Blogparade – Europa und das Meer | #DHMMeer

Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Blogparade des Deutschen Historischen Museums in Berlin, Hashtag #DHMMEER. Mein Dank gebührt Tanja Praske, die mich mittels eines Tweets auf diese wunderbare Aktion aufmerksam gemacht hat.

„Europa und das Meer“, so ist die Blogparade des Deutschen Historischen Museums überschrieben, die aktuell anlässlich einer gleichnamigen Ausstellung stattfindet. Ganz richtig stellen die Initiatoren auf ihrer Seite fest: „Geographisch gesehen ist Europa ein maritimer Kontinent: Keiner der anderen Erdteile hat mehr Berührungspunkte mit dem Meer gemessen an Küstenlänge und Gesamtgröße.“ Und geben als Themenvorschlag die Frage mit auf den Weg: „Was bedeutet das Meer für Sie persönlich als Europäer?“

Ich bin sehr dankbar für diese offene Fragestellung, denn ich als Münchner, Bayer, Deutscher, Europäer, habe tatsächlich gar keine Beziehung zum Meer. Woher auch. In München fließt die Isar, das nächste Meer ist eine ganze Ecke entfernt. In den seltenen Urlauben ging es eher ins Jura-Felsgebirge, paläontologische Schätze zwischen Solnhofener Schieferkalk auskratzen (Disclaimer für alle Paläontologen: keine Sorge, mehr als Kupfer- und Eisenoxidablagerungen habe ich nie gefunden).

Meine wenigen Berührungspunkte, die ich je mit dem Meer hatte, waren noch dazu durchwachsen. Dazu zählen etwa Überflüge auf meinen Reisen nach Ägypten und in die USA sowie nach Großbritannien, wenn man den Ärmelkanal als Meer zählen lassen möchte. Diese Form der Meeresbetrachtung mündete nach einigen Sekunden absoluter Faszination für die Endlosigkeit des gleichförmig gewellten Wassers schnell in eine monotone Langeweile, die mit anderen Unterhaltungsmaßnahmen abgefedert wurde. Zu meinen etwas direkteren Erfahrungen mit dem Meer zählt eine Abiturfahrt nach Korfu – 24 Stunden auf einer Fähre von Venedig nach Korfu und zurück, ein Abenteuer, das ich nie wieder in meinem Leben unternehmen möchte. Dazu Aufenthalte am Strand, sowohl aus Sand als auch aus Stein, die mir bestätigt haben, was ich schon immer geahnt hatte: Ich bin nicht für Strandurlaube gemacht. Das sittsame Liegen am Strand in der Hoffnung auf Bräune durch Sonne und Entspannung durch Nichtstun, es funktioniert in meinem Fall schlichtweg nicht. Der für manche Familien demzufolge jährlich sehnlichst erwartete Badeurlaub an Nordsee oder Mittelmeer? Für mich nicht, vielen Dank.

Nun erschöpft sich meine persönliche Beziehung zum Meer aber nicht allein darin, welche Erfahrungen ich zeitlebens machen durfte. Denn so ein Meer, das hat noch wesentlich mehr zu bieten, als es dem reisescheuen Mitteleuropäer zu vermitteln vermag. Meer, das bedeutet für mich vor allem erst einmal sauviel Wasser. Und Wasser ist gefährlich. Das ist keine allzu neue Erkenntnis, das Mittelmeer diente schließlich bereits in der Antike als Transportweg für Waren zwischen Nordafrika, dem Nahen Osten und Europa, und man tat gut daran, den jeweiligen Gott der Meere vor einer Reise gnädig zu stimmen, wollte man mit seinen kostbaren Waren und dem noch kostbareren Leben heil am Zielort ankommen. Die Brisanz der Wasserüberquerung finden wir auch in diversen literarischen Werken wieder – nicht, dass ich aus dem Stand eines zitieren könnte, aber das Bild eines Schmugglerschiffes, das bei stürmischer Nacht den Ärmelkanal zu durchqueren sucht, ist mir lebhaft in Erinnerung. Das Meer ist für einen bodenständigen Mitteleuropäer wie mich daher vor allem ein Grund, Respekt zu haben. Respekt vor einer Naturgewalt, die wir von Postkarten und aus Filmen gerne ruhig, stet und endlos kennen, die aber auch schnell unberechenbar werden kann wenn man keine Vorsicht walten lässt.

Das Meer ist freilich auch Transport- und Verbindungsweg. Wozu seinen Gaul auf der Reise von Italien nach Ägypten lahm reiten, wenn sich so viel einfacher mit einem Schiff quer durch den großen Teich reisen lässt? Man bedenke nur, welche Auswirkungen die Seefahrt allein in der Antike bereits hatte. Die Bedeutung des Seehandels lässt sich unschwer an der Größe und Dominanz der großen Hafenstädte dieser Zeit ablesen – man denke nur an die Hafenstadt Alexandria mit ihrem fantastischen Leuchtturm, oder den attischen Hafen Piräus. Der Seeweg erlaubte schon damals den Import von Rohstoffen und Gütern aus weit entfernten Ländereien, die anders nicht oder nur mit extremstem Aufwand ihren Weg bis zu ihrem endgültigen Zielort gefunden hätten. Ganz zu schweigen vom kulturellen Austausch, der nebenher erfolgte.

Mir als Mitteleuropäer dient das Meer heute natürlich auch noch ganz anders. Etwa als Schutz für die zahllosen dicken Kabelleitungen, mit denen das weltweite Netzwerk, das Internet, aufgespannt worden ist. Irgendwo tief unten am Meeresgrund liegen sie, diese Schläuche, die uns Europäer mit Amerikanern verbinden, und gelegentlich schwimmt vielleicht ein Hai oder ein Laternenfisch vorbei und wundert sich, was für einen Aufwand wir für unsere digitale Geschwätzigkeit betreiben. Da stellt man sich doch gleichzeitig fast die Frage: Was bedeutet das Meer eigentlich für einen Fisch?

Tief unten am Meeresgrund – das entlockt mir noch eine weitere Assoziation für das Meer: die Tiefsee, jener Ort, den wir bis heute nicht vollends ergründet haben, weil der Wasserdruck zu hoch, der Sauerstoffgehalt zu gering und die Gefahren zu uneinschätzbar sind. Wie unvorstellbar vielfältig und zahlreich ist die Artenvielfalt der Meere bereits in den Bereichen, die wir kennen und ergründen konnten? Was liegt vielleicht noch dort unten vor unser aller Augen verborgen, das uns in absolutes Erstaunen versetzen kann? Nein, dieser Neugierde kann ich mich beim besten Willen auch als Voralpenlandskind nicht entziehen.

Ich könnte noch eine ganze Weile fortfahren, denn „das Meer“ hält Einzug in so viele Dinge, in Literatur und Kunst, in Filme, in wissenschaftliche Forschung. Ich mag persönlich keine sehr enge, keine direkte Bindung zum Meer haben, doch entziehen kann ich mich dem Meer nicht. Das würde ich auch nie wollen. Eines jedoch, das ist mir wichtig: die Meere machen den größten Teil der Oberfläche unseres Planeten aus, und sie beherbergen einen fantastischen Schatz an Artenvielfalt. Sie sind ein beeindruckendes Ökosystem, das wir bewundern und von dem wir profitieren dürfen. Es liegt an uns, sorgsam mit dieser Ressource umzugehen – und das Meer nicht zu einer Deponie werden zu lassen. Dafür ist es für uns alle einfach viel zu wichtig.