[GER] Ihr Twitterer, empöret euch! Aber geht nur nicht zum Arzt!

Er hat es wieder getan: Jens Spahn hat sich geäußert. Der junge konservative Hoffnungsträger der CDU und potentielle Anwärter auf den Kanzlerthron beweist als frisch gebackener Gesundheitsminister umgehend, dass er das Zeug zum Social Media Star hat – nach der Verteidigung von Hartz IV gegen die Armen und einem Angriff auf Feministinnen, denen angeblich Tierleben wertvoller seien als Menschenleben kam nun der neue große Schlag, diesmal gegen Kranke:

Jeder Patient sollte sich stets fragen, ob ein Arztbesuch wirklich nötig ist.

Dieser Satz geistert heute schon den ganzen Tag durch Twitter. Es folgt keine inhaltliche Auseinandersetzung mit diesem gesundheitspolitischen Thema, sondern eine Reaktion auf die erschreckend vorhersehbare Empörungswelle, die darauf folgte.

Gesundheit und Pflege sind wichtige Themen. Jeder von uns kann jederzeit erkranken, sei es nur ein grippaler Infekt, sei es eine schwere Krankheit, eine Behinderung. In diesen Momenten können wir froh sein, dass wir ein flächendeckendes Netz aus Ärzten und Pflegekräften haben, die uns in Momenten der Schwäche helfen und uns mit Wissenschaft, Medizin und Hilfe beistehen. Ich glaube, daran brauchen wir uns nicht weiter aufhängen.

Obwohl insbesondere auch auf Twitter der #Pflegenotstand immer wieder scharf thematisiert wird und Mitglieder dieses Berufszweiges sowohl personelle Überlastung als auch finanzielle Unterbezahlung bemängeln, war von diesem letztlich für uns alle bedeutsamen Thema im Wahlkampf nur wenig zu spüren. Medial wurde alles überschattet von Angst, der großen Angst der Demokratie vor dem rechten Schreckgespenst.

Jetzt, “kurz” nach der Wahl – also ein halbes Jahr später, nachdem wir endlich mal eine Bundesregierung haben – steht plötzlich das Thema Gesundheit und Soziales ganz im Zentrum des politischen Diskurses. Ursächlich dafür ist ein junger Mann, den viele als schärfsten Kritiker der Kanzlerin und potentiellen Thronfolger betrachten, DIE Hoffnung der konservativen und jungen Strömung der Unionsparteien: Jens Spahn. Ein Mann, der im eigenen Interesse durchaus progressiv werden kann, etwa wenn es um die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geht, da er immerhin selbst betroffen ist. Der in allen anderen Belangen dafür umso konservativere Positionen vertritt und sich dabei auch nicht immer allzu glücklich und gewählt ausdrückt. Oder?

Zweifel ist angebracht, denn Jens Spahn gelingt es wie Dorothee Bär (CSU), mit markigen Sprüchen und gezielt platzierten Provokationen mindestens das Internet auf die Barrikaden zu schicken. Und von dort ist es nur noch ein kurzer Weg in die Presse, die immer häufiger eigene Recherche durch die Einbettung von passenden Tweets prominenter Persönlichkeiten ersetzt. Doch wo Dorothee Bär nach ihrem #Flugtaxi-Absturz noch als kühne Social Media Expertin gekürt wird (welch eine Fehlinterpretation!), da beweist Jens Spahn, wie gut man das Empörungsmedium Internet wirklich bespielen kann.

“Jeder Patient sollte sich stets fragen, ob ein Arztbesuch wirklich nötig ist.”

Dieser Satz geistert nun schon den ganzen Tag durch Twitter, als Zitat oder eingebettet in Bildchen mit Spahns Konterfei, damit auch jedem klar wird, woher dieser vermeintlich diffamierende und unsinnige Satz stammt. Es folgt keine weitere inhaltliche Erklärung, kein Kontext, kein Zahlenwerk, das damit im Zusammenhang stehen könnte. Nur dieser eine Satz. Gepaart mit guten Ratschlägen wie:

“Der Spahn ist kein Mediziner, glaubt dem nichts, der hat eh keine Ahnung!”

“Liebe Patienten, hört nicht auf diesen Möchtegernminister, geht ruhig zum Arzt!”

“Der Spahn sollte lieber selber dringend mal zum Arzt, nötig hätte er es!”

Haha. Hahahahaha. Wie. Witzig.

Es ist die obligatorische Empörungswelle, die auf Twitter inzwischen so schnell rollt, dass man bisweilen keinen Tweets zum Thema mehr fertig konzipieren kann, da wird schon die nächste Sau durchs Dorf getrieben. Und WIEDER hat ein Politiker einen Satz gesagt, den man möglichst dämlich kommentieren muss. Heute von Trump, dann von Spahn, morgen vielleicht mal wieder ein Bonmot von Seehofer. Es sind, das fällt hier ganz nebenbei auf, vor allem konservative Politiker, die, ob bewusst oder unbewusst, die richtigen Provokationen ins Twitterherz schießen und für den allseits gerühmten “Shitstorm” sorgen.

Das Problem daran, wenn man nur einen einzelnen Satz kolportiert, ist, dass auch die eigenen Follower nur diesen einen Satz zu lesen bekommen. Das reicht offensichtlich, denn für mehr Zeichen ist der gemeine Twitternutzer trotz #280Zeichen nicht wirklich aufnahmefähig. Was passiert aber, wenn wir uns den obigen Satz wirklich einmal wertfrei betrachten?

Dieser Satz für sich alleine genommen besagt nicht, dass kranke Menschen auf ihren Arztbesuch verzichten sollen. Er besagt nicht, dass irgendjemand, der auf ärztliche Versorgung angewiesen ist, Anlass für ein schlechtes Gewissen zu haben braucht. Er besagt auch beileibe nicht, dass man nicht mehr zum Arzt gehen solle. Der Satz ruft lediglich eine Selbstverständlichkeit zurück ins Bewusstsein all derer, die ihn hören oder lesen: Bevor man zum Arzt geht, möge man kritisch hinterfragen, ob das wirklich nötig sei. Hat man Schmerzen, Einschränkungen, erhebliche Probleme, Angst, Unsicherheit, dann ist diese Frage garantiert zu bejahen. Dem Weg zum Arzt steht dann Nichts im Wege. Außer vielleicht der Mangel an freien Terminen für gesetzlich Versicherte, aber das wäre die richtige Diskussion, die daran anknüpfen könnte und sollte.

Gleichermaßen soll es aber auch Menschen geben, die bereits wegen eines Schnupfens die nächste Arztpraxis ansteuern. Oder für die der Besuch bei Arzthelferin und Wartezimmer den täglichen sozialen Umgang ersetzt. Ob das stimmt, weiß ich nicht –  aber wundern würde es mich nicht. Derlei bindet Kapazitäten, das wird man kaum abstreiten wollen. In solchen Fällen könnte die Antwort auf die obige Frage lauten: Nein, eigentlich ist es nicht nötig, dass ich jetzt zum Arzt gehe.

In dem Satz allein liegt keine Aufforderung, den Arztbesuch per se sein zu lassen. Sondern ein Aufruf an die Eigenverantwortlichkeit der Bürgerinnen und Bürger, diese scheinbar selbstverständliche Dienstleistung mit Augenmaß in Anspruch zu nehmen. Ich betone noch einmal: Es geht hier einzig und allein um den zitierten Satz, der so allein für sich auf Twitter geteilt und kritisiert wird. Weder weiß ich, in welchem Kontext er gefallen ist, noch mit welchen Ansprüchen oder Zahlen er verbunden war. Darum geht es mir in diesem speziellen Fall nicht.

Man hat, und das stimmt mich abschließend gleichsam müde wie besorgt, zunehmend den Eindruck, dass die Empörungsmaschinerie auf allen Seiten inzwischen so gut geölt ist, dass sie überdreht. Kritik an falschen, unmenschlichen, entwürdigenden, idiotischen Vorschlägen ist allzeit angebracht, sinnvoll und wichtig. Ich habe aber den Eindruck, dass die inhaltliche Kritik immer mehr überlagert wird von dem recht blinden Versuch, unliebsame Personen durch Dauerbeschuss mundtot zu bekommen. Zu diesem Zweck zerrt man einzelne Begriffe und Sätze aus dem Kontext oder Gedankenkonstrukt, färbt sie ideologisch noch etwas ein und wirft sie in die Twittermanege. Das hat den Nachteil, dass berechtigte Kritik, wenn sie irgendwann auftritt, nicht mehr gehört werden wird. Denn man hat sich gewöhnt.

Ein letzter Gedanke noch, der mich ebenso beschäftigt: Politiker sind Personen des öffentlichen Lebens, und müssen heute ebenso Profis im Umgang mit klassischen wie mit neuen Medien sein. Wer sich als Politiker nicht gut ausdrücken kann, wird schnell wieder versenkt. Trotzdem darf man sich ruhig manchmal bewusst machen, dass insbesondere in einem direkten Interview, in einem Gespräch, in einer Talkshow manchmal Sätze fallen können, die sprachlich nicht ganz die Nuance auszeichnen, die man inhaltlich eigentlich beabsichtigt hatte. Und wenn einem nur solche Fehler unterlaufen, ist man schon auf einem beachtlichen Niveau. Es ist folglich sicher richtig, einen jungen machtbewussten und karriereorientierten Minister kritisch im Auge zu behalten und ihn an seinen Aussagen und Handlungen zu messen. Aber doch bitte nicht täglich an einem neuen Satz. Oder wollt ihr wirklich Jahresrückblicke bestehend allein aus Zitaten von Jens Spahn?