[GER] LGBT – Man sieht sie, man sieht sie nicht…

Neulich wurde ich auf ein Charakterprofil einer Schweizer Politikerin in einer der hiesigen Zeitungen (ich meine, es war die NZZ) aufmerksam gemacht. Normalerweise werden in diesen kurzen Portraits vor allem die Errungenschaften und Leistungen einer Person aufgezählt. In diesem speziellen Fall schien es dem Redakteur aber wichtig, der Leserschaft ein weiteres Detail nahe zubringen: die gute Dame ist verheiratet, mit einer anderen Frau.

Derlei mediale Offenbarungen lese ich in letzter Zeit häufiger. Man denke etwa an den ehemaligen Landrat aus Regen (Bayern), Michael Adam, der als erster schwuler Landrat in einer vermeintlich stockkonservativen Region gewählt wurde und damit groß in die Presse kam. Für dessen politische Ambitionen man sich eher randständig interessierte – wohl aber für die Tatsache, dass er mit einem Liebhaber inflagranti im Büro erwischt wurde. Abgesehen von der dezenten Anrüchigkeit, die der Nachricht selbstverständlich zusätzlichen Wert verleiht, bleibt die Sexualität eines Menschen weiterhin ein Zuckerl für den Boulevardjournalisten, der damit die niedersten Triebe seiner Leser anschreibt.

Mich machen solche Meldungen allerdings in zwei Richtungen nachdenklich.

Einerseits stört es mich, nein: es ärgert mich. Ich bezweifle, dass sich die oben genannte Schweizer Politikerin maßgeblich durch ihr Privatleben definiert – jedenfalls ihr politisches Wirken wird darunter eher weniger zu leiden haben. Da fiele es schwerer ins Gewicht, wenn ihre Partnerin Chefin eines Medienhauses oder eine mächtige Wirtschaftsmagnatin wäre. Hier ließe sich ein Interessenskonflikt ablesen. Aber so? Oder ist es für das politische Wirken eines jungen Mannes wirklich entscheidend, ob er sich als Schwuler in einer konservativen Region durchsetzen kann? Ich möchte niemandem zu nahe treten, aber ich hoffe doch, dass die sexuellen Eskapaden eines Politikers normalerweise keine schwerwiegenden Auswirkungen auf das Leben der Mitbürger haben.

Das ist im Übrigen etwas, das ich immer wieder mit viel Belustigung zur Kenntnis nehme, wenn sich Menschen, die an schwerer Homophobie erkrankt sind, zum Thema äußern: diese Leidenschaft, sich in die intimsten Angelegenheiten anderer Menschen einzumischen, selbst wenn dieses Privatleben sich hunderte von Kilometern anderswo abspielt. Bisweilen wird das Internet eben zum Schaufenster für den arbeitslosen Gaffer.

Die Geschichte hat aber auch eine zweite Seite, die ich deutlich positiver bewerte. Denn nicht nur für mich, insbesondere und vor allem auch für jene jungen Männer und Frauen, die noch mit sich und ihrer Sexualität hadern, ist es äußerst wichtig, Identifikationsfiguren wahrzunehmen. Woran sonst sollten sie erkennen, dass mit ihnen alles in Ordnung ist? Die Schulfreunde machen, wenn es blöd kommt, dumme Witze, verwenden “Schwuchtel” oder “Schwuppe” kopflos (oder gar beabsichtigt) als Schimpfworte, die eigenen Eltern sind offensichtlich auch nicht die richtigen Ansprechpartner. An wen sich also wenden? Wann immer ich Geschichten lese und höre von Jungen und Mädchen, die keinen anderen Ausweg mehr aus solch einer Situation wissen als den Selbstmord, dann fließen bei mir die Tränen. Jeder Selbstmord ist tragisch, doch diese sind so wahnsinnig überflüssig, sinnlos, vermeidbar. Mit etwas mehr Füreinander.

Es mag also just für jene Menschen, die immer noch mit sich im Unreinen sind, eine große Erleichterung und ein Lichtbringer sein, dass es Menschen mit ähnlichen oder den gleichen Gefühlen auch in der hohen Politik, im Sport, im Film und Fernsehen, in der Kunst, der Literatur gibt. Ich bin glücklich, wirklich glücklich, über jedes Videospiel, in dem neben heterosexuellen auch homosexuelle Beziehungen abgebildet werden – in einer erwachsenen, in einer ehrlichen und gefühlvollen Weise. Dafür gibt es inzwischen viele gute Beispiele.

Wenn man selbst nicht betroffen ist, dann kann es einem gut und gerne mal “zuviel” werden. Als Disney plötzlich beschloss, eine einzelne Figur aus ihrem gesamten Portfolio lesbisch werden zu lassen, wurden Stimmen des Unmuts laut, die “Verschwulung” führe nun wirklich zu weit und wenigstens die Disney-Charaktere könne man doch in Ruhe lassen. Bisweilen kann ich für die Reaktionen sogar Verständnis aufbringen – auch wenn ich sie nicht teile. In den letzten Jahrzehnten erlebte die LGBT-Bewegung einen Befreiungsschlag nach dem anderen, und eine Gefühlsregung, die über Jahrhunderte hinweg unterdrückt und beseitigt worden war, bahnt sich endlich Licht. Dem ein oder anderen mag es nicht geheuer sein, wie viele Menschen es dort draußen gibt, die sich ihr Leben lang verstecken mussten oder selbst heute noch ihr Coming Out mit einem äußerst schmerzvollen Schritt in die glühende Lava vergleichen.

Aber: Es ist notwendig. Wie so oft trügt der Schein – die Welt wird nicht schwuler, lesbischer, bunter, nur weil man die Realität plötzlich abbildet. Auch wenn ich das nicht schlecht fände. Manchmal muss man anerkennen, dass die Welt nicht so aufgebaut ist, wie man es das ganze Leben lang gelernt hat. Wer sich dagegen wehrt, kämpft einen Kampf gegen Windmühlen. Doch wer bereit ist, das zu akzeptieren, der wird vielleicht eines Tages auch erkennen, dass in all dieser Vielseitigkeit sehr viel Wunderbares steckt. Und nur sehr wenig, was das eigene Leben weniger lebenswert macht.

Mich würde natürlich auch interessieren: Was denkt Ihr dazu? Was empfindet ihr, wenn ihr in einem Artikel förmlich mit der Nase auf die Sexualität eines anderen Menschen gestoßen werdet? Findet Ihr das in Ordnung? Notwendig? Störend? Oder sollte man das gar völlig unterlassen? Seht ihr eine Diskrepanz zwischen der Realität und dem medialen und kulturellen Abbild, wie es sich in den letzten Jahren manifestiert? Ich freue mich auf Eure Meinungen. 🙂