[GER] Der Journalismus verglüht zum PR-Tool

Abstract: More and more people criticise the work of journalists. Not all of that criticism is correct and understandable – and certain groups of people are more than interested to destroy the free press. Nonetheless, journalism failed to reach the 21st century. They even failed to fulfill their original task. They became a simple tool for others to spread their opinion. But they could do better!

Der Journalismus steckt in einer Krise. Die Auflagenstärke der Printausgaben ist rückläufig, für das Onlineangebot will keiner zahlen, die Bevölkerung attackiert die tapferen Schreiberlinge als Lügner, die Politik und Wirtschaft fühlt sich oftmals von der allzu kritischen Presse hintergangen und angegriffen. Ach, das Leben als Journalist ist wahrlich kein einfaches.

Jedoch, so scheint es mir, ist nicht jede Kritik an den Vorgehensweisen der Journalisten gänzlich an den Haaren herbei gezogen. Vielmehr – so jedenfalls meine Lesart – fallen sie auf ihr eigenes Geschäftsmodell herein. Denn für zahlreiche Onlineauftritte der Newsseiten gilt: schneller ist besser. Quantität und Geschwindigkeit vor Qualität.

Die Pressemacher degradieren sich dabei zunehmend zu einem generellen Sprachrohr für den Rest der Welt herab. Dereinst mag es so gewesen sein, dass Journalisten auf eine Neuigkeit aufmerksam wurden, diese untersuchten, kritisch hinterfragten, recherchierten, und anschließend einen fundierten Artikel dazu verfassten. Das ist schon lange nicht mehr so. Wer durch die Seiten von SPON, ZON, Welt und wie sie nicht alle heißen scrollt, der findet Artikel mit so schlichten Aufhängern wie Getwittere des US-Präsidenten, kurze Interviewstatements von Lokalpolitikern, nicht selten unveränderte DPA-Meldungen.

Der Journalismus stößt allerdings zunehmend an seine Grenzen – denn er versucht mit einem Instrument zu konkurrieren, das er nicht besiegen kann: soziale Medien. In letzter Zeit kam es zunehmend häufiger vor, dass ich die Nachricht von einem Terroranschlag oder vom Tod eines Prominenten nicht zuerst von den Twitter-Accounts der jeweiligen Tageszeitungen erhielt, sondern von gänzlich anderen Personen, die mir zufällig in die Timeline gespült worden waren. Die Nachricht, ob richtig oder falsch, verbreitet sich wie ein Lauffeuer durch die sozialen Kanäle, die Zeitungen können nur noch oben aufsitzen.

Das Tragische ist, dass auf diese Weise wichtiges Potential einfach verspielt wird. Besonders deutlich wurde mir das heute an einem Interview von SPON mit Dogan Akhanli, dem deutschen Schriftsteller, der auf Geheiß der Türkei in Spanien festgesetzt wurde. In einem knappen Interview wird durchleuchtet, wie er die Verhaftung empfand, ob er die Gründe dafür kannte, was man ihm als Grund nannte, wie er weiter verfahren würde. Insbesondere eine Stelle fand ich interessant:

SPIEGEL ONLINE: Wussten Sie, dass Sie mit einem türkischen Haftbefehl gesucht werden?

Akhanli: Mir wurde 2010 in der Türkei vorgeworfen, Kopf einer Terrororganisation mit dem Codenamen “Dogan K.” zu sein, außerdem soll ich 1989 in einen Raubüberfall verwickelt gewesen sein, bei dem ein Mensch ermordet wurde. Das war natürlich alles aus der Luft gegriffen. Die Türkei will mich zum Schweigen bringen. Ich wurde später von einem Gericht in Istanbul freigesprochen, aber dann wurde 2013 der Freispruch wieder aufgehoben. Damals wurde ein sofortiger Haftbefehl erteilt, aber ich wusste nicht, dass sie mich im Ausland per Interpol suchen. Einerseits habe ich es vermutet, andererseits sucht die Türkei Abertausende von Menschen, sodass ich davon ausging, Europa nimmt das nicht mehr ernst.

SPIEGEL ONLINE: Und was machen Sie nun?

Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/dogan-akhanli-schriftsteller-berichtet-von-festnahme-in-spanien-a-1163767.html

Das ist schon interessant. Da behauptet Herr Akhanli also, er sei zweimal verschiedener Dinge angeklagt worden (Vorsitz einer Terrororganisation und Raubüberfall), sei jedoch freigesprochen worden. Für welche dieser Taten? Oder für beide? Von welchem Gericht wurde er freigesprochen? Weiter heißt es, der Freispruch sei 2013 wieder aufgehoben worden, gefolgt von einem sofortigen Haftbefehl. Da stellt sich doch umgehend die Frage: Wer hat den Freispruch aufgehoben? Und mit welcher Begründung? Und ist Derartiges überhaupt zulässig?

Es geht mir in diesem Beispiel gar nicht um Herrn Akhanli, er dient mir nur als Exempel. Das Problem ist: SPON transportiert mit diesem Interview jede Menge unkontrollierte Behauptungen. Das können sie auch problemlos machen, denn es handelt sich ja um ein Interview, es ist also klar gekennzeichnet, dass die Aussagen alleine von Herrn Akhanli stammen. Ein guter Journalist könnte aber vielleicht doch hergehen und die jeweiligen Akten sowohl zum ersten Verfahren und Freispruch als auch zur Aufhebung des Freispruchs suchen. Für den Leser wäre sicherlich interessant zu wissen: Stimmt das, was Herr Akhanli hier behauptet? Inklusive des kaum verborgenen Vorwurfs gegenüber der türkischen Justiz, hier dem Rechtsstaat zuwider gehandelt zu haben? Denn in der Beurteilung der Frage, ob die Türkei eben jene rechtsstaatlichen Prinzipien zunehmend außer Acht lässt, sind diese Fragen und die dazugehörigen Antworten unerlässlich.

In einem Online-Medium sind einer Zeitung kaum Grenzen gesetzt. Wie leicht wäre es, falsche Aussagen in einem Interview fett zu markieren und die richtigen Fakten daneben zu stellen. Mit Quellen. Wie leicht wäre es, Aussagen, die sicherlich zu Streit führen werden, gleich im Vornherein zu untermauern und die Aussage somit zu bekräftigen? Ich bin mir absolut sicher, es gäbe hier vielfältige Möglichkeiten – doch stattdessen behandelt man das Internet wie die digitale Version der Printartikel. Text, Bildchen, fertig. Gelegentliche Quizspielchen oder interaktive Diagramme nutzen das Potential der digitalen Publikation sicherlich nicht vollständig aus. Es gibt hier unendlich viel Potential, das nicht abgerufen wird – und das dem Berufstand insgesamt wieder Auftrieb geben könnte.

Schlussendlich muss sich der Journalismus fragen, was er sein will. Aktuell, so scheint es vielen Menschen und so schallt überall die Kritik, ist der Journalismus ein Sprachrohr für die Mächtigen. Zu oft werden falsche Aussagen ungeprüft übernommen und weiterverbreitet. Zu oft bleiben kritische Nachfragen und Überprüfungen aus. Zu oft entsteht der Eindruck einer “systemnahen” Presse. Man kann solche Rufe als ideologische Unkenrufe abtun, ignorieren und weiterwursteln. Oder darüber nachdenken, wie man – auch in Abgrenzung zu sozialen Medien – ein neues Level erreichen kann, so dass man dem ursprünglichen Ziel der eigenen Branche wieder ein Stückchen näher rücken kann.

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