[GER] Die Autoversager

Abstract: A legend has died – Germany has always been known as THE nation of car production. An era is about to end. The only responsible people are the companies themselves – and politicians.

In Bayern gibt es einen Ausdruck für das, was die deutschen Autobauer dieser Tage abliefern: “Gwuisel”. Man könnte auch elendiges Gejammere dazu sagen. Ach, wie schlimm es ihnen doch momentan ins eigene Kontor donnert. Erst der Abgasskandal von Volkswagen, dann die überraschende Erkenntnis, dass auch andere Autokonzerne Dreck am Stecken haben. Darüber hinaus: Kartellabsprachen. Und just in diesem Augenblick entwickelt sich auch noch eine politische Dynamik: adé, Diesel, du unsauberes Stück Steinzeittechnologie, willkommen E-Mobilität.

Allein für sich genommen ist jedes dieser Problemchen höchst unangenehm. In erster Linie wohl finanziell. Doch in dieser Konzentration muss die deutsche Automobilindustrie schnellstens umsteuern – und Abbitte leisten. Nicht nur bei den klagewütigen Anwälten der USA oder den Kunden, sondern bei der gesamten Gesellschaft. Denn sie sind der Gesellschaft allerhand schuldig.

Mich ärgert das aktuelle Rumgeeiere wirklich maßlos. Seit Jahren steht die E-Mobilität im Raum, schon vor Jahren waren die deutschen Autobauer gewarnt, dass andere Länder (vor allem in Asien), andere Konzerne auf diesem Gebiet schon deutlich mehr Expertise aufbringen können. Damals war die Zeit für das Elektroauto nicht gekommen, heute ist sie da. Wie konnten riesige Konzerne wie BMW, VW, Mercedes derlei Entwicklungen verschlafen? Man fühlt sich unwillkürlich an Nokia erinnert, einen Konzern, der über Jahre hinweg die Handybranche dominiert hat – und dann von den neuartigen Smartphones kurzerhand ins Aus geschossen wurde, weil sie deren Aufkommen schlicht verpennt hatten. Die Kartellabsprachen mögen dem gemeinsamen Ziel der Autobauer gedient haben, sich kurzfristig über Wasser zu halten. Doch langfristig haben sie den Industriestandort Deutschland offenkundig nachhaltig beschädigt.

Noch viel mehr ärgert mich die Politik. So beispielsweise Horst Seehofer und Stephan Weil, die im Angesicht der Enthüllungen nichts Besseres zu tun haben als nach Wegen zu suchen, den Diesel-Absatz anzukurbeln. Derlei Manöver sind so transparent und durchsichtig, dass man als Bürger nur noch fassungslos die Nachrichten lesen kann. Denn freilich geht es um nichts anderes als den Erhalt von Arbeitsplätzen in den eigenen Bundesländern. Wie viel ist ein Arbeitsplatz wert, der allein auf Lug, Betrug und Schädigung der Gesellschaft fußt? Und wieder fühle ich mich erinnert, diesmal an Opel. Auch damals war in erster Linie eines wichtig: Arbeitsplätze sichern. Diesem Credo werden alle anderen Ziele, alle anderen politischen und systemischen Überzeugungen untergeordnet. Um den deutschen Autobauer zu hofieren werden strengere Abgaswerte in der EU torpediert, werden Verstöße nicht oder nur zögerlich geahndet, verzichtet man auf Strafen und Nachrüstaktionen, die die Konzerne ENDLICH wirklich treffen würden. Die Angst: potentielle Wähler möglichst nicht vergraulen. Das politische Gewissen eines Ministerpräsidenten reicht eben nur höchstens fünf Jahre.

Es offenbaren sich in dieser singulären Branche derart viele systemische Probleme, dass man sich beinahe wundert, dass das ganze Konstrukt nicht schon lange auseinander geflogen ist. Unternehmen, die in ihrer Absicht auf Gewinnmaximierung allein auf altbewährte Technologien setzen, die lieber ordentliches Geld für Lobbyarbeit in die Hand nehmen anstelle auf Forschung und Innovation zu setzen. Wie wäre es, wenn BMW, VW und wie sie alle heißen in Berlin endlich auf den Ausbau eines zukunftsweisenden Stromladenetzes gedrungen hätten? Der Einfluss der Autobranche ist legendär. Stattdessen unternahm man offenbar so gut wie alles, um den jetzt geschehenen GAU zu verhindern. Oder wenigstens zu verschieben. Gewinnmaximierung ohne Blick auf das Morgen. Und die Politik? Ordnete sich ganz im Sinne einer “marktkonformen Demokratie” dem Wunsch der Autobauer unter, drangsaliert Umweltschützer und schiebt nur die unfähigsten Politiker ins Verkehrsministerium ab. Alexander Dobrindt hat nicht nur mit der Ausländer-Maut offenbart, wie man Politik nicht machen sollte. Man darf sich gewiss sein, dass die aktuelle (wenn auch kaum erkennbare) Aufklärungsbereitschaft allein dem Wahljahr geschuldet ist. Wegducken geht einfach nicht mehr. Sonst wäre das wesentlich bequemer. Sollen sich doch andere mit den Sorgen von Morgen herumquälen.

Zu einer freien Marktwirtschaft gehört, dass Unternehmen kollabieren können müssen. Wenn ein Unternehmen sich weigert, Innovationen anzustoßen und für die Zukunft zu investieren, wenn ein Unternehmen mit aller Kraft an den technischen Lösungen von gestern festhält, dann hat es sich irgendwann überlebt. Wenn ein Unternehmen wie Volkswagen einzig und allein auf dem internationalen Markt bestehen kann, wenn es lügt, betrügt, die Umwelt schädigt und antike Antriebstechniken protegiert, dann hat es sich überlebt. Das Gwuisel kann sich Volkswagen sparen – der Trend zur E-Mobilität ist nicht neu, sondern alt. Es ist keineswegs so, dass man nun dringend staatliche Hilfe bräuchte, um mit einem Mal eine brauchbare Lösung aus dem Hut zu zaubern. Diese Entwicklung kam nicht überraschend. Volkswagen hatte nur Glück, nicht vorher mit seinem Betrug aufgeflogen zu sein – ein Betrug, auf dem sich das Unternehmen ausgeruht hatte, ohne die notwendigen Schritte für das Morgen in Angriff zu nehmen.

Ich ärgere mich maßlos. Über das Gewuisel von Vorstandsvorsitzenden, die jetzt panisch nach gesellschaftlicher Solidarität rufen. Über Politiker, die immer noch glauben, ihre Umgehung marktwirtschaftlicher Regeln könne auf ewig funktionieren. Über Leute, die glauben, das Brechen von Regeln und Gesetzen, der Betrug sei ein annehmbares Mittel um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Über eine Branche, die nicht nur sich selbst, sondern ein ganzes Land in Verruf bringen.

Ich ärgere mich. In dem Wissen, dass die Politik auch dieses Mal alles tun wird, um das reinigende Gewitter abzuwehren. Es ist ja Wahljahr. Man will ja keine Wähler vergraulen.

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