[GER] Was ist eigentlich… #Shadowrun?

“Was ist eigentlich…” ist eine neue Artikelreihe, die verschiedenen modischen Begriffen, Theorien, Technologien oder Aktivitäten auf den Zahn fühlen soll. Ein schneller Überblick, worum es sich handelt – mit den wichtigsten Adressen, an denen Interessierte weitere Informationen abholen können.

Dieses Mal geht es um das Tabletop-System Shadowrun. Was ist ein Rollenspielsystem? Und was ist dieses Shadowrun? Was macht so viel Spaß daran? Und wenn ich es selbst versuchen möchte – was brauche ich dazu? Die ersten Antworten auf diese Fragen findest du hoffentlich in diesem Beitrag.

Erst einmal: Was ist eigentlich… Rollenspiel?

Tabletop, Rollenspiel, Pen & Paper – unter diesen Begriffen versammelt sich eine Gattung des interaktiven Zusammenspiels, dessen begeisterte Fans bis heute gemeinhin gerne als “Nerds” beschrieben werden. In kleinen Grüppchen sitzen sie rund um einen Tisch, jeder mit Papier und Stift sowie einem Berg an Würfeln bewaffnet, doch geistig sind sie längst in anderen Welten: sie schnetzeln furchtlos gigantische Drachen, retten hilflose Maiden vor den Sprüchen eines bösen Magiers oder schleichen gemeinsam durch die Schatten, um einem Konzern wichtige Daten zu stehlen.

Was ziemlich abgefahren klingt, hat einen durchaus düsteren Hintergrund. Denn entwickelt haben sich Tabletop Rollenspiele aus dem Kriegshandwerk. Auf Modellschlachtfeldern mit Miniatursoldaten wurden angehende Generäle in der Kunst des Krieges geschult – weitaus billiger, als sie im echten Feld Niederlagen einheimsen zu lassen. Noch heute gibt es diese Variante des Tabletop Roleplayings, in dem faszinierte Spieler ganze Trupps von Spielfiguren über ein Schlachtfeld jagen und so fiktive oder historische Schlachten nachstellen.

Heute bewegt sich das wesentlich harmlosere Rollenspiel sehr häufig in den gleichen Genres, wie man sie auch aus Videospielen, Büchern und Filmen kennt: Fantasy, Science Fiction, History sind beliebte Genres. Und die Welten gehen fließend ineinander über: Wo ein System wie “Dungeons & Dragons” (DnD) Spieleklassiker wie Baldur’s Gate und Neverwinter Nights inspiriert hat, entstand umgekehrt aus dem Adventurehit “Deponia” ein eigenes Rollenspielsystem. Es gibt sogar Spiele, die den Rollenspieler an sich auf die Schippe nehmen – auf der Metaebene (beispielweise Unepic oder Knights of Pen & Paper).

Verglichen mit den eher statischen Unterhaltungskonkurrenten hat das Rollenspiel zahlreiche Vorteile:

  • Rollenspiel ist interaktiv: Anders als bei Film und Fernsehen (oder Netflix) dreht sich hier das Spiel um den Spieler. Die Geschichte wird aktiv erlebt und beeinflusst, nicht nur passiv konsumiert.
  • Rollenspiel ist kreativ: Das Videospiel mag ebenfalls ein aktives Erlebnis erzeugen – doch es hat seine Grenzen. Noch ist der Inhalt eines Spiels limitiert, während das Rollenspiel frei auf jede Idee der Spieler reagieren kann – Grenzen setzt höchstens die Kreativität des Spielleiters.
  • Rollenspiel ist sozial: Soziale Interaktionen in Film und Spiel sind schwierig, Konversationen im Kino eher nicht empfehlenswert. Rollenspiel dagegen braucht soziales Miteinander. Nur, wenn alle Mitspieler aufeinander eingehen und gemeinsam die bunte Welt bauen, in der sie unterwegs sein wollen, gelingt das Spiel.

Was ist eigentlich… Shadowrun?

Shadowrun ist ein amerikanisches Rollenspielsystem (Publisher: Catalyst Game Labs, deutscher Publisher: Pegasus), entstanden im Jahre 1989. In diesem faszinierenden Universum werden verschiedene Genres und Aspekte bunt miteinander vermischt: Science Fiction und Fantasy, Digitales und Magie, Heldentum und Kriminalität. Die Geschichte der Spielwelt ist die der unseren – bis die Macht des Mayakalenders eingreift und zu einem Erwachen unterschiedlichster Rassen (“Metamenschen”) führt. Plötzlich hält die Magie wieder Einzug auf der Erde, Menschen werde als Elfen, Orks, Trolle oder Zwerge wiedergeboren, Drachen fliegen durch die Lüfte und kontrollieren die Menschen.

Der übliche Gang der Menschheitsgeschichte macht vor diesem Ereignis allerdings keinen Halt: Es kommt zu Unruhen und kriegerischen Konflikten, die Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Metatypen hält bis weit in die Zukunft an. Staaten reagieren unterschiedlich auf Minoritäten wie Elfen oder Magiekundige. Gleichzeitig verliert die politische Landschaft ohnehin immer mehr an Einfluss, stattdessen teilen die mächtigsten Großkonzerne die Welt unter sich auf. Mit Shadowrun 5, der aktuellsten Fassung des Rollenspielwerks, befinden wir uns nun jenseits des Jahres 2070, der ökonomische Konflikt spielt sich längst auch in den Weiten der Matrix ab – einer weltumspannenden Variante des Internets, die alles und jeden miteinander verbindet. Welch wundervolle Vorstellung – wären da nicht die Konzerne. Oder die Decker, die mit ihren technischen Fertigkeiten problemlos in jedes System eindringen können…

Shadowrun besticht durch seine absolute Andersartigkeit. Die Spieler sind nicht einfach “Helden”, die ausziehen, um untote Grüfte zu plündern, Dörfer vor einem Drachen zu bewahren oder Kinder aus einem Gefangenenlager zu befreien. Wobei niemand die Charaktere davon abhalten würde, genau das zu tun. Doch als namensgebende Shadowrunner bewegen sich die Spieler weit entfernt jeder Legalität – sie laufen in den Schatten und erledigen für Bares so gut wie jeden Knochenjob, den es zu tun gibt: Infiltrationen, Entführungen, Diebstahl, Zerstörungen. Moral ist in der dystopischen Welt von Shadowrun eine Währung, die sich die wenigsten leisten können. Die Grenze zwischen Held und kriminellem Subjekt, zwischen moralischer Güte und reinem Pragmatismus verschwimmt und gewährt den Charakteren so eine Tiefe, die dem herzensguten Paladin des Helm (DnD) vielleicht fehlt.

Was brauche ich für Shadowrun?

Ein solch komplexes Spiel geht mit komplexen Regeln einher. Wer sich also in ein Abenteuer in den Schatten stürzen möchte, für den reicht nicht nur eine willige Gruppe aus vielleicht drei bis fünf Spielern und einem diabolischen Spielleiter. Glücklicherweise gibt es das Grundregelwerk der aktuellsten Edition inzwischen (21.04.2018) für 20€ in einer (durchsuchbaren!) digitalen Version oder sogar für 10€ als Softcover in einer Papervariante, und darin steht eigentlich alles, was man für einen erfolgreichen Run braucht: Regeln für die Erstellung eines Charakters, Erklärungen zu all den Gegenständen und Fertigkeiten, prosaische Beschreibungen der Spielwelt und detailreiche Anleitungen für die zahlreichen Einzelaspekte des Spiels, z.B. den Kampf, die Matrix, die Magie. Bringt aber etwas Zeit mit für das Studium des Buches – denn übersichtlich angeordnet ist das Regelwerk leider nicht. Insbesondere während des Spiels gehört hektisches Blättern gerne mit dazu.

Wer darüber hinaus noch mehr Informationen benötigt, für den gibt es inzwischen bereits ein breites Angebot an zusätzlichem Lesestoff. Manches davon liefert tiefere und erweiterte Regeln, mehr Waffen und Fertigkeiten. Andere Bücher liefern Hintergrundinformationen – oder spannende Aufträge, die ein Spielleiter haarklein befolgen oder in seine eigenen Überlegungen einfließen lassen kann. Nichts davon ist für eine neue Gruppe von Runnern wirklich notwendig – wer gerade erst ins Spiel reinschnuppert, für den reicht das Grundregelwerk völlig aus.

Für ein klassisches Spielerlebnis versammelt rund um den Tisch braucht es zusätzlich Papier und Stift, ausgedruckte Charakterbögen und Würfel – viele Würfel. Shadowrun braucht, im Gegensatz zu vielen anderen Systemen, vor allem die klassischen sechsseitigen Würfel (W6 oder D6 genannt), aber von denen gleich einen ganzen Haufen. Denn gewürfelt wird mit einem “Würfelpool”, also beispielsweise gleich 17 W6. Gezählt werden anschließend die Erfolge, sämtliche 5er und 6er. Und natürlich die 1er, denn wenn es davon zu viele gibt, erleidet der Spieler einen unangenehmen Patzer – mit den entsprechenden Konsequenzen. 😉

Rollenspieler mit Interesse, Zeit und Engagement sind leider rar gesät, weswegen es heute auch digital Mittel und Wege gibt, sich miteinander in fremden Welten zu verabreden. Prinzipiell reicht dazu schon eine schlichte Audiochat-Sitzung aus – dem Würfelwurf eurer Mitspieler müsst ihr dann aber blind vertrauen. Es gibt daher kaum einen Grund, nicht einen kostenlosen Account bei roll20.net anzulegen – diese Plattform bietet euch nicht nur abgeschlossene Spielräume, in denen ihr euch sogar via Videochat (optional!) treffen könnt. Sie bietet euch auch eine Schreibfläche, in die wild gezeichnet, gemalt, geschrieben werden kann. Oder in der ein Spielleiter aufwändige Spielwelten erzeugen kann, in denen sich die Spieler als kleine Figuren bewegen können.

Ebenfalls erwähnenswert ist der Tabletop Simulator, mit dem sich das Spielerlebnis in eine virtuelle 3D-Umgebung verschieben lässt. Das notwendige Engagement und die Zeit vorausgesetzt lassen sich hier Spieltische virtuell nachbauen und bespielen. Ich selbst habe damit noch keine Erfahrungen gesammelt, aber das ist nur eine Frage der Zeit.

Noch Fragen?

Rollenspiel, Shadowrun und die notwendigen Einkäufe – damit dürften die wichtigsten Einstiegsfragen geklärt sein. Eine neue Rollenspielwelt fordert natürlich vor allem viele Fragen rund um die Umgebung, die Charaktere, die Fertigkeiten, die Rassen und vieles mehr heraus. Wer neben den Quellenbüchern rasche Antworten sucht, dem sei die beherzte Frage an den eigenen Spielleiter anempfohlen. Oder aber ein Blick in die Shadowhelix, eine deutsche Wiki-Seite, auf der zahlreiche Begebenheiten rund um Shadowrun erklärt werden. Besonders faszinierend fand ich beispielsweise den Eintrag für die Stadt Basel – in der ich das heutige Basel recht gut wiedererkannt habe. Mit guten Englischkenntnissen lässt sich auch nach vielen Dingen einfach googlen – vergesst nicht, dass es sich um ein amerikanisches System handelt, das wohl vor allem in den Staaten eine gewisse Popularität hat.

Zum Abschluss möchte ich euch noch zwei Playlists auf Youtube ans Herz legen:

Das deutsche Shadowrun-Abenteuer “Memory Effect” von Mitch, der mit seinen Freunden über bislang 30 Folgen hinweg eine faszinierende Einstiegsgeschichte gebastelt hat und nebenher zahlreiche Regelerklärungen einfließen lässt. Auch seine anderen Rollenspielvideos sind absolut sehenswert weil genial produziert.

Auf Englisch kann ich “Corporate SINs” empfehlen, eine Gruppe aus Seattle, die auf dem Kanal HyperRPG gestreamed hat – ich finde wirklich ganz hervorragend, wie diese Gruppe über ein Jahr hinweg ein gewaltiges Abenteuer gestrickt hat. Schön ist auch, dass sie im Laufe der Zeit ihre Spielweise etwas verändert haben. So verwenden sie am Anfang noch ein “Grid”, also ein Spielbrett, das insbesondere im Kampf spannend werden kann. Später verzichten sie darauf. Keine Spielweise ist besser als die andere – letztlich kommt es auf die Spieler an, was sie gerne hätten und was ihnen mehr Spaß macht.

Wenn ihr sonst noch Fragen habt – dann ab damit in die Kommentare! Und wer Lust auf eine Spielrunde hat – fragt ruhig nach, vielleicht habe ich ja gerade Zeit und Lust, mich mal wieder in eine Mission in den Schatten zu stürzen. 😉 Adios, Chummers!