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Planet Zoo – Bauen für das Tierherz

Manchmal könnte man den Eindruck gewinnen, die Klötzchenbausimulation Minecraft habe ganz im Alleingang das Kulturphänomen Videospiel revolutioniert. Es gibt gewissermaßen die Ära vor Minecraft, in der Spiele gemeinhin als nervtötende, kindische Beschäftigung nerdiger junger Männer wahrgenommen wurde, allein dazu geeignet, auch die letzten verbliebenen Gehirnzellen in den Orkus zu verbannen. Doch kaum standen Kreativität, Konstruktivität statt Destruktivität und schier endlose Vielfältigkeit im Raum, da hat sich dieses Bild deutlich gewandelt.

Doch Minecraft ist beileibe nicht die einzige Simulation, die kreatives Schaffen ermöglicht. Striegelt die Pferde, mistet die Stallungen aus, reinigt die Wasserbecken – es wird Zeit für einen Blick in die Welt der Tierparks! Bühne frei für Planet Zoo!

Bei Planet Zoo ist der Name Programm – in dieser Aufbausimulation errichtet die SpielerIn einen Tierpark, füllt ihn mit mehr oder weniger anspruchsvollen und exotischen Tierarten und ist für den Rest der Zeit damit beschäftigt, sowohl die Bewohner als auch die BesucherInnen bei Laune zu halten. Was zunächst einmal sehr anstrengend klingt, ist dank geschickter Spielmechanik, tollem User-Interface und den schier unbegrenzten Möglichkeiten zur Gestaltung ein riesiger und anhaltender Spaß.

Leben wie ein Okapi – welcher Paarhufer würde sich in einem solchen Gehege nicht wohl fühlen?

Veröffentlicht wurde Planet Zoo, entwickelt von Frontier Developments, am 24. September 2019 – man könnte sagen, der Zoo hat gerade erst geöffnet. Doch Frontier Developments sind keine Neulinge im Simulationszirkus. Bereits das sehr erfolgreiche Planet Coaster aus dem Jahre 2016 stammt aus deren Feder, und wer das eine Spiel kennt, wird sich im anderen sofort zurecht finden. Denn sieht man vom unterschiedlichen Setting ab (Tierpark versus Vergnügungspark) sind sich beide Simulationen äußerst ähnlich.

Auch in Planet Zoo beginnt alles noch sehr übersichtlich. Aus dem Irgendwo führt ein geräumiger Eingangsbereich mit Kassenschaltern und Drehschranken in das Areal, das die SpielerIn in einen erfolgreichen, gut besuchten Zoo verwandeln soll. Erfahren, wie wir sind, bauen wir zunächst ein paar Wege quer in die Landschaft. Als nächstes entsteht ein kleines Areal mit Bauten für unsere Mitarbeiter, denn Tierpfleger, Tierärztin, Technikerin oder Zoopfleger brauchen mindestens eine kleine Unterkunft, in der sie ihren Pausenkaffee genießen können. Dazu eine Station für die Tierpfleger, eine Quarantänestation, eine Arztpraxis – oh, und ganz wichtig natürlich das Handelshaus, denn dort werden all die Tiere angeliefert, die wir für unseren Zoo ankaufen werden. Und im Handumdrehen ist bereits ein erklecklicher Flecken Land für unsere Betriebsmittel eingenommen.

Ein schnell zusammengeschusterter Bereich für die Mitarbeitenden – die Gebäude lassen sich alle eigenhändig zusammenstellen!

Doch was wäre ein Zoo ohne Tiere? Kein Zoo ohne Gehege, also schnappen wir uns das Barriere-Werkzeug und zäunen die ersten Areale ein. Dabei stehen uns verschiedene Umwallungen zur Verfügung, von einer schlichten Hecke über Drahtzäune, Holzbarrikaden bis hin zu festen Betonmauern oder Glasabtrennungen. Letztere sind besonders hilfreich, möchte man den Besuchern Einblick in die Gehege gewähren, denn für manche Tiere empfiehlt es sich, die Barrieren möglichst hoch zu bauen, um ein Überspringen zu verunmöglichen. Ja, die Höhe der Einhegungen ist flexibel einstellbar. Pro Bauabschnitt!

Jetzt fehlen uns natürlich noch die Tiere. Die erhalten wir normalerweise auf dem Tiermarkt, doch nicht immer stehen uns alle Tiere zur Verfügung. Wer kein Zoologe ist, sollte bisweilen auch die Zoopädie studieren. Dort finden sich hilfreiche Pflegeanweisungen, etwa zum Gelände, zur nötigen Anzahl an Tieren und sonstigen Besonderheiten. Schließlich wollen wir ja, dass es unseren Zoobewohnern so gut wie irgend möglich geht, nicht wahr?

Kaum in ihrem neuen Gehege angekommen, da stellen die neuen Einwohner bereits Anforderungen. Das Gelände hat zu viel Gras und viel zu wenig Schnee! Es ist zu warm! Wo ist das Wasser? Wir brauchen eine stabile Unterkunft! Und etwas zu essen! Warum ist hier so wenig Platz? Es dauert eine Weile, bis man aus einem flachen Stück Grünland ein Paradies für eine Tierart gezaubert hat. Und die nächste verlangt schon wieder gänzlich anderes…

Unsere BesucherInnen sind begeistert vom Flamingogehege – und dort ist ja auch wirklich viel los! Unsere rosa Stelzenvögel haben offensichtlich kaum Scheu vor den neugierigen Menschen.

Zu allem Überfluss gibt es aber auch noch die BesucherInnen, die zwar nicht ganz so putzig aussehen wie die Tiere, dafür aber wertvolles Geld in die Sammelbüchsen schmeißen. Zumindest, wenn wir welche aufstellen! Daneben machen sich Einkaufsstände, Informationstafeln und Infolautsprecher auch sehr gut, um die BesucherInnen bei Laune zu halten.

Das einzige Problem an der ganzen Sache ist – so einfach das alles klingt, es dauert normalerweise bereits Ewigkeiten, bis auch nur das allererste Gehege halbwegs fertiggestellt ist. Und das nicht, weil Planet Zoo so unfassbar kompliziert und hackelig wäre, dass man es am liebsten gleich wieder deinstallieren möchte. Ganz im Gegenteil! Sieht man vom Pfadwerkzeug ab, ist der Umgang mit den Bauwerkzeugen schnell erlernt – jedoch erst nach sehr langer Zeit gemeistert.

Anders als in anderen Simulationen reicht es Frontier Development nicht aus, der SpielerIn vorgefertigte Baukastenelemente vorzusetzen. Wer möchte schon lauter uniforme Marktstände oder Tierbehausungen in seinem Zoo haben? Stattdessen bauen wir uns die ganzen Gebäude einfach selbst – aus einer riesigen Auswahl an Bauelementen. Da gibt es Wände aus Rigips, Porengips, Glas, Beton, Holz, Planken. Es gibt Tonnen unterschiedlicher Pflanzen, Schilder, Beleuchtungen, Dekorationsobjekte, Geländeobjekte wie Steine. Und die meisten dieser Elemente lassen sich völlig frei in die Landschaft setzen: Vergleichbar mit einem 3D-Editor kann die SpielerIn jedes Objekt in x-, y- und z-Richtung drehen oder bewegen, auch durch andere Objekte und den Boden hindurch, so dass sich sehr kreative, neuartige Strukturen erschaffen lassen.

Ein selbst gebautes Häuschen für meine Warzenschweine – mit kreativem Eckeingang und einer Glaszeile, die für angenehmes Licht sorgen soll. Nur die Bepflanzung auf dem Dach ist noch nicht ganz vollständig.

Anders gesagt: Planet Zoo schafft es, maximale Komplexität mit sehr einfachen Mitteln zu erlauben. Was dazu führt, dass selbst die Gestaltung einer einfachen Hamburger-Bude schnell zu einem halbstündigen Bauexzess werden kann. Selbst bei den Sims gibt es weniger gestalterische Freiheit!

Besonders schön: Planet Zoo hat eine sehr fortschrittliche Berechnung der möglichen Bewegungsareale in den Zoogehegen. Und dank der sinnvollen und toll gestalteten Overlayfunktionen kann man sich sogar anzeigen lassen, welche Bereiche begehbar sind und welche nicht. Kürzlich habe ich beispielsweise ein Gehege für Schneeleoparden errichtet – in der Mitte ein großer See, über den mehrere Kletterbaumstämme führen, am Rand eine kleine Unterkunft für die Kätzchen. Das Overlay verrät mir auf einen Blick: Die Baumstämme sind alle wunderbar begehbar, die Katzen können jetzt also auf den schmalen Brücken quer über den See wandern (was sie tatsächlich auch tun). Doch oh weh! An anderer Stelle macht mich das Spiel mit roter Farbe auf ein wichtiges Problem aufmerksam: Die Leoparden können ebenfalls mit einem gewagten Sprung auf ihre Behausung und von dort über den Zaun aus dem Gehege springen! Rasch schnappe ich mir das Bauwerkzeug und mache flugs die Umwallung etwas höher, damit meine BesucherInnen nicht zum Frühstück degradiert werden. Und schon ist das Problem gebannt. Puh!

Das Overlay verrät uns, wohin unser Schneeleopard in seinem Gehege laufen kann – alles, was blau markiert ist, ist erreichbar. Grüne Linien auf den Baumstämmen verraten, dass diese ebenfalls erklettert werden können.

Das alles ist natürlich nur ein ganz kleiner Einblick in die Möglichkeiten, die Planet Zoo bietet. Die kreativen Werkzeuge sind so umfangreich und so schön gestaltet, dass ich teilweise wirklich vergesse, die Simulation weiter laufen zu lassen. Untypisch für mich! Und nach einigen der wirklich fantastisch gestalteten Kampagnen-Szenarios finde ich mich plötzlich auf Google Earth wieder, wie ich mir das Design berühmter Zoos ansehe. Oder auf der Bildersuche, weil ich nach Inspirationen für ein Taigagehege suche. Und eigentlich könnte ich einmal versuchen, ein Indoor-Affenhaus mit zusätzlichen Außengehegen zu bauen, so wie ich es aus München kenne… Ihr entschuldigt mich?

PS: Wen dieser Artikel noch nicht überzeugt hat, der sollte einen Blick in das Subreddit r/PlanetZoo werfen. Einige der SpielerInnen präsentieren dort Zoos und Bauwerke, die einfach atemberaubend schön sind. Ob die wirklich das gleiche Spiel nutzen? ?

Von Stephan

Stephan ist derzeit Doktorand für Informatik an der Universität Basel. Er hat sowohl Ägyptologie als auch Informatik in München und Basel studiert. In seiner Dissertation wird er diese beiden sehr unterschiedlichen Studienfelder miteinander verbinden. Auch darum wird es auf dieser Webseite gehen - neben vielen anderen Bereichen, die in seinem Leben eine Rolle spielen.

1 Anwort auf „Planet Zoo – Bauen für das Tierherz“

Dieses Spiel wäre wohl tatsächlich nichts für mich, auch wenn der planerische Aspekt sicher unterhaltsam ist…. Zoos haben für mich insgesamt was recht beklemmendes, auch wenn die Gehege „schön“ sind. Sie schaffen eine komische Situation, indem sie uns Tiere sehen lassen, die von uns eigentlich nicht gesehen werden wollen. Ja, oft sagt man, Zoos würden den Menschen erst den Zugang zur Natur und Wildtieren vermitteln. Ich frage mich dabei manchmal, welcher Zugang das sein soll, wenn wir schon nicht mal den Respekt aufbringen wollen, uns einzugestehen, dass uns einige Tiere einfach nicht so gerne so nah bei sich haben – weil es einfach nicht ihrer Natur entspricht. Nun ja, ich schweife ab… 🙂

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