeit gleichzeitig über den Haufen werfen muss. Und zum anderen hat eine ähnliche Form des Essens wirklich nicht einmal ansatzweise mit Heuchelei zu tun. Denn auch, wenn meine Sojapaste in Form eines Schnitzels auf dem Teller liegt, ist darin genauso wenig Pute oder Schwein zu finden wie in jeder anderen Form. Meinetwegen könnte man die Nuggets auch in Sternchenform oder als kleine Herzchen verkaufen, es ist lediglich eine optische und haptische Komponente, die aber nichts mit den Gründen für einen Ernährungsumstieg zu tun hat. Wer hier also eine geheuchelte Lebensumstellung vermutet, der hat ganz offensichtlich nicht einmal im Ansatz verstanden, worum es geht. Im Übrigen gibt es auch kein Naturgesetz, dass ausgerechnet Fleisch als Burger oder in Schnitzelform auf dem Tisch aufschlagen muss. Es handelt sich schlicht um eine kulinarische Konvention. Und zuletzt gilt hier wie in so vielen der heutigen Grundsatzentscheidungen, bei denen die halbe Nation eine unumstößliche Meinung zu haben scheint: Durch das zusätzliche Angebot geht niemandem etwas verloren, lediglich die Möglichkeiten für alle erweitern sich.

Ernst nehmen muss man natürlich die Sorge der Essenden, man könnte bei gleicher Terminologie versehentlich zum falschen Produkt im Regal greifen und wider Erwarten mit einem Veggie-Schnitzel zuhause aufwachen, wo man eigentlich Schwein erwartet hatte. Aus ähnlichen Gründen wurde kürzlich erst verboten, Soja-Milch weiterhin als Milch zu deklarieren – Milch käme von Kühen und deshalb sei diese Bezeichnung auch für das tierische Produkt vorbehalten. Mir ist an dieser Stelle nicht ganz klar, was ursächlich für eine solche Entscheidung ist. Geht die EU grundsätzlich davon aus, dass die eigenen BürgerInnen im Supermarkt verschiedene Regale nicht auseinander halten können? Oder, was noch tragischer wäre: Können die BürgerInnen das wirklich nicht und die EU reagiert lediglich auf diese massiven Schwächen an alltäglicher Lebensfähigkeit?

Man verzeihe mir bitte an dieser Stelle meinen leisen Sarkasmus, aber zum Einkaufsverhalten vieler Deutscher im Supermarkt ließen sich ohnehin lange Kolumnen verfassen. Insofern muss ich tatsächlich befürchten, dass dem ein oder anderen schon versehentlich ein Sojaschnitzel in den Korb geklettert sein muss, was am heimischen Herd umgehend zu Magenkrämpfen führte. Es dürfte jedoch aus meinen Worten bereits hervorgehen, dass mich auch das nicht wirklich davon überzeugt, gewisse Formen, Konsistenzen oder Geschmäcker allein fleischlichen Produkten zuzuschreiben.

Für mich bleibt die vegetarische und vegane Alternative infolgedessen vor allem eine interessante, vielversprechende Ergänzung zu einem ausgewogenen Ernährungsplan. Und ein äußerst geschickter Schachzug, weniger klerikale Essende von neuen Produkten und Produktrichtungen zu überzeugen.

Übrigens: Auch im Bereich „Insect Food“ wurde das maßgeblich versucht. Insektenriegel, Burgerfleisch aus Mehlwürmern, Heimchensnacks – die Hoffnung war vermutlich groß, dass man auf den gleichen Zug aufspringen könnte und so die europäische Gesellschaft zum sechsbeinigen Dinner verführen. Es ist spannend zu beobachten, dass die veganen Abteilungen in den Supermärkten immer breiter und ausgefallener werden. Für die Abteilung „Insekten“ gilt das keineswegs. Hier reicht die gewohnte Form wohl doch nicht aus…

Von Stephan

Stephan ist derzeit Doktorand für Informatik an der Universität Basel. Er hat sowohl Ägyptologie als auch Informatik in München und Basel studiert. In seiner Dissertation wird er diese beiden sehr unterschiedlichen Studienfelder miteinander verbinden. Auch darum wird es auf dieser Webseite gehen - neben vielen anderen Bereichen, die in seinem Leben eine Rolle spielen.

2 Antworten auf „„Ein Schnitzel ist aus Fleisch!!!““

Danke, Du sprichst mir aus der Seele. Ob das mit den Insekten vielleicht auch daran liegt, dass in einigen Ländern rechtliche Bestimmungen lange verhindert haben (oder das noch tun), dass verarbeitete Produkte verkauft werden? Z.B. durfte man wohl ganze Mehlwürmer kaufen, aber keine Mehlwurmnudeln. Warum auch immer. Beim Katzenfutter werden Insekten wohl auch zunehmend populär – muss ich auch mal ausprobieren 🙂

Die rechtlichen Beschränkungen sind garantiert ein Grund, ja! Soweit ich mich entsinne, sind in Deutschland beispielsweise Produkte verboten, bei denen Insekten in zermahlener Form verarbeitet sind, also so, dass man sie nicht mehr als solche erkennen kann. „Burgerfleisch“ aus gemahlenen Mehlwürmern wie man sie hier in der Schweiz durchaus kaufen kann sind demnach dort nicht möglich. In solchen Fällen läge die Toleranzgrenze aber vielleicht ganz anders als bei einem Päckchen Heimchen, die quasi wie „frisch vom Feld“ aussehen.

Interessante Randnotiz: Auch pflanzliche Ersatzprodukte sind inzwischen so gut, dass teilweise selbst „eingefleischte“ Esser nicht mehr merken, dass eigentlich gar kein tierisches Protein enthalten ist. Wenigstens geschmacklich gibt es also kaum noch Gründe, den umfangreichen Verzehr von Fleisch zu leben. Wie es allerdings im Bereich der enthaltenen Nährstoffe aussieht, das ist wieder ein ganz anderes Thema (von dem ich viel zu wenig Ahnung habe).

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