Stephan M. Unter

Scientists Assemble!

Kennzahl Glück

“Glück? Sie suchen nach Glück? Ach, ich muss doch sehr bitten!” Der nicht mehr ganz so junge Mann in Anzug und Krawatte scheiterte kläglich daran, sich ein spöttisches Lachen zu verkneifen. Er fasste sich jedoch rasch wieder, rückte die Brille auf seiner Nase gerade und faltete die Hände auf dem Bürotisch vor sich.

“Das ist ja wirklich sehr erhellend von Ihnen, Herr…” Mit der Rechten zog er einen Aktenordner heran und blätterte durch einige Unterlagen, als suche er angestrengt nach dem Namen seines Gegenübers.

“Schilling.”, antwortete Andreas, der auf der anderen Seite des Tisches saß, entnervt. Es war nun schon das vierte Mal, dass der Beamte seinen Namen vergessen hatte, und allmählich wurde aus der Vermutung sichere Gewissheit, dass es sich dabei nur um ein Machtspielchen handelte.

“Ach richtig, Herr Schilling. Verzeihen Sie bitte. Nun, sehen Sie – Glück ist doch keine unbekannte Größe! Was hält Sie davon ab, glücklich zu werden? Höchstens Sie selbst!”

Andreas wollte aufbegehren. “Aber ich weiß nicht, wie…”

“Wir haben”, unterbrach ihn der Anzugträger, ohne mit der Wimper zu zucken, “das Geheimnis des Glücks doch schon vor Ewigkeiten enträtselt. Glück ist eine Größe wie so viele andere. Indem Sie sich und ihre Umgebung optimieren, erhöhen Sie auch Ihr Glück. Es ist wirklich ganz einfach. Warten Sie, wie erkläre ich Ihnen das am besten…”

Der Mann erhob sich aus seinem bequemen Lederstuhl, drehte sich um und ging auf die rückwärtige Wand des Büros zu. Beim Anblick des gut gepolsterten Büromöbels kratzte Andreas der unbequeme harte Stoffstuhl umso mehr, auf dem er sitzen musste. Auch eine Möglichkeit, die alljährlichen Evaluationstermine so kurz wie möglich zu gestalten. Indes holte sein Gesprächspartner aus einem Mahagonischrank eine kleine Fernbedienung, die – soweit Andreas das von hier erkennen konnte – nur zwei Knöpfe trug. Einer der beiden wurde gedrückt – und neben dem Bürofenster öffnete sich eine bis dahin nicht erkennbare Tür.

“Kommen Sie, ich zeige Ihnen etwas.” Auffordernd winkte der Beamte ihn herbei, verschwand dann aber ohne weiteres Aufheben bereits in der Türöffnung. Andreas blickte sich zunächst erstaunt im Büro um – fast hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden. War das hier eine Art “versteckte Kamera”? Als sich allerdings sonst nichts regte, stand er auf und folgte dem Anzugträger ins Unbekannte.

Der Durchgang führte in einen weiteren Raum hinter dem Büro, der selbigem nicht unähnlicher hätte sein können. In der Mitte befand sich ein metallischer Quader, etwa hüfthoch, über dem bläulich schimmernd eine Art Hologramm schwebte – eine Person, augenscheinlich ein Mann, der sich gerade an der Nase kratzte. An den Wänden des quadratischen Raumes befanden sich verschiedentlich Bildschirme, jedoch wie Bilder gefasst in kunstvoll verzierte Rahmen. Die Bildschirme zeigten Videoausschnitte, Personen, häufig wie von Überwachungskameras aus raumhohen Positionen. Gelegentlich schalteten die Bildschirme zu anderen Perspektiven oder Personen um. Andreas bestaunte die fortschrittliche Technik für einen Augenblick.

“Sehen Sie, Glück ist eine sehr einfache Sache.” Der Anzugträger hatte sich inzwischen die Krawatte gelockert und auf einen kleinen Sekretär gelegt, der ebenfalls im Raum stand und den Andreas bis dahin nicht bemerkt hatte. Die Brille landete neben der Krawatte, und als sich der Mann auch noch des Sakkos entledigte und den obersten Knopf seines Hemdes öffnete, wirkte er fast schon wie ein normaler Mensch.

“Wenn Sie sich hier umschauen, Andreas… ich darf Sie doch Andreas nennen?” Er wartete die Antwort nicht ab. “Wenn Sie sich hier umsehen, was erkennen Sie dann?”

Unweigerlich ließ Andreas noch einmal den Blick durch den Raum gleiten. Einige Bildschirme zeigten ein junges Paar, das sich leidenschaftlich über etwas zu streiten schien. Auf einem anderen Bildschirm war ein Mann zu sehen, der auf seinem Sofa eingeschlafen war. Auf wieder einem anderen Bildschirm konnte Andreas aus einem Ladenfenster heraus beobachten, wie eine junge Frau verzückt die Kleiderpuppen in der Auslage bewunderte.

“Menschen, in all ihren Lebenslagen, nicht wahr?” Erneut hatte der Anzugträger, oder vielmehr der ehemalige Anzugträger, die Antwort nicht abgewartet. Dozierend stolzierte er hingegen mit langen Schritten durch den Raum, wobei er sich die Hemdsärmel aufknöpfte und nach hinten krempelte.

“Menschen sind schon eine fantastische Sache. So wandelbar, so flexibel, so organisch. Und über lange Zeit hinweg gingen wir davon aus, die Krone der Schöpfung zu sein, ein Rätsel der Evolution. Alles würde man enträtseln können, doch die urmenschlichen Gefühle?”

Der Mann ging neben dem Quader in der Raummitte in die Hocke und drückte auf einen unsichtbaren Knopf. Das Hologramm veränderte sich, wurde zu einer Art Tablet, auf dem nun Zahlen, Tabellen und Graphen erschienen.

“Was ist das?” Andreas trat einen Schritt näher und versuchte, die Zahlen zu verstehen. Oft waren die Spalten der Tabellen jedoch nur mit kryptischen Abkürzungen überschrieben. Er verstand kein Wort.

“Das…”, sagte der Mann und machte eine spannungsgeladene Pause. “Das ist der Schlüssel zum Glück.”

Die Worte verhallten für einen kurzen Moment im Raum, beinahe feierlich, als habe er gerade nicht weniger als den Sinn des Lebens verkündet. Doch die verwunderte Begeisterung seines Zuhörers blieb aus, weswegen er fortfuhr.

“Alles, was Sie hier sehen, beschreibt uns Menschen. Körpergröße, Gewicht, Augenfarbe, die Länge ihres rechten Beines. Die Menge der Cornflakes, die sie heute Morgen gegessen haben. Aber natürlich haben wir auch abstraktere Werte, Kennzahlen. Hier zum Beispiel sehen Sie prozentuale Werte für das Hungergefühl, den Durst, das Temperaturempfinden. Daneben die aktuelle Laune. Oh, hier zum Beispiel ist jemand ziemlich übel gelaunt im Moment.”

Er deutete auf einen Eintrag, vor dessen Launenwert ein gut ersichtliches Minuszeichen prangte. Der Anblick allein bereitete schon ein schlechtes Gefühl.

“Sie werden sich fragen: Woher wissen die das alles denn? Wie bemisst man denn die Laune? Und das sind gute Fragen!”

Inzwischen hatte der Mann nichts mehr von dem verbeamteten Anzugträger, dem Andreas noch wenige Minuten zuvor gegenüber gesessen hatte. Er hatte sich in eine Art begeisterte Rage geredet, als erzähle er vom Grundgefüge der gesamten Welt. Ganz offensichtlich lag ihm dieses Thema sehr am Herzen.

“Letztlich sind all diese Metriken eine reine Konvention. Eine Frage der Definition. Wie und woran bemesse ich denn die Temperatur? Ich suche mir Ankerpunkte in der Realität, etwa das Gefrieren und das Sieden von Wasser, benenne beide mit numerischen Werten und unterteile anschließend den Rest der Skala in gleichen Abständen. Und schon habe ich eine Metrik, mit der ich operieren kann!”

Er deutete mit der linken Hand wieder auf das Tablet, auf dem momentan verschiedene Graphen zu sehen waren.

“Wir haben dieses Konzept lediglich weiter abstrahiert, neue Werte, neue Metriken geschaffen. Ihr ganzes Leben lässt sich auf Zahlen reduzieren: Wie viele Freunde haben Sie? Wie lange gehen sie pro Woche zum Sport? Wie viel Flüssigkeit verlieren Sie an einem heißen Sommertag durch Schweiß?”

Andreas schüttelte widerstrebend den Kopf.

“Und wenn ich Sie frage, ob Sie ihre Frau lieben? Das ist eine klare Ja-Nein-Frage.”

Der leise Triumph, den er verspürt hatte, als ihm diese Frage eingefallen war, wurde umgehend weggewischt.

“Ebenfalls numerisch, nur eben binär! Liebe ich meinen Mann? Eine Eins für Ja, eine Null für Nein. Und schon haben wir eine binäre Metrik. Zahlen. Am Ende besteht das ganze Leben nur aus Zahlen, Werten, numerischen Größen!”

Andreas war noch immer bei der Vorstellung verhaftet, dass sein Gegenüber mit einem Mann liiert war. Die eigentliche Erkenntnis dieser Aussage brauchte etwas länger.

“Was hat das alles mit Glück zu tun?”

Der Mann schnalzte zufrieden mit der Zunge und applaudierte gespielt.

“Sehr gut. Sehr sehr gut. Was ist also Glück? Nun, sehen Sie, wenn alles im Leben reduziert werden kann auf Zahlen, wieso dann nicht auch Glück? Glück ist nur eine weitere Kennzahl, ein abhängiger Wert. Nein, warten Sie, ich erkläre es Ihnen.”

Er wischte mit der Hand durch das holographische Tablet und wie aus dem Nichts erschienen kleine runde Kreise, die miteinander durch Linien verbunden und verknüpft waren.

“Glück ist eine diffizile Sache, das will ich gar nicht in Abrede stellen. Wenn ich Sie fragen würde, wie glücklich sie gerade sind, was würden sie mir wohl antworten? Schwierig. Und ich werde kaum einen Indikator finden, der mir in der Realität als Anker dienen könnte. Wann ist jemand vollständig glücklich? Oder vollständig glücklos? Wann ist etwas Glück – und wann ist es nur Zufriedenheit?”

Das Sprachtempo des Mannes wurde immer wilder, aufgeregter.

“Sehen Sie, es ist kompliziert. Das macht die Sache ja so toll! Glück ist abhängig von den verschiedensten Faktoren. Hunger, Gewicht, Ausdauer beim Beischlaf, Lohn, Anzahl der Autos, Kinder – oder manchmal auch das Fehlen von Kindern – der Liebeswert des zuletzt gelesenen Buches. All das fließt in die Kennzahl Glück mit ein. Wenn Sie also Ihr Glück ermitteln wollen, brauchen Sie nur einen Algorithmus, der diese ganzen Werte ermittelt und nach einem definierten Schlüssel kombiniert. Abgestimmt natürlich auf Ihre Person. Et voilà – schon haben Sie einen Indikator für Ihr aktuelles Glücksempfinden!”

Die holographischen Kreise stoben auseinander und in ihrer Mitte ploppte eine große orange Zahl auf.

20,6

Andreas ließ die Zahl für einen Moment auf sich wirken.

“Das… das ist also mein Glückswert?”

Der Mann strahlte mehr als selbstzufrieden.

“Ja, ist das nicht fantastisch? Wir wissen nun genau, dass Sie 20,6 glücklich sind. Kein herausragender Wert, aber das Schöne ist, wir könnten herausfinden, woran es liegt. Geben Sie mir einen kurzen Moment…”

Andreas machte sich gar nicht erst die Mühe zu fragen, woher der Mann plötzlich die Tastatur hatte, auf der er nun wild umher tippte. Längst hatte er aufgegeben verstehen zu wollen, was in diesem Raum vor sich ging. Nur diese dicke orange Zahl schwebte weiterhin wie eine Drohung vor ihm im Raum.

“Ach, da sieh an… Sie wurden kürzlich von Ihrer Freundin verlassen… Sie halten sich selbst für zu dick. Oh, da kann ich Sie beruhigen, ihr Maßwert liegt noch im mittleren Drittel, aber schon am oberen Ende. Haben Sie schon versucht, weniger von diesen Pasteten zu essen? Sie sind mit ihrem Gehalt unzufrieden und fühlen sich vom Staat gegängelt. Außerdem… oh, was ist das? Hier ändert sich gerade etwas. Ihr Streben nach Glück ist gerade massiv abgestürzt! Was ist passiert? Herr Schilling?”

Fast schon bestürzt blickte der Mann von seiner Tastatur empor. Der Raum war leer.

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