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Empörungswellen

„Kommt auf Twitter!“, haben sie gesagt. „Da ist es lustig! Da gibt es bezaubernde Menschen, tolle Wortwitze und kreative Geistesblitze!“, haben sie gesagt.

Ja und? Wo ist all das hin?

Ein kleiner Gedankenfetzen, warum Twitter für mich (ganz persönlich) nicht mehr den gleichen Reiz hat wie vor einigen Jahren. Und zeitgleich ein Geständnis, warum ich es trotzdem immer noch gern habe.

Als ich so um 2012 herum das erste Mal wirklich aktiv wurde auf Twitter, da hatte ich gerade mal wieder eine akademische Deadline im Nacken. Eine Seminararbeit sollte geschrieben werden, mehrere Seiten zur Berufsausbildung junger Menschen im römischen Ägypten zur Kaiserzeit. Der geneigte Historiker wühlt sich folglich durch die zahlreichen Papyri aus Oxyrynchus, die Aufschluss geben über die damaligen Verhältnisse, zugleich begraben unter einem Berg von Sekundärliteratur, in dem dutzende Autoren in jeweils eigenen Worten alle das Gleiche schreiben. Grund genug, das bereits Gewusste erneut in Worte zu gießen.

Es sind genau diese Momente, in denen man die nutzlosen Glücksseiten im Leben für sich entdeckt. All jene Dinge, ohne die man bestens auskommt, aber mit denen das Leben doch sehr viel schöner ist. Zumindest, bis man sich zähneknirschend eingesteht, dass die morgige Abgabefrist eine gewisse Dringlichkeit besitzt.

Zur damaligen Zeit war Twitter noch eine relativ kleine Sache. Also noch kleiner als heute, denn selbst 2020 werden Tweets zwar in allerlei Medien zitiert, doch aktive Nutzung erfährt die soziale Plattform nur in einem sehr eingeschränkten Personenkreis. Damals war Twitter aber vor allem Spielewiese für eine ganz seltsame Gruppe verrückter Menschen, die in extrem kurzen Nachrichten die Welt von Dingen in Kenntnis setzen wollte, die niemanden interessieren.

Was hat sich geändert? Wie so viele Errungenschaft menschlicher Schaffenskraft kommt für erfolgreiche Konzepte irgendwann der traurige Moment, in welchem die Allgemeinheit in größerem Maße auf sie aufmerksam wird. Die Anwendung wird „Mainstream“, so inflationär dieser Begriff heute auch verwendet wird. Die immer größere werdende Nutzermasse wirkt wie ein unwiderstehlicher Magnet auf all jene, die Gruppierungen für sich nutzen wollen: Werbetreibende. PolitikerInnen. Medien. Spinner. Wobei diese Gruppen nicht immer in Beziehung zueinander stehen. Aber gelegentlich.

Solche Akteure sind – anders als die „originären Nutzer“ – nur bedingt an einem bidirektionalen Austausch interessiert. Schließlich sind sie ja nicht auf der Plattform, um einander die neuesten Wortwitze zu erzählen. Sondern um Botschaften, Inhalte, Meinungen, bisweilen auch das eigene neue Buch zu verbreiten. Eine Nachricht wird abgeschickt – doch die darauf folgende Rezeption und Diskussion verhallt ungehört, denn die NutzerIn ist längst mit neuen Botschaften befasst.

Ein anderes Phänomen, das vor allem in den letzten Jahren zunehmend Fuß gefasst hat, sinddie „Empörungswellen“. In vorsozialen Zeiten, die Älteren mögen sich dunkel daran erinnern, nannte man das auch „eine Sau durchs Dorf treiben“. Ein Aufreger ist schnell gefunden, eine flüchtige Konsultation der täglichen Nachrichten genügt völlig. Im Gegenteil, je oberflächlicher das eigene Wissen zu einer aktuellen Sachfrage ist, desto einfacher lässt sich die Empörung aufbauen.

Das Problematische an der ganzen Sache ist das mengenmäßige Ungleichgewicht. In so einer persönlichen Timeline tummeln sich gerne einmal hunderte bis tausende unterschiedlicher Accounts, manche davon unter Umständen sogar mit einem echten menschlichen Lebewesen dahinter. Nicht jeder dieser Menschen ist immer und ständig und zu jedem Thema empört. Zumindest vermute ich das. Anderenfalls steht zu hoffen, dass ein solches seelisches Ungleichgewicht nicht nachhaltig Auswirkungen auf den Blutdruck zeigt.

Da es aber so viele unterschiedliche Personen sind ist die Wahrscheinlichkeit doch relativ hoch, dass sich irgendwer just in diesem Moment über irgendetwas aufregt. Und die Welt an dieser Aufregung teilhaben lassen möchte. Dabei ist es sekundär, ob diese Aufregung fundiert ist oder nicht, ob es sich um eine wirklich wichtige Empörung handelt, weil die Klimaerwärmung die Pole schmelzen lässt, oder ob sich jemand lediglich echauffiert, weil der Bäcker die Straße runter keine Mohnsemmeln mehr hat. Was, seien wir ehrlich, eine Katastrophe ist.

Das führt nun aber dazu, dass man bei der gewohnten Konsultation der eigenen Timeline eigentlich ständig mit Nachrichten konfrontiert wird, in denen sich Personen aufregen. In denen diese Personen zusätzlich auch noch andere, mir völlig unbekannte Personen retweeten, die sich ebenfalls aufregen, als würde das der Empörung zusätzliches Gewicht verleihen. Wo sich zwei aufregen, da muss es doch einen echten Grund geben, nicht wahr?

Inzwischen stelle ich für mich ganz persönlich fest: Das ist alles zuviel Aufregung. Man verheddert sich gerne darin und plötzlich findet man sich selbst zeternd und tobend im Netz wieder, erregt sich über Dinge , die einen normalerweise gar nicht tangiert hätten. Die Empörungswelle rollt.

Da kann es helfen, sich selbst gewisse Grenzen zu setzen. Wie auch immer diese aussehen mögen. Vielleicht: „Ich lese pro Tag nur noch zehn Minuten Twitter.“ Oder auch: „Ich schreibe nur noch total positive Dinge!“ Schön wäre auch: „Bevor ich eine Aufregung teile, lese ich immer erst mindestens zwei lange Artikel zum Thema und trinke eine Tasse Tee.“

Nicht ganz zu Unrecht könnte jetzt jemand fragen: „So viel Text zu einer absolut nutzlosen, toxischen Plattform – wieso nutzt du das überhaupt noch und setzt deine Lebenszeit nicht produktiver ein?“ Jetzt habt ihr mich erwischt, das bringt mich nun doch etwas ins Schwitzen. Es gibt darauf vermutlich eine rationale und eine emotionale Antwort.

Die rationale wirkt etwas vorgeschoben, ist aber durchaus ernst gemeint: Twitter ist und bleibt für mich ein vorrangiges Informationsmedium. Ich habe eigene Spalten für Accounts, die ich beispielsweise den Kategorien Politik oder Journalismus zugeordnet habe. Eine Liste für LGBTs. Eine weitere für den Bereich Gaming, eine für Digital Humanities. Verschiedene Bereiche, die mir in meinem Leben wichtig sind. Dank der Unmittelbarkeit von Tweets lassen sich Neuigkeiten dort weitaus schneller erfahren als über klassische Kanäle. Und Zeit ist Geld! Oder zumindest kostbar. Auf jeden Fall bin ich neugierig auf die Welt da draußen.

Die emotionale Antwort ist ein Stückchen ehrlicher: Manchmal ist es einfach schön, die Lebenszeit zu verplempern. Hätte ich in meinem selbst auferlegten Lebensplan beschlossen gehabt, jederzeit voll produktiv sein zu wollen, ich wäre vermutlich ein Hubkolben in einem Motor geworden. Diese Chance ist vertan.

Das Alles soll auch nicht vergessen lassen, dass es auf Twitter wirklich bezaubernde Menschen gibt. Es gibt auch kaum etwas Schöneres als eine Nachricht einer FollowerIn, die oder der gerade zufällig in Basel unterwegs ist und an einen denkt: „Hey, ich wäre zufällig in der Stadt, hast du ein bisschen Zeit auf einen Kaffee?“ Es menschelt in den Weiten des Netzes. Seltenes Glück.

Ich schließe für mich selbst: Es ist einfach wichtig, sich der sozialen „Gefahren“ bewusst zu sein, die im eher unnatürlichen Umgang mit einer riesigen sozialen Gruppe auf einen lauern. Manchmal kann einem die digitale Welt entsetzlich negativ vorkommen. Es hilft, wenn man sich bewusst macht, woran diese Empfindung liegt. Dass sie gelegentlich nicht so sehr damit zu tun hat, dass diese Welt ein einziger Vorhof zur Hölle ist. Und schon fällt es mir ein bisschen leichter, positiv auch in diese vollere Twitterwelt 2020 zu blicken.

Von Stephan

Stephan ist derzeit Doktorand für Informatik an der Universität Basel. Er hat sowohl Ägyptologie als auch Informatik in München und Basel studiert. In seiner Dissertation wird er diese beiden sehr unterschiedlichen Studienfelder miteinander verbinden. Auch darum wird es auf dieser Webseite gehen - neben vielen anderen Bereichen, die in seinem Leben eine Rolle spielen.

4 Antworten auf „Empörungswellen“

Liebe Britta,

vielen Dank! ☺ Wobei es sicher noch das ein oder andere zu erwähnen gegeben hätte. Aber wie es so ist – irgendwann geht einem die Tinte zur Neige und man muss sich beschränken… 😉

Da hätte ich Sorge, dass ich vergesse, die Reweets irgendwann auch wieder anzuschalten. ? Aber ja, Twitter hat inzwischen durchaus ein paar nützliche Zusatzfunktionen erhalten. Ich warte nur immer noch auf eine Möglichkeit, einzelne Tweets (z.B. Replies) dauerhaft ausblenden zu können.

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