Ein.wege-Solidarität

Es ist wirklich nicht Vieles gut gelaufen in dieser ganzen Corona-Pandemie. Insbesondere die Politik, die qua Amt durch diese schwierige Phase führen sollte, glänzt über Strecken durch mal zögerliches, mal halbherziges Handeln, mit einem Auge stets zur nahenden Bundestagswahl schielend. Verspätete Reaktionen auf das Virus, halbherzige Maßnahmen, die uns nun – wie von vielen Seiten vorangekündigt – in eine langfristige Phase der halbgaren Einschränkungen manövriert haben, Schwachstellen bei der Impfstoffbestellung, bei der Verteilung desselbigen, Interessenskonflikte, Maskenkorruption, Kompetenz- und Machtspiele auf offener Bühne. Das ist keine vollständige Liste, und die Pandemie ist noch gar nicht vorüber.

Nun, da ein zumindest erkennbarer Teil der Bevölkerung geimpft worden und somit wenigstens vor den härtesten Folgen der Pandemie bewahrt ist, also langfristigen Aufenthalten auf Intensivstationen und bisweilen auch dem Tod, beginnt jedoch ein Spiel, das mir die Zornesfalten stärker auf die Stirn treibt als der ganze Klimbim zuvor. Forderungen werden laut nach Erleichterungen für die bereits Geimpften und Genesenen, damit sie sich nicht mehr dem Freiheitsentzug unterwerfen müssen. Eine perfidere und demütigendere einseitige Aufkündigung von Solidarität habe ich in meinem Leben noch nicht erfahren.

Mit dieser Einstellung klinge ich gewiss erst einmal wie jemand, der unter „Impfneid“ leidet, wie es in der Presse manchmal zu lesen ist. Eine besonders perfide, aber heutigentags durchaus übliche Art von Kommunikation, mit der Menschen, die Kritik üben, mit negativen Charaktereigenschaften besetzt und dann als irrelevant in eine bestimmte Ecke gestellt werden. „Impfneid“ – das soll wohl soviel heißen wie dass ich anderen nicht gönne, vor mir geimpft zu sein und vor mir Freiheiten zu erhalten. Aber wisst ihr was? Im Kern trifft es den Punkt trotzdem ganz gut. Wenngleich aus anderen Gründen.

Diese ganze Pandemie stand unter dem Zeichen von „Solidarität“ mit Mitmenschen. Warum bleibe ich wohl seit Monaten zuhause und verlasse meine Wohnung nur noch für dringend notwendige Einkäufe? Oder für Spaziergänge, aber nicht in der Stadt, sondern irgendwo auf freiem Felde wo ich möglichst keinem anderen Menschen begegnen kann? Womöglich stünden meine Überlebenschancen im Falle einer Infektion mit Anfang 30 gar nicht so schlecht. Zumindest könnte ich versuchen abzuwägen, ob ich das Risiko im Gegenzug für meine alltägliche Freiheit in Kauf nehme.

Das funktioniert aber nicht, da ich eben nicht nur potentieller Empfänger des Virus bin, der sich selbst schützen möchte. Sondern auch potentieller Träger, der damit – höchstwahrscheinlich unbewusst – andere Leute ansteckt, die aus diversen Gründen, seien es hohes Alter, Vorerkrankungen oder sonstige Dispositionen, mit hoher Wahrscheinlichkeit schwer erkranken und vielleicht sogar daran sterben würden. „Bleiben Sie Zuhause, für sich und andere!“ wurde da kolportiert und geworben, um die zwischenmenschlichen Kontakte so gering wie irgend möglich zu halten. Das, wohlgemerkt, bei offen gehaltenen Schulen, teils dicht gedrängten Bussen und Bahnen im ÖPNV und erst keiner, dann einer windelweichen Homeoffice-Pflicht für Arbeitgeber. Man setzte auf Vernunft, auf Miteinander, auf Solidarität. „Bleiben Sie zuhause, schützen Sie andere!“. Solidarität war gefragt.

Die gleiche Solidarität gilt auch an anderer Stelle, wenngleich instruiert durch eine wie auch immer besetzte Ethikkommission, die stellvertretend für alle anderen BürgerInnen entscheidet, welche Impfreihenfolge in Anbetracht knapper Impfstoffvorkommen moralisch die tragbarste wäre. Als junger Mensch kann ich das schon durchhalten, meine Chancen schwer zu erkranken liegen auch niedriger, also muss ich mich, obwohl Leistungsträger der Gesellschaft, damit abfinden, dass zunächst alle Alten geimpft werden. Es gäbe ja durchaus auch andere Reihenfolgen, die ebenfalls aus praktischer und moralischer Sicht begründbar wären. Aber wer würde sich da schon erheben und sagen „Sollen die doch ihr Leben riskieren, Hauptsache ich kann abends in die Bar!“? Ich möchte also nicht sagen, dass die vorgeschlagene und umgesetzte Impfreihenfolge verkehrt gewesen wäre. Sie ist jedoch keine Selbstverständlichkeit. Sondern ein Zeichen von gesellschaftlicher Solidarität.

Spannend nun, dass ausgerechnet als ein großer Teil der älteren Bevölkerung fertig geimpft ist, plötzlich Stimmen und Versuche laut werden, besagte Geimpfte von all den Zwängen und Ketten zu befreien, die bislang allen auferlegt waren. Wohlgemerkt nur diesen. Wer geimpft ist, der möge doch bitte auch wieder Zugang erhalten zu allen möglichen Institutionen, Kulturveranstaltungen, was auch immer. Aus einer ersten, naiven Betrachtung heraus mag das angemessen erscheinen. Wir alle sehnen uns zurück nach der Freiheit, unser Leben miteinander und so verbringen zu können, wie wir uns das vorstellen. Und was geht mir schon dabei verloren, wenn andere vor mir bereits die Freiheit zurückerhalten, die wir uns doch ohnehin alle ersehnen?

Solidarität.

Denn wer so argumentiert, der scheint zu vergessen, dass Solidarität nur dann funktionieren kann, wenn alle gemeinsam aufeinander achten. Nicht, wenn man erwartet, dass eine Bevölkerungsgruppe in überwiegendem Maße die Solidarleistungen zu schultern hat. Es macht mich stinksauer, wenn ich im einen Atemzug hören darf „Ach komm, ihr jungen Leute, ihr seid stark, ihr haltet das aus!“ und „Werd jetzt nicht nachlässig! Es sind doch nur [sic!] noch ein paar Monate!“, ganz so, als sei es doch eine Selbstverständlichkeit, dass ich, gewissermaßen in der Blüte meiner Jahre, problemlos durch die Pandemie rutsche. Wo anderen Altersschichten erhebliche Einbußen durch die Pandemie zugesprochen werden, da hat die arbeitende Bevölkerung nach der Schule und vor der Rente einfach mitzuspielen. Psychische Belastungen bei Leuten in den 20ern und 30ern? Oder der Verlust ihrer Chancen, Hoffnungen, Träume und Freiheiten? Nebensache, eine Gesellschaft kann sich offenbar nicht um alles und alle kümmern.

Wie schnell war man im letzten Jahr bei der Hand, als es mancherorts zu illegalen Partys kam, auf denen sich junge Menschen zusammen fanden um wenigstens ein bisschen ihres alten Lebens zurück zu erhalten. Keine Glanztat, bei Weitem nicht, sondern ein riskantes und unsolidarisches Verhalten par excellence. Darüber gibt es nichts zu streiten. In den darauffolgenden Tagen: Meldungen über die Partys auf den Startseiten der News-Sites, und viele Finger, die auf die jungen Menschen deuteten und sie anklagten. „Muss das wirklich sein? Können die nicht einen Sommer mal ohne Party auskommen?! Wir sind in einer verdammten Pandemie!“

Da möchte man jetzt doch fast zurück deuten auf die Geimpften, die Genesenen, und fragen: „Muss das wirklich sein? Können die nicht ein paar Monate noch warten, bis alle die Chance hatten, sich impfen zu lassen?“ Denn darum geht es doch. Niemandem soll die Freiheit verwehrt oder vergällt werden. Doch wenn eine Impfpriorisierung nach Alter und Risiko erfolgt ist, dann doch nicht, damit genau jene Personen zuerst wieder ihre Freiheit erlangen – sondern damit die Zahl der Todesopfer so gering wie möglich gehalten wird. Jetzt wäre die Solidarität in die andere Richtung, gegenüber den jungen Menschen gefragt. Und sie wird einseitig aufgekündigt.

Nicht nur das. Wenn ich mich erst monatelang in einer kleinen Wohnung einbunkere und mein Leben drastisch einschränke zum Wohle anderer Menschen und hinterher verlange, dass wenigstens gewartet werden könnte bis ALLE die Chance hatten, eine Impfung zu bekommen und die Freiheiten wieder in Anspruch nehmen zu können, titeln Zeitungen plötzlich mit „Impfneid“. Wer schreibt solche Artikel? Leute 65+? Anders lässt sich das ja kaum erklären. Wie perfide ist es, jemanden so zu deklassieren, der lediglich die Einhaltung einer vorher gesellschaftlich geschlossenen Vereinbarung einfordert? Das ist, als hätte ich einen Kaufvertrag geschlossen und die Ware übergeben, doch wenn ich dann auch gerne das Geld dafür hätte, zeigen plötzlich lauter andere Kunden auf mich und beschweren sich, ich sollte doch mal bitte nicht so knausrig sein und mir ginge es doch gut, was würde mir im Leben schon groß fehlen wenn ich diese Zahlung jetzt nicht erhielte?

Ich kann euch gar nicht sagen, wie wütend mich diese gesellschaftliche Bankrotterklärung macht. Und zwar eben NICHT, weil ich ein „Impfneider“ wäre, wie von Zeitungen behauptet. Wenn ich ehrlich bin, würde sich in meinem Leben gegenwärtig wohl nicht viel ändern, wenn ich geimpft wäre. Es wird sicherlich noch lange dauern, bis ich wieder das Gefühl habe, unter Menschen gehen zu können – nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern einfach, weil ich das nicht mehr gewohnt bin. Es geht mir hierbei um gesellschaftliche Prinzipien und das Fundament, auf dem unsere Gesellschaften gegründet sind. Solidarität ist eben keine Einbahnstraße, auch wenn man in den letzten Jahren zunehmend diesen Eindruck gewinnen könnte.

Übrigens gibt es ein paar weitere Dinge, über die man sich Gedanken machen könnte, ehe man voreilig Lockerungen für Geimpfte verlangt. Was passiert denn wohl, wenn man den Geimpften wieder alle Freiheiten zurückgibt? Sie werden von diesen Freiheiten Gebrauch machen und sich wieder in den öffentlichen Raum begeben, beispielsweise auch durch Nutzung des ÖPNV. Das bedeutet zusätzliches Gedränge in Bus und Bahn – ein Ärgernis nicht nur aufgrund des mangelnden Platzes. Denn auch bislang Ungeimpfte rücken so wieder näher zusammen und bieten dem Virus somit bestmögliche Ansteckungsoptionen. Ungeimpfte, die diesen außerhäuslichen Wegstrecken nicht entfliehen können, weil sie aus welchen Gründen auch immer einer Tätigkeit nachgehen, die nicht im Homeoffice erledigt werden kann. Das ist für diese Menschen dann gleich eine doppelte Freude – man darf im dichten Gedränge mit den befreiten Menschen fahren und sich gleichzeitig noch einem erhöhten Ansteckungsrisiko aussetzen. Wenn das mal keine gelebte Solidarität ist?

Für die Regierenden sind solche Öffnungsschritte freilich wohlfeil. Zu offensichtlich ist das Versagen der Politik in dem Versuch, für eine breite und schnelle Impfstoffversorgung der gesamten Bevölkerung in überschaubarer Zeit zu sorgen. Und mit jedem Tag, da diese Pandemie andauert und große Teile der Bevölkerung noch nicht einmal primär geimpft sind, wächst der politische Druck. Mitten in einem Superwahljahr. Ein GAU. Da hilft es, wenn man wenigstens ein bisschen Druck ablassen kann – und einfach die bereits Geimpften wieder auf die Welt loslässt. Wer seine Freiheiten wieder hat, der wird sich kaum auf die Straße stellen und jammern. Im Gegenteil, müsste derjenige dann nicht sogar Dankbarkeit zeigen? Die Stimmen all derer jedoch, die dann immer noch mit der Pandemie auskommen müssen, werden leiser. Und auf die hat man bislang schließlich auch nicht gehört, wieso sollte man nun damit anfangen? Eine glückliche Fügung für den politischen Entscheidungsträger: die Kritik wird leiser und man kann sich für den Wahlkampf sogar noch brüsten damit, dass man ja schließlich alles tue, um die Freiheiten wieder zu gewähren. Hat die Solidarität nicht prächtig funktioniert? Praktisch, dass Kritik im isolierten Homeoffice nicht in die Öffentlichkeit dringt.

Vielleicht ist in den obigen Absätzen durchgedrungen, dass mich die aktuelle Debatte maßlos verärgert. Weil sie gezeichnet ist von einem Egoismus und einem Verständnis von Solidarität, denen ich nichts, aber auch rein gar nichts abgewinnen kann. Gesellschaften funktionieren nur, wenn alle Beteiligten daran das Gefühl haben, insgesamt einen Vorteil aus der Gemeinschaft zu ziehen. Das erfordert in sehr vielen Dingen Kompromisse und Übereinkünfte. Doch wenn selbige zu sehr zu Lasten einer Gruppe von Menschen passieren, gerät das gesamte Gefüge außer Gleichgewicht.

Die Lösung für das ganze Dilemma? Denkbar einfach. Hört auf, Freiheiten zu fordern, solange nicht alle BürgerInnen die Chance hatten, die Voraussetzung für diese Freiheiten – also die Impfung – auch zu erbringen. Setzt euch lieber dafür ein, dass die Beschaffung und Verbreitung des Impfstoffs noch schneller erfolgt, damit die gesamte Bevölkerung gemeinsam das Joch der Pandemie verlassen kann. Erhöht den politischen Druck, dass mehr Kapazitäten geschaffen und Produktionswege auch innerhalb Deutschlands und Europas erwogen werden. Oder übt euch einfach ein bisschen in Geduld. Die kann man schließlich nicht nur verlangen, sondern bisweilen auch einmal selbst haben. Ganz solidarisch.

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