[GER] Kultur ist für mich…?

Dear English readers, this article is some contribution to a German blog campaign about culture. It is most likely I will not provide any translation this time. But I promise: the next articles will be in English again! 😉

Auch dieses Mal gibt es einen – diesmal deutschen – Audioschnipsel von 33 Minuten Länge zum Thema. Diesmal allerdings nicht der geschriebene Text einfach vorgelesen. Stattdessen habe ich mich etwas freier am Text entlang gehangelt und über meine Gedanken zur Kultur gesprochen. Enthalten sind daher einige Zusätze, die mir erst in der Aufnahme aufgefallen sind, sowie einige etwas tiefere Einblicke in manche Aspekte. Oder ein paar Secrets. Je nachdem. Ich hoffe, ihr habt auch diesmal Spaß mit Text und Audio!

Kultur ist für mich – Download (MP3)

 

Kultur ist für mich…? Das ist die Frage, die Tanja Praske in ihrer aktuellen Blogparade: “Kultur ist für mich…” stellt, neukulturell natürlich auch gleich mit dem passenden Hashtag #KultDef versehen. Und wie sie in ihrem Blogeintrag bereits deutlich macht, ist diese Frage nicht eindeutig, aber schon gar nicht einheitlich zu beantworten. Wie wäre es beispielsweise mit einer philosophischen Antwort wie “Kultur ist für mich das, was den Menschen menschlich macht”. Man könnte sich auch als Verfasser eines Lexikoneintrages bewerben und Kultur als die Gesamtsumme aller mentalen, künstlerischen, Gemeinschaft stiftenden Werke der Menschheit definieren. Oder man kehrt zurück in die Welt der Literatur, bedient sich vielseits geliebter Sprachbilder: “Kultur ist, so sprach der Mensch, Luft zum Atmen, Boden als Halt, Baum als Stütze und Feuer als treibende Kraft”. Man kann es aber auch machen wie ich – und einfach in einigen Absätzen über den Begriff schwadronieren, wie ich ihn eben so wahrnehme. Dafür muss ich aber zunächst ein kleines bisschen ausholen.

Vor einigen Jahren, noch mitten in meinem Studium der Ägyptologie verhangen, sah ich mich schon einmal mit dieser Fragestellung konfrontiert. Ägyptologie, das ist nicht nur Geisteswissenschaft, sondern eben auch Kulturwissenschaft. Wir Ägyptologen rühmen uns nicht selten damit, dass WIR noch die gesamte Bandbreite einer antiken Kultur erforschen. Religion, Landeskunde, Sprache, Schrift, soziale Schichtungen, Architektur, Geologie, kulturelle Werke, auch in groben Zügen eine Anpassung an die aktuellen ländlichen Gegebenheiten sind Bestandteil unserer Ausbildung. Das kennt man nur noch selten, zumeist hat man sich wie beim Studium der antiken europäischen Kulturen zu einer Ausdifferenzierung der einzelnen Disziplinen entschieden. Aber das nur als kleiner Background für all jene, die mit Ägyptologie so gar nichts anfangen können.

Als Kulturwissenschaftler kommen wir nicht umhin, uns gelegentlich auch mit allgemeineren, kulturtheoretischen Begriffen und Methoden herum zu schlagen. Was mir persönlich sogar äußerst gut gefallen hat. “Begriffe und Terminologie der Ägyptologie” oder so ähnlich hieß die passende Lehrveranstaltung damals – leider eine Eintagsfliege, die es zumindest Zeit meines Studiums nicht mehr ins Curriculum geschafft hat. Zu meinem großen Bedauern. Inhalt war kein schnöder Frontalunterricht, sondern eine lockere Diskussionsrunde. Und gleich einer der ersten Begriffe, die wir in 90 Minuten ausführlich diskutieren sollten, war “Kultur”.

Jetzt bin ich also beim Thema angekommen. Was ist Kultur? Kultur ist zunächst einmal ein Wort, das höchst mannigfaltig verwendet wird. Ich will ein paar Beispiele geben:

  • Kultur kann die Summe der künstlerischen und geistigen Werke einer bestimmten Gruppe von Menschen, aber auch der gesamten Menschheit sein.
  • Kultur kann eine Gruppe von Menschen beschreiben, die durch ihre geistige Grundhaltung, ihre sprachliche Diversität von anderen Gruppierungen unterschieden werden können. Oder Menschen, die sich einfach zusammengehörig fühlen. Die sich eben als “kultureller Kreis” verstehen.
  • Kultur hat offenkundig auch hygienische Auswirkungen. Wieso sonst sollte es einen “Kulturbeutel” geben, in dem man üblicherweise Hygieneartikel verstaut?
  • Kultur kommt vom lateinischen colere (colo, colui, cultum), vielleicht aber auch direkt von cultus. Der Einfachheit halber habe ich einfach mal einen Screenshot des Suchergebnisses von Auxilium-Online integriert, um die Bandbreite des lateinischen Grundwortes zu unterstreichen.Kultur
  • Kultur ist darauf aufbauend eine Bezeichnung in der Medizin (man denke an Bakterienkulturen) oder im biologischen Bereich (verschiedene Pflanzkulturen), die dennoch allesamt eines gemeinsam haben: Sie müssen kultiviert werden.
  • Kultur gibt es auch in Computerspielen – in Strategietiteln wie Civilization (Nachspielen der menschlichen Entwicklungsgeschichte) oder Sins of a Solar Empire (Weltraumstrategie) dient Kultur zum einen als Grundlage für die territoriale Ausdehnung, aber auch für die gewaltfreie Missionierung benachbarter neutraler oder feindlicher Ortschaften.
  • Kultur ist ein Magnet für Touristen und Bildungssuchende.
  • Kultur wird grundsätzlich manchmal als Maßstab für Bildung herangezogen, denn wer sonst könnte wohl “kultiviert” genannt werden?
  • Kultur kann aber auch negativ konnotiert sein – für manche Leute ist bereits das regelmäßige Besuchen von Theatern, Opern und anderen Tempeln der Kultur eine kulturelle Aktivität, Grundbedingung für kulturelles Dasein und Partizipation an einer kulturell gebildeten Bürgerschicht.

Ich bin mir sicher, im Laufe der Zeit würden mir noch einige weitere Dinge einfallen. Wir erkennen: Der Begriff Kultur ist ungemein vielfältig und wird sehr verschieden eingesetzt. Je nach Kontext kann er dabei durchaus auch negativ gebraucht oder verstanden werden. Nicht jeder wird nachvollziehen können, wie Menschen sich wöchentlich abends schick machen und in steifem Anzug ins Theater eilen, um dort Schauspielern bei der Aufführung langweiliger Texte zuzusehen. Umgekehrt kann auch nicht jeder den Reiz gewisser Trinkkulturen eher mäßig frequentierter Stadtrandkneipen nachempfinden. Ich möchte diese Wertung daher an dieser Stelle ausklammern und versuchen, grundlegende Typen von Kultur zu kreieren:

  1. Kultur der Wissenschaft. Das scheint mir der pragmatischste aller Ansätze zu sein. Ohne Wertung werden als Kultur einfach Dinge interpretiert, die einen geistigen Schaffenshintergrund besitzen und als solche auch einen gewissen Wert innehaben. Beispielsweise Theaterstücke, Kinofilme, Bücher. Die Abgrenzung mag bisweilen für den Einzelnen schwierig sein – für mich sind Videospiele beispielsweise ebenfalls Ausdruck von Kultur, manch einer mag dies aus der subjektiven Sicht eigener Interessen anders empfinden. Zugrunde liegt all dem jedoch ein gewisser Konsens verschiedener Personen. Hat nur ein Mensch die Idee, am Ufer aus Steinen eine kleine Figur zu bauen, mag das noch keine Kultur sein. Doch wenn andere dies als Symbol, als Kunst, als nette Idee wahrnehmen, vielleicht sogar wiederholen, kann daraus eine kulturelle Begebenheit entstehen. Umgekehrt erhält ein Kunstwerk im Museum seinen Wert durch die Anerkennung der Schaffenskraft eines Künstlers, während eben diese Werke noch zu Lebzeiten der Künstler oftmals ignoriert und daher keineswegs als Kultur verstanden wurden. Der Kulturbegriff ist kein statischer, es gibt keinen festen Rahmen, den man um alle Kulturwerke herum ziehen kann, vielmehr kann sich schon durch die reine Überlegung, OB etwas dem Kulturbegriff zugehörig sein könnte, dessen Status bereits ändern. Dennoch bleibt dieses Verständnis von Kultur nüchtern, eine simple Auflistung, die am Ende doch nicht so simpel ist.
  2. Kultur als Abgrenzung. Es spielt keine Rolle, ob man Kultur hierbei als Sammlung von Kunstwerken, als Musik des Volkes oder aber als persönliches Zugehörigkeitsgefühl zu einem Kulturkreis auffasst. Eine Kultur ist als solche nur dann beständig, wenn sie sich abgrenzen kann gegen eine andere, und wenn es die Kulturlosigkeit selbst ist. Das fängt bereits in der Antike an, in der sich die großen Zivilisationen als kulturelle Schwergewichte neben dem barbarischen Unrat empfanden, der neben ihnen wucherte. Das hält sich bis heute, wenn in Flüchtlingsdebatten von slawischen oder baltischen Kulturkreisen die Rede ist oder wir uns von einem vermeintlich islamischen Kulturkreis überrannt fühlen. Kultur geht hier nahtlos in das Konzept Identität über, denn Kultur ist eine Notwendigkeit, eine Basis für eine Gemeinschaft, gewissermaßen eine Art gemeinsamer Nenner, auf den man sich geeinigt hat, dem gegenüber man sich verpflichtet fühlt. Die Partizipation an der Kultur kann aktivisch und passivisch sein, durch die Schaffung neuer kultureller Gedanken oder die Rezeption derselbigen. Doch noch mehr: Die Partizipation an Kultur kann positiv und negativ sein, durch die Anerkennung und Akzeptanz einer Kultur ebenso wie durch die aktive Negierung derselbigen. Denn auch die eigene Leugnung und Ablehnung einer Kultur kann nur dann stark und mit Folgen versehen sein, wenn man selbst Bestandteil des kulturellen Kreises ist. Letzteres lasse ich zumindest mal so als Diskussionsansatz im Raum stehen.
    Kultur dient als Möglichkeit, sich selbst Identität zu verschaffen und sich zugehörig zu fühlen, sich gleichzeitig eben aber auch abzugrenzen gegenüber allem, was anders ist. Der Begriff ist erneut nicht so statisch, wie diese Definition es vormachen möchte. Es ist fraglos möglich, kulturelle Kreise zu wechseln, seien sie sozial, religiös, akademisch. Es ist auch möglich, verschiedenen Kreisen, verschiedenen Kulturen anzugehören, sich zwischen ihnen zu bewegen wie eine Spinne in ihrem Netz. Es bleibt am Schluss eben nur diese eine Aussage: Kultur muss Abgrenzung sein, da sie sonst nicht existieren würde.
  3. Kultur als Grundlage und Entwicklung, als dynamisches Wachsen. Denn wie sonst ließe sich erklären, dass das Aufpeppeln von Bakterien, von Pflanzen als “Kultivierung” verstanden wird, als die Aufzucht von “Kulturen”. Naturgemäß ist dieser Begriff dabei sehr nahe an der bereits beschriebenen Funktion der Kultur als Abgrenzung angelegt. Verschiedene Pflanzkulturen kennzeichnen sich eben dadurch, dass sie verschiedenartig, also voneinander abgrenzbar sind. Aber hier schwingt mehr mit. Hier kommen die lateinischen Wurzeln des Wortes zum Tragen: bebauen, pflegen, bestellen. Ähnlich wie Pflanzen und Bakterien muss auch die menschliche Kultur gepflegt und bewässert werden, damit sie sich entwickelt. Selbstverständlich haben wir heute nicht mehr die gleichen kulturellen Begebenheiten wie zu Zeiten der Antike oder im Mittelalter. Unsere Geschichte, unsere Kultur baut auf den Fundamenten auf, die in der Vergangenheit errichtet wurden, doch mit jedem neuen Tag verändert sich das Gesamtgebilde. Nicht unbedingt immer nach oben, wie man Fortschritt in diesem Zusammenhang vielleicht gerne verstanden haben möchte, sondern vielmehr in alle Richtungen, und manchmal äußerst unerwartet. Der Nährboden für Kultur ist dabei nicht nur der menschliche Intellekt und die geistige Schöpfungskraft, sondern – das scheint mir ein wichtiger Gedanken zu sein – auch die Ignoranz, gar die Bekämpfung solcher Bestrebungen. Wir kennen das von Kindern: Wird denen etwas verboten, gewinnt die Beschäftigung damit erst richtig an Reiz. Und wenigstens mir persönlich geht es nicht selten so, dass ich gerade dann, wenn jemand Dinge als unmöglich, als schwer, als absurd abtut, nun erst Recht das Gegenteil beweisen möchte. Selten mit Erfolg. Doch ohne den Versuch bliebe Kultur ohne Veränderung. Kultur ist folglich ein dynamisches und flexibles Gebilde, das sich über die Zeit hinweg beständig weiter entwickelt.

Wir erkennen: Kultur ist ein ungemein vielfältiges Gebilde. Sie wird sprachlich an vielen unterschiedlichen Orten verwendet, ihr liegen sehr verschiedene kulturelle Konzepte zugrunde und keines dieser Konzepte ist derart scharf ausgestaltet, dass man eine finale Antwort auf die ursprüngliche Frage geben könnte. Das ist die Stärke, aber vielleicht auch eine der größten Schwächen der Kulturwissenschaft: die unbestimmte Schwammigkeit ihrer Ansätze. Wer in dieser technisch-finanzielle Welt klare Fakten, eindeutige Zahlen, deterministische Algorithmen erwartet, findet in kulturtheoretischen und auch philosophischen Ansätzen keinen Frieden. Zu oft gibt es hier keine klaren, eindeutigen Antworten, nicht selten sogar keine Antwort. Wenigstens auf wissenschaftlichem Gebiet sollte sich das ändern. Die reine Fixation auf endständige Wissenschaften beraubt uns letztlich genau der vermeintlichen Schwäche, der eigentlichen Stärke der Kultur. Dieser Flexibilität und Offenheit. Zu oft sind dies leider Erkenntnisse, die Menschen erst im Alter erlangen – oder nie, wenn sie zu sehr von der Einfachheit der “realen Welt” erobert wurden.

Zum Abschluss will ich nun noch einmal zur ursprünglichen Fragestellung zurückkehren. “Kultur ist für mich…?” – auf jeden Fall vielseitig und viele Worte wert. Eine Ablenkung. Der Beweis für die Überlegenheit menschlichen Intellekts. Oder dessen Existenz? Aber tatsächlich auch Bedrohung, Grundlage für Konflikte und Kriege.

Am Ende komme ich dann doch zu einer sehr knappen Schlussfolgerung: Kultur ist für mich die Suche des Menschen nach sich selbst. Mit all ihren Konsequenzen.