[GER] Die Wahrheit ist tot

Abstract: Maybe we currently live the end of the information era we’ve known so far. Politicians spread lies and call other facts “fake news”. Algorithms create artificial versions of speeches, images, videos. We – internet users, citizens, human beings – lose our ability to distinguish truth from lies. Is this the end of a fundamental basis of human societies: trust?

Wer in den sozialen Medien aktiv ist und sich nicht komplett in eine Blase aus Belanglosigkeiten verabschiedet hat, der wird dieser Tage gewiss von politischen Mitteilungen bombardiert. Die Nachrichten kommen sowohl aus dem Inland (Stichworte: G20-Gipfel, Bundestagswahl, Flüchtlinge) als auch aus dem Ausland (aus den USA, der Türkei, Russland – die Liste ist beliebig erweiterbar). Während sich die politische Mitte und die objektiveren Kreise des Landes meist damit begnügen, untereinander gängige Nachrichtenartikel zu verbreiten, sind insbesondere die extremen Flügel fleißig damit beschäftigt, die “volle Wahrheit” abzubilden. “Alles nur Lug und Trug, was in den Mainstream-Medien steht, seht euch diese Bilder an, hier seht ihr, wie es in Wirklichkeit XYZ sind, die die Gewalt ins Land tragen!”

Nicht selten sind diese Bilder falsch. Sie zeigen zum Beispiel etwas ganz anderes. Vor nicht allzu langer Zeit bin ich einem Bild begegnet, das die Gewalt von Flüchtlingen in Deutschland demonstrieren sollte. In Wirklichkeit handelte es sich um eine Aufnahme vom Tahrir-Platz in Kairo – zu Zeiten der Revolution. Doch – wer kontrolliert das wirklich, wenn er das Bild zu Gesicht bekommt? In den meisten Fällen wird der Nutzer das Bild betrachten und schockiert sein. Das Gefühl bekommen die Flüchtlinge ab, die währenddessen schuldlos in ihren Unterkünften saßen oder sich um einen Job bemühten.

In anderen Fällen wird noch aktiver getäuscht, werden Bilder mit entsprechender Software manipuliert, um die eigene politische Meinung zu transportieren. Je nach Fertigkeitsgrad lassen sich diese Manipulationen einfacher oder schwerer nachvollziehen. Schlecht freigestellte Personen wird jeder erkennen – winzige Kompressionsartefakte aus verschiedenen Bildquellen hingegen bleiben dem ungeschulten Auge verborgen. Die Universität Warwick hat erst kürzlich eine Studie dazu angestellt: Tatsächlich erkennen wir Menschen die meisten manipulierten Bilder nicht. Wenig überraschend – und doch überschätzen wir unsere Fähigkeiten massiv. Wer sich selbst daran versuchen möchte: Online Survey der University of Warwick. (Ich selbst habe 7 von 10 richtig gemacht – wie sieht das bei euch aus?)

Durch die “Demokratisierung der Bildmanipulation” – also die relativ günstige Verfügbarkeit von Bildbearbeitungssoftware wie Gimp oder Photoshop – kann heute jeder Bilder fälschen. Und wer tut das nicht? Das Selfie wird etwas retuschiert, um die Narbe oder den Pickel aus dem Gesicht zu entfernen. Der beste Freund wird aus dem Bild entfernt, weil sonst alle Leute auf Tinder hoffen, man selbst sähe so aus. Die Bildtemperatur wird verändert, weil sich trübe, triste Bilder im Sommer halt nicht verkaufen. Das sind alles legitime Änderungen am Bildmaterial – und da das digitale Bild immer nur ein Sample der Realität ist, sind die entstandene Werke auch nur Interpretationen der Wirklichkeit. Dessen muss man sich bewusst sein: Jedes Bild ist eine Interpretation. Und Interpretationen tragen immer eine Kommunikationsstrategie in sich. Ob bewusst oder unbewusst.

Problematisch werden diese Änderungen, wenn die Bilder zur politischen Stimmungsmache genutzt werden. Wenn straffälliges Verhalten dem verhassten politischen Gegner in die Schuhe geschoben werden soll, damit dieser den Rückhalt in der Bevölkerung verliert. Fake News, Fake Images, es ist der Versuch der großflächigen Meinungssteuerung, mit dem wir uns derzeit konfrontiert sehen.

Das Lustige ist – während die Politik, die Strafverfolgungsbehörden und die demokratischen Bürger momentan damit hadern, wie man am besten mit falschen Nachrichten umgehen könne, da entwickeln Wissenschaftler voller Eifer bereits das Ende des Informationszeitalters. An der Universität Washington beispielsweise wird aktuell ein Algorithmus verfeinert, mit dem sich wunderbar Videos fälschen lassen: Man gibt eine Audiodatei ein und fügt ein minutenlanges Video einer sprechenden Person hinzu – und erhält als Resultat ein realistisches Video dieser Person, wie sie den Text der Audiodatei spricht. Obwohl sie die Worte nie in den Mund genommen hat. Ein ähnliches Projekt gibt es an meiner Universität – hier helfen statistische Modelle von Gesichtern dabei, den Gesichtsausdruck einer Person auf einem Foto maßgeblich zu verändern. So wird aus einem ausdruckslosen Blick rasch ein Lächeln, ein zynisches Grinsen oder ein Ausdruck blanker Abscheu.

Natürlich dienen solche Technologien in erster Linie unserem Fortschritt. Die Forscher aus Washington erhoffen sich beispielsweise, Skype-Gespräche qualitativ verbessern zu können. Grundsätzlich ein hehres Unterfangen, von dem viele Nutzer sicherlich gerne profitieren würden. Oder man versucht, die menschliche Physiognomie endlich besser greifbar zu machen, Computer einen Eindruck davon zu vermitteln, wie Attribute wie Alter oder Emotionen sich auf Gesichter auswirken. Wäre das nicht schön, gäbe es in Videospielen endlich hübsche, realistische Gesichter, die realistisch die Emotion der Figuren wiedergeben würden?

Allerdings bergen solche Technologien schwerwiegende Risiken. Nach Texten und Bildern werden somit auch Audio- und Videodateien manipulierbar – in einer Art und Weise, die ein Mensch aufgrund der Komplexität dieser Daten oftmals nicht umsetzen könnte. Das Nachahmen von Stimmen, die realistische Umsetzung von Sprache durch künstliche Gesichter – das klingt unglaublich aufregend. Das ist es auch. Aber die Auswirkungen auf unseren Umgang mit Informationen könnten schwerwiegender kaum sein.

Denn es stellt sich die Frage: Wie kann ich, als stinknormaler Bürger, dann überhaupt noch irgendjemandem trauen? Was ist überhaupt noch sicher? Welche Nachrichten sind echt, welche Fakten sind schlichtweg Lügen? Das Video, in dem ein Haufen Männer über ein armes Tier herfällt – echt? Oder künstlich erzeugt? Der O-Ton im Radio, in dem die Kanzlerin eine Rede hält – hat sie das wirklich gesagt? Oder sind die Redakteure einer Fälschung aufgesessen?

Als Bürger kann ich schon jetzt nur vertrauen. Denn die meisten Nachrichten, die unsere Welt bewegen, sind globale News. Sie spielen sich an Orten ab, die unendlich weit weg von unserem eigentlichen Lebenshorizont sind. Sie spielen sich zwischen Leuten ab, die wir womöglich nie zu Gesicht bekommen werden. Ich kann versuchen, schlechte Fakes auszufiltern – doch das kostet Zeit. Und die guten Manipulationen werde ich nie entdecken können. Ich muss vertrauen – beispielsweise auf Journalisten, auf Medien, die ihr Geld damit verdienen und sich deshalb ganz anders mit der Verifikation von Nachrichten beschäftigen können.

Doch wir leben in einer merkwürdigen Zeit, in der jene, deren tägliches Brot der Umgang mit der Wahrheit ist, das Vertrauen der Gesellschaft verlieren. Und in der jene, die offen lügen und betrügen, gefeiert werden – denn sie lügen wie alle anderen, aber wenigstens geben sie es zu. Auf der Strecke bleibt am Ende das Vertrauen. Doch Vertrauen ist die Grundlage einer Gesellschaft – ohne Vertrauen keine Verträge, kein Miteinander. Wir werden neue Wege entwickeln müssen, um den Wahrheitsgehalt von Aussagen, von Bildern, Filmen, Tonspuren zu verifizieren. Ich bin gespannt, wie diese aussehen werden.

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