Blogparade – #medienkompetent. Was befähigt uns zu Medien?

Dieser Artikel ist ein Beitrag zur gleichnamigen Blogparade von denkst anlässlich der Bloggerkonferenz #denkst2018 in Nürnberg am 29. September 2018. Mein ausdrücklicher Dank gebührt Tanja Praske, die mich auf diese Aktion aufmerksam gemacht hat.

Medienkompetenz ist ein Buzzword, das inzwischen seit gefühlten Äonen durch den analogen Äther schwirrt. Ich erinnere mich, wie noch zu meinen Gymnasialzeiten – die sich inzwischen erschreckend schnell in die Vergangenheit bewegen – darüber debattiert wurde, ob es denn Computer in Grundschulklassenzimmern bräuchte und auf welche Weise LehrerInnen ausgebildet werden könnten, um den Kindern die notwendigen Fertigkeiten im Umgang mit diesen Höllengeräten zu vermitteln. In Zeiten von Smartphones wird niemand mehr bestreiten können, dass ein sachgemäßer Umgang mit digitalen Inhalten und dem Internet als Gesamtes unabdingbar ist – und ein solcher Umgang muss erlernt, bisweilen auch gelehrt werden.

Der Begriff Medien bzw. Medium ist natürlich vielschichtig und mir aus meinem Studium (Nebenfächler Kommunikationswissenschaften) bestens bekannt. Umso reizvoller ist es für mich, ein paar eigene Gedanken oder lose Worte mit in die Runde zu werfen, einfach mal meine Gedanken rund um das Thema kreisen zu lassen. Dankenswerterweise haben die Initiatoren ein paar Leitfragen vorbereitet, an denen sich interessierte Blogger entlang hangeln können, und so möchte ich die Gelegenheit nutzen, zu dreien der dargebotenen Fragen zu schwadronieren:

  • Was bedeutet Medienkompetenz für mich?
  • Wie #medienkompetent bin ich selbst?
  • Was teile ich über mich in der digitalen Öffentlichkeit?

Auf gehts!

Was bedeutet Medienkompetenz für mich?

Autsch. Gleich mal die Definitionsfrage zu Beginn. Wichtig, aber deswegen nicht unbedingt einfacher. Denn nicht selten haben ich den Eindruck, dass dieses Wort wie ein mächtiges Mantra in den Raum geworfen wird, ohne dass die Beteiligten selbst ein scharfes Profil von dem haben, was sie da ansprechen. Das fängt ja schon in der Weite der Teilbegriffe an. „Medium“. So Vieles kann meinem Empfinden nach ein Medium sein – ein Buch, eine Webseite, das gesamte Internet. Was sagt denn die Wikipedia zum Begriff „Medium“?

Ein Medium (lateinisch medium, „Mitte“, „Mittelpunkt“, von altgr. μέσov méson, „das Mittlere“; auch Öffentlichkeit, Gemeinwohl, öffentlicher Weg) ist nach neuerem Verständnis in der Kommunikation ein Vermittelndes im ganz allgemeinen Sinn. Das Wort „Medium“ in der Alltagssprache lässt sich oft mit Kommunikationsmittel gleichsetzen. (Quelle: Wikipedia)

Super. Das macht es jetzt nicht wesentlich einfacher. Medien werden also oft grundsätzlich als Kommunikationsmittel verstanden, beziehungsweise als der Träger der Kommunikation. Trägermedien kennen wir schon aus sehr alten Zeiten. Die alten Ägypter zum Beispiel verwendeten teuren Papyrus oder weitaus günstigere Tonscherben (sogenannte „Ostraka“) als Untergrund für ihre Texte. Dass sie damit ihre Gedanken nicht nur dem direkten Adressaten, sondern über die Jahrtausende hinweg auch uns zukommen lassen würden, das war hingegen vermutlich weniger beabsichtigt. Doch wir alle wissen: Papier ist geduldig. Jan Assmann (seinerseits Ägyptologe und kürzlich zusammen mit seiner Frau Aleida mit dem Friedenspreis des Buchhandels ausgezeichnet worden) definierte Geschriebenes einmal als „zeitlich zerdehnte Kommunikation“. Ich liebe diese Definition.

Wesentlich unmittelbarer ist da schon das Telefonat. Zumindest war es das mal. Bislang konnte man davon ausgehen, auf eine telefonische Anfrage auch umgehend eine Antwort zu erhalten, wenn der Gesprächspartner nicht mitten im Gespräch eingeschlafen sein sollte. Heute „zerdehnen“ wir auch die verbale Kommunikation – durch Voice Messages, die unidirektional wirken, dafür aber jederzeit abgehört werden können.

Besonders spannend sind Massenmedien, also solche Verbreitungsorgane, die Inhalte für ein breites, disperses und heterogenes Publikum zur Verfügung stellen. Zeitungen, Fernsehen, Kinofilme, sie alle erreichen ein riesiges Publikum und können so Inhalte schnell quer durch die Gesellschaft verbreiten.

Kompetenz wiederum, das bedeutet für mich: Wissen, wie man mit etwas umgehen soll. Wie kann ich es für mich sinnstiftend und sinnvoll nutzen? Was muss ich im Umgang beachten? Welche Gefahren gibt es? Welche Chancen bieten sich mir? Welche Auswirkungen kann die Nutzung eines solchen Mediums auf mich und meine Wahrnehmung der Umwelt haben? Wie wichtig und bedeutsam diese Fragen sind, erkennen wir in der großen Breite vielleicht erst dieser Tage, da unser unbedarfter Umgang mit sozialen Medien reale Auswirkungen größeren Ausmaßes zu haben scheint.

Medienkompetenz bedeutet für mich also: Kommunikationswege annehmen, wahrnehmen – und kritisch nutzen. Das klingt jetzt leider nicht wesentlich konkreter als der Begriff an sich, weswegen ich mich an einem Beispiel versuchen möchte. Nehmen wir den Kurznachrichtendienst Twitter. Twitter bietet mir ganz gewiss Chancen, Optionen, Möglichkeiten. Zunächst den unbeschwerten, einfachen Zugriff auf eine Vielzahl anderer Nutzer, ob sie mich nun wollen oder nicht. Ich kann lesen, was in den Äther gepustet wird, ich kann darauf reagieren, und ich kann meine eigenen Ansichten beisteuern. Twitter bietet sowohl die Möglichkeit, einfach eigene Statements zu schreiben, als auch mit anderen zu interagieren und somit Beziehungen aufzubauen. Twitter erlaubt mir, mich mit Gleichgesinnten auszutauschen, mich mit Andersdenkenden zu streiten. Twitter ist schnell und einfach, mit Twitter weiß ich oftmals schneller über die Vorgänge in der Welt Bescheid als durch klassische Onlinemedien. Und habe noch dazu umgehend die Reaktionen aus dem Netz mit dabei. Twitter kann mir als Veröffentlichungsorgan dienen, um mich selbst und meine Werke bekannter zu machen. Twitter kann – ganz offensichtlich – auch dazu genutzt werden, ein ganzes Land zu regieren. Hey, wo sind die Grenzen?

Twitter bietet aber eben auch Nachteile oder Gefahren. Was ich auf Twitter schreibe, wird gelesen – und ich habe nicht in der Hand, von wem es gelesen wird, wohin es verbreitet wird. Was geschrieben wurde, lässt sich nur schwer wieder löschen. Wie viele Prominente haben schon absoluten Blödsinn geschrieben und Screenshots davon werden bis in alle Zeit im Netz zu finden sein? Twitter kann Menschen Zugriff auf mich geben, die Böses im Schilde führen. Vielleicht eine der größten Gefahren: Twitter kann meine Wahrnehmung massiv einschränken. Ob gewollt oder ungewollt baue ich mir mit meiner Timeline eine Blase mit Inhalten, die ich gerne lese – und erhalte zunehmend den Eindruck, die ganze Welt empfindet so, wie ich es tue. Dabei sehe ich die anderen nur einfach nicht.

Twitter verändert vor allem mein Leseverhalten. Früher, als Twitter noch nur 140 Zeichen zuließ, waren sämtliche Nachrichten mit längerem Text plötzlich sehr anstrengend zu lesen. Das habe ich nicht nur hier in meinem Blog feststellen müssen – meine Texte waren vielen Lesern plötzlich viel zu lang. Auch ich selbst hatte Schwierigkeiten, mich mit längeren wissenschaftlichen Texten auseinander zu setzen. Ich musste mir dieser Problematik erst bewusst werden und sie ganz gezielt angehen, um dieses Manko wieder zu beheben. Ich weiß, dass viele Nutzer die Kürze als wundervolles Feature der Plattform wahrnehmen. Disput in 280 Zeichen ist dennoch… schwierig.

Es gibt also viele Dinge zu beachten im Umgang mit einem Medium. Und jedes Medium hat seine eigenen Tücken, seine eigenen Gefahren, Chancen – Nutzergruppen. Es gibt gewiss klassische Regeln, die für das Gesamtmedium Internet sinnvoll sind. Etwa: Poste keine Partybilder von dir ins Netz. Veröffentliche keine privaten Daten. Aber es gibt Vieles mehr zu lernen.

Meine letzte Bemerkung: Wie oben angedeutet sind auch Bücher Medien. Gerade in den Wissenschaften erkennt man bisweilen schön, dass auch hier Medienkompetenz von äußerster Wichtigkeit ist. Bücher zu bestimmten Themen zu finden und zu lesen ist das Eine. Sie unreflektiert zu zitieren, ohne sich über den Inhalt und die dahinterliegenden Intentionen Gedanken gemacht zu haben, ist allerdings hochgefährlich. Jede Zeit hat ihren Zeitgeist, und der schlägt sich unwillkürlich auch in akademischen Texten nieder. Damit aufgeklärt und bewusst umzugehen ist eine große Herausforderung, an der auch manchmal gestandene Wissenschaftler scheitern.

Medienkompetenz ist also nicht nur für das Grundschulklassenzimmer. Sondern eine sehr viel kompliziertere Sache.

Wie #medienkompetent bin ich selbst?

Oh Gott. Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung. Wie sollte ich das idealerweise quantifizieren? Ich habe studiert, gleich zweimal, ich kann also lesen. Ich habe oben aufgezeigt, worauf man im Umgang mit Texten achten muss, bin mir dessen also bewusst – aber wende ich es auch jedes Mal an? Bestimmt nicht. Es würde mich zumindest sehr wundern. Der kritische Umgang mit Medien ist etwas, das immer mal wieder in meinen mentalen Vordergrund rückt, woraufhin ich meine aktuelle Mediennutzung kritisch hinterfrage – aber es ist kein persistenter Hintergrundgedanke. Gewiss, ich achte darauf, was ich in sozialen Medien mitteile. Es hat lange gedauert, bis ich gewisse Dinge über mich publik gemacht habe – und das gezielt und in dem Wissen (oder wenigstens in der Hoffnung) für etwaige Reaktionen ausreichend gewappnet zu sein. Ich bin vorsichtig im Umgang mit anderen Menschen im Netz. Nicht nur, weil ich weiß, dass es zwischen vielen wunderbaren Nutzern garantiert auch Gefahren gibt. Sondern auch, weil ich andere nicht verletzen will.

Macht mich das jetzt zu einem medienkompetenten Menschen? Ich glaube, da gäbe es noch viel zu tun. Und es kommt ja immer auch auf das Medium an. Man werfe mich in die Welt von Snapchat und schon bin ich vollends verloren. Ehrlich, ich habe diese App mehrere Male heruntergeladen und bis heute nicht verstanden, worum es geht. Meine beste Freundin und ich sind neulich an den Instagram-Stories gescheitert. Und der allseits geliebthassten Plattform Facebook bin ich inzwischen schon optisch so sehr entwachsen, dass ich über deren Funktionsweise kaum noch Bescheid weiß.

Letztlich schwingt für mich in Medienkompetenz auch noch eine gewisse Balance-Entscheidung mit. Datenschutz versus digitaler Partizipation. Was will ich mit der Öffentlichkeit – und mit amerikanischen Großkonzernen teilen? Und was lieber für mich behalten? Was muss ich vielleicht doch preisgeben, um in der digitalen sozialen Welt nicht völlig abgemeldet zu sein? Oder ist dieses Gefühl der digitalen Isolation nur ein Hirngespinst?

Ich fürchte, das sind Fragen, auf die es zumindest gegenwärtig keine einfachen Antworten gibt. Es handelt sich um subjektive Abwägungen, die jeder für sich selbst treffen muss. Der Eine wird mir antworten, dass ein Leben ohne soziale Medien möglich und ohnehin sehr viel schöner ist. Der Andere antwortet mir zwischen zwei Tweets, dass ich doch endlich seine Twitterumfrage retweeten soll und nicht so lange Blogtexte schreiben. Da hilft nur, sich kompetent zu entscheiden und abzuwägen.

Was teile ich über mich in der digitalen Öffentlichkeit?

Das hat sich im Laufe der Zeit sehr stark verändert. Als Kind und Jugendlicher bin ich von meiner Mutter und im schulischen Umfeld stark sensibilisiert worden für die Gefahren, die tendenziell im Internet lauern. Ich gehöre ja noch zu der Generation, die beispielsweise die Chaträume kennt, also bestimmte Webseiten im Netz, auf die man sich einloggt und dann gemeinsam Text in ein Feld eingibt, um sich zu unterhalten (Stichwort: GIGA-Chat). Das waren Zeiten, in denen Instant Messaging in den Kinderschuhen steckte und Internetforen als die zweite große Kommunikationsplattform galten. Heute ist das alles in einem großen Netzwerk vereint und sehr viel unmittelbarer, natürlicher.

Damals war ich extrem zurückhaltend mit allem, was ich über mich preisgeben konnte und wollte. Und das halte ich auch nach wie vor für richtig. Gerade junge Menschen sollten aus meiner Sicht nicht zu offenherzig mit dem umgehen, was sie von sich in die Welt setzen – sei es in alle Öffentlichkeit, sei es aber auch die schriftliche Kommunikation untereinander. Meine beste Freundin habe ich damals über ein Onlinerollenspiel kennengelernt. Wenn ich mich recht erinnere, musste sie damals zwei Jahre warten, bis ich auch nur ein Bild von mir rausgerückt habe, sowas wie ein Telefonat oder gar ein persönliches Treffen gab es erst viel später. Was aber auch der geografischen Entfernung geschuldet ist. Also das Treffen. Nicht das Telefonat.

Heute nutze ich das Medium Internet und soziale Netzwerke ein bisschen anders, teilweise, um auf mich und meine Interessen aufmerksam zu machen (beispielsweise mit Texten über Medienkompetenz), teilweise, um an interessanten Aktionen zu partizipieren und solches Engagement somit zu fördern und zu unterstützen (beispielsweise Blogparaden). Bestimmte Bereiche meines privaten Lebens oder meiner Interessen klammere ich aus, schreibe nicht darüber. Andere Dinge habe ich im Laufe der Zeit ganz bewusst publiziert – weil ich es richtig fand, notwendig, weil es für mich ein wichtiger Schritt war. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem ich zum ersten Mal ein echtes Bild von mir als Twitterfoto hochgeladen hatte. Das war vielleicht aufregend! Die Reaktionen meiner Leser war das aber wert. 😉

Abschließend will ich auf einen Satz eingehen, der nicht selten fällt, wenn es genau um diese Frage geht: Was sollte ich von mir im Netz veröffentlichen und was nicht? Denn neben den Datenschützern, die sofort Alarm schlagen und auf die zahllosen Datenbanken hinweisen, in denen wir immer durchsichtiger abgelagert werden, gibt es auch diejenigen, denen das alles völlig wurst zu sein scheint. „Ich habe ja nichts zu verbergen.“ Ein gefährlicher weil naiver Satz. Das größte Problem am Medium Internet bleibt, dass es so unfassbar viele Menschen miteinander vernetzt. Und während ich in einer Schulaula oder einem Hörsaal vielleicht noch abschätzen kann, wer die Menschen sind, die mir zuhören, ist das im Internet nicht mehr möglich. Gleichzeitig kann ich mir aber längst auch nicht mehr sicher sein, was mein Leser mit der Information, die ich von mir preisgebe, anstellen wird. Wie diese Information unter Umständen ihr oder sein Bild von mir verändert. Dinge, die für mich belanglos sind, mögen für den anderen hochbrisant sein. Dessen sollte man sich bewusst sein. Wer einen Schritt aus der Tür macht, der muss sich darüber im Klaren sein, dass er im Freien steht – und nicht alles im Freien ist nett und freundlich. Doch gefühlt – und das ist ganz zum Ende doch ein beruhigendes Gefühl – gefühlt sitzen hinter den meisten Seiten und Accounts am Ende doch sehr nette, freundliche und liebenswerte Zeitgenossen, die genauso unsicher und unbedarft durch den digitalen Medienwald irrlichtern wie wir selbst auch. Ein mediales Abenteuer.