HIV – noch immer stigmatisiert?

Manchmal gibt es Themen oder Diskussionen in unserer Gesellschaft, die mich wirklich traurig machen. Zum Beispiel, wenn es darum geht, wie wir mit kranken Menschen umgehen. Beispielsweise mit Menschen, die an Aids erkrankt sind. Ja, Aids ist bislang immer noch unheilbar. Aber wenigstens lässt sich Aids heute so gut unter Kontrolle bringen, dass für die Erkrankten ein langes und gutes Leben möglich ist. Längst haben wir fundierte Erkenntnisse, wie sich das Virus verbreitet, wie wir uns dagegen schützen können. Die Medizin nutzt verschiedene Angriffsvektoren, um die Reproduktion, Verbreitung und Wirkung der Viren zu verlangsamen. Die Diagnose HIV ist längst kein unmittelbares Todesurteil mehr – und Infizierte sind keine Virenschleudern, die einen mit Aids anstecken, nur weil sie sich im gleichen Raum befinden oder die gleiche Türklinke berührt haben. Trotzdem bedeutet Aids auch heute noch soziale Isolation.

Zum ersten Mal habe ich von Aids irgendwann in den 90ern gehört. Ich war damals natürlich noch sehr viel jünger und das Thema war gerade brandaktuell, die Zeitungen und Nachrichtensendungen waren voll damit. Aids war eine neue, eine mysteriöse und höchst bedrohliche Krankheit, die sich so schnell an jede mögliche Behandlung anpasste, dass eine Heilung völlig ausgeschlossen schien. Aids war nicht weniger als eine direkte Bedrohung für die Menschheit. Was ich damals nicht wusste: Insbesondere schwule Männer hatten massiv unter Aids zu leiden. Deren ungeschützter Verkehr förderte die Verbreitung des Erregers und machte die Szene somit zu einem Gefahrenherd. Matthew Todd hat über die Situation der schwulen Männer in Großbritannien in seinem Buch „How to be Gay and Happy“ geschrieben, und seine Erzählungen brachen mir förmlich das Herz. Der schwule Mann wurde als die Pestilenz der Gesellschaft gesehen, der den Rest der „normalen“ Menschen umzubringen drohte. Unfassbar. Und auch heute noch gibt es tatsächlich Menschen, die glauben, nur schwule Männer könnten von HIV infiziert werden. Ist das zu glauben?

Vor ein oder zwei Jahren war ich in München im Deutschen Museum, das sich als Technikmuseum ja primär an physikalischen, chemischen oder Ingenieursmeisterleistungen orientiert. Es gab dort eine Ausstellung zu Pharmazie, die ich sehr spannend fand. Unter anderem wurde dort die Wirkungsweise von Medikamenten, der Ablauf bestimmter Krankheiten oder die Entwicklung von Pillen und Mittelchen thematisiert. Unter anderem gab es dort auch eine Infosäule, auf der Aids-Patienten ihren Umgang mit der Krankheit im täglichen Leben schilderten. Ich fand das, was ich dort lesen musste, schockierend. Alle erzählten sie von den alltäglichen Schikanen, dem Stigma, der Isolation, der Ausgrenzung, mit der sie leben mussten. Die Diagnose Aids scheint auch 2018 noch zusätzlich eine soziale Diagnose zu sein. Wie kann das sein? Diese Menschen sind bereits tagtäglich damit beschäftigt, mit ihrer Krankheit umzugehen, die sie voraussichtlich für den Rest ihres Lebens begleiten wird (es sei denn, es gibt doch einen unerwarteten Durchbruch in der Medizin). Normalerweise würde man ihre Krankheit auch gar nicht erkennen. Es steht ja niemandem aufs Hirn geschrieben „Ich habe Aids!“, wenn er oder sie auf der Straße entlang marschiert. Trotzdem stelle ich mir das als eine erhebliche vor allem psychische Belastung vor, mit der man jeden Tag umgehen muss. Und anstatt gesellschaftlich umarmt zu werden, muss man zusätzlich noch soziale Einschränkungen erleben?

Versteht mich bitte nicht falsch. Es ist absolut fundamental und notwendig, sich um die eigene Gesundheit zu kümmern, und es gibt eine ganze Menge von Dingen, die ich schlicht niemals tun würde – einfach, um mich vor der Möglichkeit einer Ansteckung zu bewahren. Alles andere wäre selten dämlich. Stichwort „Safer Sex“ – die Plakate hängen nicht zum Spaß bis heute ständig in der Öffentlichkeit herum. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich erkrankte Menschen wie Aussätzige behandeln sollte. Ich habe von Fällen gelesen, in denen es zu Kündigungen wegen der Erkrankung gekommen sein soll. Und auch auf Beziehungen scheint die Krankheit eine massive Auswirkung zu haben. Ich kann verstehen, wenn jemand sich dem Risiko nicht aussetzen möchte. Aber muss man HIV-Positive deswegen brutalst beschimpfen und beleidigen? Die Frage war rhetorisch, die Antwort ist selbstverständlich nein.

Das ist vielleicht der Punkt, der mich am meisten verärgert – und beunruhigt. Die wenigen Betroffenen, mit denen ich bislang schreiben oder reden durfte, waren allesamt eher erstaunt bis positiv überrascht, wie wenig mich ihre Erkrankung abzustoßen oder zu beeindrucken schien. Es scheint ganz so, als wäre Aids auch 2018 immer noch ein diffiziles Thema, auf das nicht jeder angemessen reagieren kann. Was passiert nun aber, wenn Menschen in einer sozialen Umgebung leben, in welcher der offene Umgang mit ihrer Krankheit automatisch zu Stigmatisierung führt? Sie verbergen es. Und das ist das Schlimmste, was passieren kann. Erstens, weil ein Mensch nicht alleine mit seinen gesundheitlichen Problemen kämpfen müssen sollte, sondern Hilfe bekommen. Ein erwachsener, freundschaftlicher Umgang und Hilfe untereinander ist immer besser als jemanden mit Hass und Abscheu zu überschütten, der an seinem Zustand eben nichts ändern kann. Und zweitens ist der offene Umgang mit der Erkrankung die einzige Möglichkeit, selbige endgültig in den Griff zu bekommen. Das Risiko für alle Beteiligten steigt drastisch, wenn Leute sich aus Scham und Selbstschutz nicht mehr offen artikulieren, sondern ihre Krankheit stumm mit sich herum tragen. Auf diese Weise werden wir das Virus ganz bestimmt nicht bezwingen. Probleme löst man nicht, indem man sie totschweigt, ignoriert oder isoliert.